BERLINER MORGENPOST: Ein klassischer Kompromiss Leitartikel von Thomas Fülling zum raschen Tarifabschluss bei den Berliner Verkehrsbetrieben und die Folgen

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Na bitte, geht doch: Ohne die in vergangenen Jahren
so belastenden Streik-Rituale haben sich Arbeitgeber und
Gewerkschaften im Tarifkonflikt bei den Berliner Verkehrsbetrieben
(BVG) auf einen Kompromiss geeinigt. Der bereits vorbereitete
Warnstreik fällt aus. Eine kurz vor Pfingsten von Ver.di geschickt
platzierte Streik-Androhung und ein lautstarkes Trillerpfeifenkonzert
vor Beginn der letzten Verhandlungsrunde am Dienstag haben gereicht,
um die BVG-Führung zu ernsthaften Bemühungen um einen Kompromiss zu
bewegen. Was ihr eigentlich gar nicht so schwer fiel. Denn anders als
ihr Vorgänger setzt BVG-Vorstandschefin Sigrid Nikutta bei Konflikten
ohnehin weniger auf Konfrontation denn auf harte, aber dennoch stets
lösungsorientierte Verhandlungen. Ein Beleg dafür, dass Frauen in
Führungspositionen durchaus auch die Unternehmenskultur nachhaltig
positiv verändern können.

Doch auch die Ver.di-Unterhändler um den streikerprobten
Verhandlungsführer Frank Bäsler haben offenbar dazugelernt. Sie
verzichteten auf die üblichen Rituale, die vor allem der
Macht-Demonstration und der Mitgliedergewinnung dienten. Zu groß war
in der Vergangenheit die Diskrepanz zwischen dem Aufwand und dem am
Ende ausgehandelten Ergebnis gewesen.

Der erzielte Tarif-Kompromiss ist gleich in mehrfacher Hinsicht
bemerkenswert. Die 13.000 BVG-Beschäftigten können sich über ein
Lohnplus von knapp 4,8 Prozent in zwei Jahren freuen, das sich im
Branchenvergleich durchaus sehen lassen kann. Viel wichtiger dürfte
aber gerade für junge BVG-Mitarbieter sein, dass der Schutz vor
betriebsbedingten Kündigungen bis 2025 verlängert wurde. Kein
Privatunternehmen, welches wie die BVG mit 810 Millionen Euro
Schulden belastet wäre, könnte oder dürfte sich bei Strafe des
eigenen Untergangs eine solch weitreichende Regelung leisten.

Doch auch der BVG bleibt jenseits ihres Selbstverständnisses als
großzügiger kommunaler Arbeitgeber kaum eine Alternative. Schon jetzt
haben die Verkehrsbetriebe Mühe, ausreichend Nachwuchs etwa bei den
Fahrern für Busse und Bahnen zu bekommen. Angesichts des Booms im
liberalisierten Fernbusverkehr dürfte dies künftig noch schwieriger
werden, junge Menschen davon zu überzeugen, sich die Torturen ständig
wechselnder Schichtdienste und die Rüpeleien im hauptstädtischen
Nahverkehr auf Dauer anzutun.

Nun aber ist die Landespolitik gefordert. Sie muss sich jetzt klar
dazu bekennen, die Leistungen bei Bus, U-Bahn und Straßenbahn auch
nach Auslaufen des aktuellen Verkehrsvertrages im Jahr 2020 weiter
direkt an die BVG zu vergeben und auf die nach EU-Recht möglichen
Ausschreibungen zu verzichten. Zugleich muss der Senat die BVG
endlich entsprechend ihrer Leistung finanzieren. Dem landeseigenen
Unternehmen fehlt jedes Jahr ein zweistelliger Millionenbetrag.
Entweder müssen künftig Angebote reduziert oder die Zahlungen aus dem
Landesetat an die BVG erhöht werden. Ein einseitiges Drehen an der
Fahrpreisschraube kann dauerhaft keine Lösung sein.

Pressekontakt:
BERLINER MORGENPOST

Telefon: 030/2591-73650
bmcvd@axelspringer.de

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