Angriff auf Bundestags-IT ein „Debakel“: Ex-Innenminister Schily beklagt auf Potsdamer Sicherheitskonferenz Versäumnisse (FOTO)

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In der brandenburgischen Landeshauptstadt ist am Freitagnachmittag
die Potsdamer Konferenz für nationale Cyber-Sicherheit zu Ende
gegangen. 300 Experten von NATO, Europol, Bundesverfassungsschutz,
Bundeskriminalamt und anderen Institutionen aus Politik, Wirtschaft
und Wissenschaft hatten zwei Tage lang am Hasso-Plattner-Institut
(HPI) aktuelle Gefährdungen wie den Hacker-Angriff auf den deutschen
Bundestag und grundsätzlich notwendige Schutzmaßnahmen beraten.

Thoralf Schwanitz, tätig im Bereich Public Policy und Government
Relations bei Google Deutschland, betonte am Freitag insbesondere die
Wichtigkeit von Verschlüsselungsmaßnahmen. Zum Einen sei
Datenverschlüsselung zum Schutz vor Hackern wichtig, zum Anderen
zwinge sie Regierungen und Behörden, auf rechtsstaatlichem Wege
Zugriff auf Daten zu erfragen. Allein in der ersten Jahreshälfte 2010
habe Google 15.000 behördliche Ersuchen im Kontext von
Strafverfolgungen erhalten, im Jahr 2014 bereits mehr als doppelt so
viele. Diesen Ersuchen werde nach rechtlicher Prüfung in rund 65
Prozent der Fälle nachgegangen. Schwanitz betonte die damit
einhergehende unternehmerische Verantwortung: „Keine Regierung, auch
nicht die der USA, hat einen wie auch immer gearteten Zugang durch
die Hintertür zu Google“.

Der frühere Bundesinnenminister Otto Schily betonte auf der
HPI-Konferenz, dass persönliche Freiheitsrechte im Internet nicht
durch den Rechtsstaat, sondern durch Terrorismus, organisierte
Kriminalität und totalitäre Regimes bedroht würden. Auch die
wachsende wirtschaftliche und politische Macht privater Konzerne wie
Google und Facebook begreift er als Gefahr: „Gegen diese
Konzentration versagen die Instrumente des Kartell- und Steuerrechts,
hier bedarf es weiterer Beschäftigung“. Er beklagte das Versäumnis,
dass Cybersicherheit bei der Festlegung politischer Prioritäten noch
immer nicht den gebührenden Rang einnehme. Als unzureichend
bezeichnete Schily unter anderem die erst im Mai auf den Weg
gebrachte Strategie der EU-Kommission zum „Digitalen Binnenmarkt“,
bei der angemessene Sicherheitsmaßnahmen kaum eine Rolle spielten.
Dabei könnte das technologisch hinter den USA zurückgebliebene Europa
gerade auf diesem Gebiet ein „Alleinstellungsmerkmal“ herausbilden,
so Schily.

Die Relevanz des Themas Cybersicherheit wurde durch den am Freitag
im Bundestag erfolgten Beschluss des IT-Sicherheitsgesetzes noch
einmal deutlich unterstrichen. Bei diesem Gesetz geht es unter
anderem um strengere Internet-Sicherheitsvorschriften für Betreiber
kritischer Infrastruktur, wie etwa Banken, Energieversorger oder
Verkehrsunternehmen. Im Kern verlangt das Gesetz zum einen die
Erfüllung festgelegter Mindeststandards zur Absicherung der
Informationstechnik, zum anderen müssen zukünftig schwerwiegende
Vorfälle an Behörden gemeldet werden – ansonsten drohen Bußgelder von
bis zu 100.000 Euro. Das Gesetz wurde auf der HPI-Konferenz kritisch
diskutiert: Wilhelm Dolle von der Unternehmensberatung KPMG etwa
erwartet vom Staat mehr Unterstützungsleistungen vor allem für kleine
und mittelständische Unternehmen bei der Absicherung ihrer IT. Auch
für Iris Plöger vom Bundesverband der Deutschen Industrie gehen
Bußgelder in die falsche Richtung, da Unternehmen ohnehin bereits ein
starkes Eigeninteresse an sicherer Infrastruktur hätten.

