Aachener Zeitung: Kommentar Die Angst im Alltag München: Erfahrungen, Reaktionen, Konsequenzen Bernd Mathieu

Abgelegt unter: Allgemein |





Dass unser Alltag aus den Fugen geraten sei,
beherrscht die Grundstimmung vieler Menschen. Je nach Gemüt schwankt
sie zwischen Sorge und Skepsis, Angst und Panik, Vermutungen und
Vorurteilen. In (zu) vielen Medien begegnen wir ähnlichen Phänomenen.
Sie zeigen sich in überflüssigen Fragen, in kaum zu ertragenden
„Analysen“ sogenannter Terrorismus-Experten, in den Endlosschleifen
von Wiederholungen, in der Arroganz, trotz Nicht-Wissens zu
spekulieren. Es wird erklärt, was noch gar nicht feststeht:
Terroristen? Rechtsextremisten? Islamisten? Amokläufer? Wer keine
telegene Deutungshoheit hat, ist selber schuld.
Verantwortungsbewusste Politiker haben sich mit solchen
Spontan-Erklärungen zurückgehalten: Horst Seehofer und sein
Innenminister Joachim Herrmann, Angela Merkel und ihr Innenminister
Thomas de Maizière. Daran gibt es ebenso wenig zu kritisieren wie an
den sachlichen Bemerkungen etwa von Sahra Wagenknecht. Das sah im
rechten Lager anders aus. “ „Abscheu den Merklern und Linksidioten,
die Mitverantwortung tragen.“ (André Poggenburg,
AfD-Landesvorsitzender Sachsen-Anhalt). Dass solche Hetzer in
Deutschland gewählt werden, ist ernüchternd. Erhellend dagegen ist
die Leistung der Münchener Polizei. Ihre abendliche und nächtliche
Krisenkommunikation ließ keinen Raum für Spekulationen. Diese
beispielhafte Souveränität, die (scheinbare?!) Gelassenheit während
der Fahndung und mitten im Ausnahmezustand der Metropole sowie die
Kompetenz im Umgang mit den Medien trägt – stellvertretend für die
gesamte Behörde – einen Namen: Marcus de Gloria Martins. Die
besonnene Art des Münchener Polizeisprechers war großartig. Das
Gegenteil lieferten – wieder einmal – Verrückte in den Netzwerken des
Internets. Dazu gehörten eindeutig strafbare Handlungen: Fehlalarme
und das Posten von Fakes, etwa angebliche Fotos aus der Münchener
U-Bahn, die tatsächlich aus Südafrika stammten, oder Schwerverletzte
vor einem weiteren Einkaufszentrum, die aber bei einer
Katastrophenschutzübung in Manchester fotografiert wurden. Das ist
nicht nur ein mieses Spiel mit der Angst, sondern kriminell und muss
konsequenter verfolgt und bestraft werden. Möglich wäre das. Es gibt
analoge Gegenentwürfe: Das sind ganz besonders die vielen
Münchenerinnen und Münchener, die den gestrandeten Passanten und
Touristen halfen, die nicht mehr mit U- und S-Bahn, Taxi oder Bus
fahren konnten und sie bei sich zu Hause aufnahmen. Chapeau! Das
Vertrauen wildfremder Menschen zueinander ist die beste Antwort auf
Terror, Horror, Amok. Dieses menschliche Grundmuster zeigt: Es gibt
analoge Werte, die wir nicht verloren haben. Sie sind die humane
Reaktion auf manche Verkommenheit, zunehmende Respektlosigkeit und
den globalen Virus der Menschenverachtung und auch auf
dschihadistische Propaganda. Diesen Zusammenhalt schaffen nicht
alleine Polizei, GSG 9, Militär oder Politik, das schaffen nur: wir
alle.

Pressekontakt:
Aachener Zeitung
Redaktion Aachener Zeitung
Telefon: 0241 5101-389
az-blattmacher@zeitungsverlag-aachen.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.



Blog Top Liste - by TopBlogs.de Blogverzeichnis Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de