ARD-Fernsehteam kurzzeitig in Katar festgenommen

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Reporter ohne Grenzen (ROG) ist beunruhigt über das
Vorgehen des arabischen Golfstaats Katar gegen ein ARD-Fernsehteam.
Bei Recherchen zur Situation der Gastarbeiter auf den Baustellen für
die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 wurden der sportpolitische
ARD-Reporter Florian Bauer sowie ein Kameramann, ein Toningenieur und
ihr Fahrer festgenommen. Das Fernsehteam wurde anschließend fünf Tage
lang an der Ausreise gehindert. Seine beschlagnahmte Ausrüstung
erhielt es erst nach mehr als vier Wochen und mit vollständig
gelöschten Datenträgern zurück.

„Die Regierung in Doha muss sicherstellen, dass ausländische
Journalisten ungehindert auch über kritische Themen wie die
Menschenrechtslage im Land recherchieren können“, sagte
ROG-Geschäftsführer Christian Mihr. „Wer wie Katar mit sportlichen
Großveranstaltungen die internationale Bühne sucht, sollte sich auch
einer kritischen Weltöffentlichkeit stellen.“

ANFRAGEN FÜR DREHGENEMIGUNGEN BLIEBEN WOCHENLAND UNBEANTWORTET

ARD-Reporter Bauer hatte sich im Vorfeld der Recherchereise
wochenlang bei verschiedenen katarischen Stellen um Interviews und
Drehgenehmigungen bemüht (http://t1p.de/pblz). Unter anderem bat er
das WM-Organisationskomitee und das Nationale Menschenrechtskomitee
Katars um offizielle Einladungen und richtete Interviewanfragen an
Innen- und Arbeitsministerium sowie an das Staatsoberhaupt Scheich
Tamim Bin Hamad Al Thani. Die meisten dieser Institutionen reagierten
jedoch auch auf wiederholte Nachfragen nicht.

Der Reporter und der auftraggebende Sender WDR wollten dennoch vor
Ort nachforschen, was aus den Zusagen Katars geworden ist, die
international kritisierten Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen
zu verbessern (http://t1p.de/wzgq) – auch, weil er die
Weltöffentlichkeit in der Verantwortung sieht, bei einer
Sportveranstaltung von internationaler Bedeutung die
Menschenrechtssituation im Gastgeberland im Blick zu behalten.

Während eines Drehs mit ausländischen Arbeitern wurde das Team am
27. März vom Staatsschutz festgenommen, auf eine Polizeiwache
gebracht und schließlich einem Staatsanwalt vorgeführt. Nach rund
vierzehn Stunden wurden der Reporter und seine Mitarbeiter
freigelassen, aber zunächst mit einem Ausreiseverbot belegt. Erst am
2. April und auf Intervention der deutschen Botschafterin durften sie
das Land verlassen. Ein Grund für die Festnahme wurde Bauer und
seinen Kollegen nicht mitgeteilt; offensichtlich wurde ihnen aber das
Drehen ohne die vorgeschriebene Genehmigung zur Last gelegt.

Die beschlagnahmte Ausrüstung des Fernsehteams – darunter eine
Kamera, Tonausrüstung, ein Laptop, zwei externe Festplatten und vier
Smartphones – gaben die Behörden trotz anderslautender Zusicherungen
erst am 26. April frei. Zuvor wurden alle darauf gespeicherten Daten
gelöscht, darunter auch eindeutig als privat erkennbare Fotos und
andere Dateien. Die Botschaft Katars in Deutschland hat sich auf
Anfrage von Reporter ohne Grenzen bislang nicht zu dem Vorgang
geäußert.

REPRESSIVE GESETZE, STRIKTE KONTROLLE AUSLÄNDISCHER REPORTER

Im Oktober 2013 war in Katar schon einmal ein deutscher
Fernsehreporter bei Recherchen über die Arbeitsbedingungen
ausländischer Wanderarbeiter festgenommen worden
(http://t1p.de/r5pl). Bei der Handball-Weltmeisterschaft soll das
Emirat fast 40 Prozent der internationalen Berichterstatter
„eingeladen“, also ihre Flug- und Hotelkosten übernommen haben
(http://t1p.de/ia6j). Reporter berichteten nach dem Sportturnier,
dass sie jede Interviewanfrage aufwändig gegenüber katarischen
Stellen rechtfertigen mussten und nur unter Aufsicht Kontakt zu
Gesprächspartnern aufnehmen durften (http://t1p.de/zdop).

Medien dürfen in dem Emirat nur mit Lizenz arbeiten. Auf
Verleumdung, Blasphemie und andere Pressedelikte stehen Haftstrafen
(http://t1p.de/wghr). Kritik am Königshaus, Themen der nationalen
Sicherheit oder kontroverse Gerichtsverfahren sind Tabuthemen,
Selbstzensur ist verbreitet. Ein Gesetz über „Internetverbrechen“
verbietet seit dem vergangenen Herbst Verstöße gegen soziale Normen
sowie die Verbreitung „falscher Nachrichten“ (http://t1p.de/q11k).

In der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen
steht Katar auf Platz 115 von 180 Staaten. Weitere Informationen zur
Situation der Journalisten dort finden Sie unter
www.reporter-ohne-grenzen.de/katar/.

Pressekontakt:
Reporter ohne Grenzen
Silke Ballweg / Christoph Dreyer
presse@reporter-ohne-grenzen.de
www.reporter-ohne-grenzen.de
T: +49 (0)30 609 895 33-55
F: +49 (0)30 202 15 10-29

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