Bereits am ersten Tag der Potsdamer Konferenz für nationale
Cyber-Sicherheit waren die Ernsthaftigkeit und zunehmende Bedrohung
von Cyberangriffen von hochrangigen politischen Akteuren verdeutlicht
worden. Nato-Vizegeneralsekretär Prof. Jamie Shea erklärte am
Donnerstag, dass ein Cyberangriff den Bündnisfall auslösen und ein
gemeinsames Eingreifen der Verteidigungskräfte notwendig machen
könnte. Ab einer gewissen Größenordnung sei so eine Attacke mit einem
bewaffneten Angriff gleichzusetzen, betonte Shea. Eine Antwort der
Nato auf solche Attacken müsse nicht nur auf digitalem Weg folgen.

Dass die Cyberwelt sich durch eine neue Form der Asymmetrie
auszeichne, betonte Dr. Hans-Georg Maaßen, Präsident des Bundesamtes
für Verfassungsschutz. Nordkorea etwa verfüge nur über drei Zugänge
zum World Wide Web, und sei dennoch in der Lage gewesen, einen
schwerwiegenden Angriff auf den global operierenden Sony-Konzern zu
fahren. In Zusammenhang mit der Cyberattacke auf den Deutschen
Bundestag erklärte Maaßen, dass er es nicht für ausgeschlossen halte,
dass ein anderer Staat hinter dieser Attacke stehe. Maaßen fürchtet
sogar, dass es sich um einen Cyberangriff eines ausländischen
Nachrichtendienstes handeln könne.

Michael Hange, Präsident des Bundesamtes für Sicherheit in der
Informationstechnik (BSI), warnte davor, dass die Cyberspionage auch
in Zukunft weiter zunehmen werde. Der Schritt hin zu Sabotage sei nur
ein kleiner. Hange betonte, dass in den 1990er Jahren noch alles mit
Kryptoprodukten gesichert werden konnte. „Mit der Technologie von
heute funktioniert der Perimeterschutz nicht mehr“, so Hange.
Angreifer würden systematisch nach einzelnen Schwachstellen in
Softwareprodukten suchen und über Hintertüren in Systeme einfallen.
Verteidiger müssten aber komplette Systeme schützen. Angesichts
tausender Schwachstellen sei das eine kaum leistbare Aufgabe. Wenn es
flächendeckend geschafft werde, Systeme zu 80 bis 90 Prozent sicher
gegen Cyberangriffe zu schützen, würden sich Angriffe von
Cyberkriminellen schon nicht mehr lohnen.

Dass dazu nicht nur technische Lösungen vonnöten sind,
argumentierte am Donnerstag HPI-Direktor Prof. Christoph Meinel. Zu
den Gegenmaßnahmen gehöre auch, das Sicherheitsbewusstsein der
Mitarbeiter zu stärken, die Menschen zu sensibilisieren durch
Aufklärung und Weiterbildung. Zudem wies Meinel darauf hin, dass sich
das HPI mit der Echtzeitabwehr von Cyberangriffen als einem der
Forschungsschwerpunkte befasst. Dreh- und Angelpunkt sei hierbei das
am HPI mitentwickelte In-Memory-Datenmanagement.

Das gemeinsame Pilotprojekt „Online-Datentresor“ zwischen dem HPI
und der Bundesdruckerei soll in der Zukunft für Unternehmen sowie
Privatpersonen ermöglichen, Dokumente zuverlässig in der öffentlichen
Cloud zu sichern und zu verwalten. Neben modernen Verschlüsselungs-
und Verteilungsmechanismen zeichnet sich diese Lösung auch dadurch
aus, dass die Cloud-Speicher ausschließlich durch zertifizierte
deutsche Unternehmen bereitgestellt werden. Diese komplett deutsche
Lösung verhindert also zum Beispiel, dass die sensiblen Dokumente
deutscher Nutzer den Vorschriften des US-amerikansichen Rechtsraums
unterliegen, sobald sie in der Cloud gespeichert werden.

Um die Forschung auf dem Gebiet der digitalen Identität noch
weiter voranzubringen, haben HPI und Bundesdruckerei auf der
Potsdamer Sicherheitskonferenz das „Secure Identity Lab“ eröffnet. Ab
sofort werden junge Wissenschaftler eingestellt, die innovative
Konzepte und Technologien zur Identitätssicherung entwickeln und
bewerten sollen. Es gehe darum, schon jetzt die Grundlagen für
vertrauensvolle Geschäfts- und Kommunikationsprozesse in der
digitalen Welt von morgen zu sichern, hieß es.

Pressekontakt:
HPI-Pressestelle: presse@hpi.de. Pressesprecher Hans-Joachim
Allgaier, M.A., Tel. +49 (0)331 5509-119, Mobil +49 179 2675466.

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