BERLINER MORGENPOST: Assimilation ist bloß ein Kampfbegriff – Leitartikel

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Selten ist ein ausländischer Staatbesucher in
Deutschland so selbstbewusst aufgetreten wie der türkische
Ministerpräsident Receep Tayyip Erdogan. Man kann seine erneute Rede
vor Tausenden von Türken – mit Pässen, die den Halbmond oder den
deutschen Adler zieren – aber auch als Provokation verstehen. Ähnlich
seinem kämpferischen Auftritt vor drei Jahren in Köln hat er in
Düsseldorf erneut wider besseres Wissen vor einer zu weit gehenden
Integration seiner Landsleute und derer gewarnt, die sich
mittlerweile zur deutschen Staatsbürgerschaft bekennen. Der
Regierungschef aus Ankara weiß sehr wohl, dass es bei allen
Integrationsbemühungen in Deutschland nicht um Assimilation, also um
die Aufgabe aller ererbten Wurzeln geht, wie Erdogan erst suggerierte
und dann scharf verurteilte. Sondern darum, den hier lebenden Türken
und türkischstämmigen Deutschen die Chance für ein gleichberechtigtes
Leben in dem von ihnen freiwillig gewählten Land zu eröffnen – das
für nicht wenige eine zweite Heimat geworden ist. Dass dazu das
Erlernen der deutschen Sprache eine Grundvoraussetzung ist, scheint
mittlerweile auch Erdogan begriffen zu haben. Doch er geht an den
Realitäten des hiesigen Lebens vorbei wenn er verlangt, das Erlernen
der türkischen Sprache müsse Vorrang haben vor dem der deutschen.
Zweisprachigkeit noch vor der Einschulung wäre optimal. Doch
angesichts des Bildungshintergrunds vieler türkischer Familien ist
das eher irreal. Alle leidvolle Erfahrung zeigt denn auch, dass die
Jugend – mit welchem Migrationshintergrund auch immer – ohne
Beherrschung der deutschen Sprache weder beruflich noch
gesellschaftlich eine wirkliche Chance hat. Deshalb ist das Erlernen
der deutschen Sprache – auch mit massiver staatlicher Unterstützung –
wichtiger als die der Vorfahren. Wenn Erdogan zugleich verlangt,
Berlin solle alle Integrationsfragen mit Ankara absprechen, mischt er
sich in unzumutbarer Weise in die deutsche Innenpolitik ein. Seine
Düsseldorfer Rede ist der erneute Beleg dafür, dass das Eingehen auf
eine solche Forderung nicht zum Besseren, sondern wohl zum noch
Schlechteren führen würde. Er schürt eine Stimmung, die mehr auf das
Gegensätzliche, auf Konfrontation setzt, als auf ein
verständnisvolles Miteinander. Auch dem Begehren seines Landes nach
einem EU-Beitritt sind Veranstaltungen wie die in Düsseldorf wenig
förderlich. Es wäre aus globalstrategischer wie – etwas bescheidener
– nahöstlicher Sicht wohl wünschenswert, die Türkei als EU-Partner zu
gewinnen. Aber auch aus gesellschaftspolitischer Sicht? Können wir
wirklich sicher sein, dass unsere bewährten Werte nicht in
unzumutbarer Weise aufgeweicht würden? Die Entscheidung über einen
möglichen EU-Beitritt steht noch lange nicht an. Erdogan tut derzeit
wenig, Befürchtungen auszuräumen, Vertrauen zu mehren und damit ein
positives Votum zu befördern. Warum also Auftritte wie der in
Düsseldorf? Doch nur eine Wahlkampfrede, da in der Türkei Ende Juni
Parlamentswahlen anstehen? Oder etwa der Versuch, seine Landsleute
als Druckmittel zu gewinnen und zu mobilisieren, wenn irgendwann die
EU-Entscheidung ansteht?

Pressekontakt:
BERLINER MORGENPOST
Chef vom Dienst
Telefon: 030/2591-73650
bmcvd@axelspringer.de

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