7.9.1944: Helmut Schmidt im Angesicht des Todes-Richters Roland Freisler

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Erst im Laufe des Krieges beginnt Helmut Schmidt Schritt für Schritt klarer zu sehen. Ein Anlaß dafür ist unter anderem seine Abkommandierung zu einer Sitzung des Volksgerichtshofs am 7. September 1944:

An diesem Donnerstag im September –44 muß er am Eingang zum Gerichtssaal seine Pistole abgeben. Was er nun erlebt, spricht seinem Rechtsempfinden sowie seinen Vorstellungen von Moral und Anstand Hohn. Als Offizier, als Staatsbürger, als Mensch.

An diesem Tag verhandelt der Volksgerichtshof unter dem Vorsitz seines Präsidenten gegen vier mutmaßlich an der Verschwörung gegen Hitler Beteiligte, die am Attentat vom 20. Juli –44 mitgewirkt haben sollen:

Friedrich Goerdeler
Ulrich von Hassell
Wilhelm Leuschner
Josef Wirmer

Der seit rund zwei Jahren amtierende Präsident des Volksgerichtshofes Dr. jur. Roland Freisler ist ein devot und jähzornig. Rhetorisch nicht Joseph Goebbels unähnlich. Der junge Goebbels ist von Sozialismus und Kommunismus angetan gewesen. Um von seinem Idol Hitler positiv wahrgenommen zu werden, verwandelt er sich später zum 150 % fanatischen Nationalsozialisten.

Ähnliches scheint auf Freisler zuzutreffen: Er hat mehrere Jahre nach seiner Kriegsgefangenschaft ab 1918 offenbar freiwillig in der Sowjetunion verbracht. Freisler will diesen Schatten in seinem Lebenslauf kaschieren und wird deshalb ebenfalls zum Karrieristen im Dienste des Nationalsozialismus. Er möchte Hitler gefallen. Besonders wenn es um Kritiker, Opponenten und Widerständler gegen den Nationalsozialismus geht. Dr. jur. Freisler ist ein äußerst diensteifriger Scherge.

Sein Auftreten anläßlich der Volksgerichtshof-Prozesse im Nachgang zum Attentat des 20. Juli –44 ist vulgär: Er versucht die Angeklagten zu beleidigen und zu verunsichern. Für die Filmkameras der Deutschen Wochenschau. Dieses Unterfangen gelingt Dr. Freisler im Wesentlichen nicht. Goebbels wird etwas später erkennen, daß die Aufnahmen zu dem geplanten Propaganda-Film „Verräter vor dem Volksgerichtshof“ den unvoreingenommenen Betrachter nicht überzeugen können:

Das hysterische Gekreisch von Freisler entlarvt insbesondere die Hilflosigkeit des Emporkömmlings rund sieben Monate vor dem Zusammenbruch des NS-Staates.

Um 17:00 Uhr an diesem 7. September beschließt das Gericht die Vertagung des Prozesses auf den 8. September. Oberleutnant Helmut Schmidt empfindet den ersten Tag dieses Schauprozesses als so bedrückend, daß er kurz darauf in Bernau seinen Kommandeur Generalleutnant von Rantzau bittet, ihn von einer weiteren Teilnahme zu entbinden.

Helmut Schmidt zu Kameraden in der Folgezeit: „Ich könnte mit Genugtuung und bedenkenlos Freisler töten!“

Helmut Schmidt muß den Präsidenten des Volksgerichtshofes nicht töten. Dr. jur. Roland Freisler wird am Samstag, dem 3. Februar 1945, in Ausübung seines Dienstes, bei einem Luftangriff von einem herabstürzenden Balken erschlagen.

Helmut Schmidt hingegen wird es hingegen vergönnt sein, nach dem kurzlebigen Dritten Reich an herausragender Stelle die 60er bis 80er Jahre der Bundesrepublik Deutschland entscheidend mitzugestalten.

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