Aachener Zeitung: Alltag und Terror / Niemand muss sich noch zusätzlich verrückt machen / Von Peter Pappert

Abgelegt unter: Allgemein |





Gespräche zu Hause, mit Freunden und am
Arbeitsplatz drehen sich in diesen Tagen um Anschläge, Terror und
islamistischen Hass auf die freie Gesellschaft. Ist die Gefahr für
jeden einzelnen objektiv auch nicht größer geworden, subjektiv wird
sie von vielen Menschen als beklemmend, ja bedrohlich empfunden.
Diese Empfindungen – häufig genug einfach Angst – sind ein
politisches Phänomen, auf das Terroristen spekulieren und die Politik
Rücksicht nehmen muss, ob ihr das passt oder nicht. Die französische
Sicherheitsdebatte nach dem Attentat in Nizza ist ein abschreckendes
Beispiel dafür, wie man solche furchtbaren Taten auf billigste Weise
für parteipolitische Zwecke missbrauchen kann. Hier wie dort lautet
die bittere Erkenntnis: Gegen fanatisierte Einzeltäter oder
psychopathische Nachahmer, die zu allem entschlossen sind und denen
das eigene Leben nichts gilt, kann letztlich niemand geschützt
werden.

Taktik des IS

Bei einem von und mit mehreren Tätern koordinierten
Terroranschlag, wie es sie zuletzt in Paris und Brüssel gab, haben
Sicherheitsbehörden wegen der notwendigen Vorbereitungszeit noch
gewisse Chancen, weil sie bestenfalls einzelne Gefährder und deren
Kontakte im Visier haben. Auch gegen Terroristen wie jene der
Rote-Armee-Fraktion in den 70er und 80er Jahren gäbe es heute mehr
Möglichkeiten als damals, zumal sie nicht wie Dschihadisten ihr Leben
aufgeben wollten. Gegen Massenmörder, die Selbstmörder sind, lässt
sich nur wenig vorbeugen. Es führt zu keiner neuen Erkenntnis, ein
Attentat wie jenes in Würzburg sofort und ohne präzise Belege dem IS
zuzuschreiben, nur weil der sich dazu „bekennt“. Der „Islamische
Staat“ schreibt sich offensichtlich gerne jede Bluttat auf die eigene
Fahne. Ob Nizza oder Würzburg oder anderswo – der IS mag logistisch
oder gar als Auftraggeber dahinter stecken oder nicht, mit seiner
digitalen Hass-Propaganda stachelt er auf jeden Fall Menschen auf,
die zu Gewalt neigen, radikalisiert sie und gibt ihnen gar praktische
Hinweise. Inwieweit die Attentäter dann tatsächlich von religiösem
Fanatismus motiviert sind, steht auf einem anderen Blatt. Wäre der
Würzburger Attentäter nicht tot, könnte man ihn dazu vernehmen. Der
sogenannte Shitstorm, der gestern über Renate Künast hereinbrach, ist
übertrieben. Sie hat eine Frage gestellt, die sich die Polizei selbst
nach solchen Ereignissen stellt: War das Vorgehen angemessen? Genau
das ermitteln Staatsanwälte in solchen Fällen – jedes Mal,
obligatorisch. Dazu bedarf es keines besonderen Hinweises aus dem
politischen Raum. Also muss man auch Künast eine Frage stellen: Ist
es Aufgabe einer Berliner Politikerin, in einem medialen
Schnellschuss derart auf einen Einsatz zu reagie- ren, der für die
betroffenen Beam- ten extrem schwierig – ja lebensgefährlich – war?
Bundestagsabgeordnete und sonstige Mandatsträger werden nicht in
verantwortliche Positionen gewählt, um – ob getwittert oder
„gefacebooked“ – mediale Aufregungen noch zu verstärken.

Unnötige Hitze

Der gestrige Streit um Künast ist kein Drama, aber doch und leider
typisch für die mittlerweile übliche Diskussionskultur. Künasts
Parteifreund Nouripour findet deren Äußerung „nicht besonders
geschickt“ und führt sie auf die „Hitze des Gefechts“ zurück. Eben!
Deshalb müssten kluge, erfahrene, verantwortlich handelnde Politiker
aller(!) Parteien ebenso wie Journalisten oder Promis jeder
Güteklasse mal Hitze rausnehmen, abwarten und besonnen, abgewogen
rea-gieren. Es muss nicht jedes Ereignis und nicht jeder Vorgang
sofort kommentiert werden. Aufs Tempo kommt es schon gar nicht an,
sondern auf Substanz. Die macht allerdings mehr Mühe.

Pressekontakt:
Aachener Zeitung
Redaktion Aachener Zeitung
Telefon: 0241 5101-389
az-blattmacher@zeitungsverlag-aachen.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *



Blog Top Liste - by TopBlogs.de Blogverzeichnis Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de