Buchkritik Bücherkaffee

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„Eiskalter Schlaf“, „Eiskalte Umarmung“, „Eiskalter Plan“ … Obwohl die Titel von Astrid Korten wenig distinktiv sind und an die Übertragungen der James Bond-Filme der Achtziger Jahre ins Deutsche erinnern, ist das Attribut „eiskalt“ inzwischen zu ihrem Markenzeichen geworden. Der aktuelle Thriller „Eiskalte Verschwörung“ fügt sich nahtlos in diese Reihe, was seinen Namen betrifft. Auch inhaltlich hat die Autorin inzwischen wiederkehrende Muster entwickelt, sodaß treue Leser einen neuen Roman sofort ihr zuordnen können. Dazu gehört in erster Linie das gesellschaftliche Biotop des mondänen Geldadels. Durch frigide Frauen- und feminine Männerfiguren werden außerdem stereotype Geschlechterrollen aufgeweicht. Die Protagonisten sind vielfach in Führungspositionen von Konzernen beschäftigt, verfügen über distingiuerte Manieren und zumindest einen Hochschulabschluß. Die Figuren sind umgeben von einer Aura der Macht und scheuen nicht davor zurück, diese zur Erreichung ihrer eigennützigen Ziele auch auszuüben. Der materielle Reichtum ist oft gepaart mit einer Armut an Gefühlen, was zu gefährlich skrupellosen Persönlichkeiten führt. Um ihre Antagonisten noch furchteinflößender erscheinen zu lassen, evoziert Korten eine perverse Ästhetik der Brutalität. Die explizit geschilderten Grausamkeiten wirken abstoßend, werden jedoch niemals als inflationäre Effekthascherei, sondern als behutsam dosiertes Stilmittel eingesetzt. Wenn wissenschaftliche Expertisen mit dem sexuellen Vokabular von Überlegenheit und Unterwerfung formuliert werden, ist dies oft Ausdruck einer verzweifelten Suche. Bei Korten ist, ähnlich wie bei Bret Easton Ellis, Gewalt die Sprache der Sprachlosen, und so wort- und weltgewandt die Figuren auch sein mögen, so leiden sie doch unter emotionalem Analphabetismus. Astrid Korten schafft somit eine beängstigende Atmosphäre kalter Sterilität, beherrscht aber gleichzeitig die Kunst, nicht gänzlich emotionslos zu verbleiben. Üblicherweise geraten nämlich die Hauptfiguren zwischen die Räder der Maschinerie der Macht, die komplementär zu ihren Gegenspielern zwar über weniger materielle Mittel verfügen, dafür wesentlich empathischer veranlangt sind, altruistischer handeln.
Ganz konkret bildet das Thema „Predictive Policing“ das Thema des aktuellen Thrillers.
Hinter diesem hochmodernen Schlagwort verbirgt sich die Vorhersage und in weiterer Folge Verhinderung von Verbrechen durch statistische Auswertungen basierend auf einer Vielzahl an Daten über Demographie, Psychologie, Beschaffenheit des urbanen Lebensraumes und noch unzähligen mehr. Was vom amerikanischen Science Fiction-Autor Philipp K. Dick bereits ersonnen und als „Minority Report“ verfilmt wurde, findet nun langsam seinen Weg auch in unseren Alltag. Mit Projekten in Los Angeles, aber auch Zürich und Berlin konnten bereits erste Erfolge erzielt werden. Somit war es nur eine Frage der Zeit, bis sich auch die Spannungsliteratur dieses Themas annimmt. Zumindest im deutschsprachigen Raum dürfte Sebastian Fitzek, moderne Symbolfigur des raffinierten Psychothrillers, das Rennen für sich entscheiden.
Mit ihrem neuen Roman stellt sich Astrid Korten selbstbewußt dem Vergleich mit dem prominenten Kollegen. Wo aber Fitzek wieder die Wahrnehmung seiner Figuren und Lesern in Frage zu stellen verspricht, erzählt Korten naturgemäß eine Geschichte kühl kalkulierter Intrigen, die diesmal sogar weltpolitische Dimensionen annehmen. Was, wenn die Predictive-Policing-Software in die falschen Hände fällt? Was, wenn damit nicht Verbrechen verhindert, sondern gefährlich präzise geplant werden? Und wer bestimmt, welche Hände die richtigen und welche die falschen sind?
Diese brisanten Fragen bilden jene Kordel, auf die die Handlungsstränge um eine Kriminalistendynastie, einen brutalen Berufskiller und psychologische Experimente mit Häftlingen aufgewickelt sind. Im Bewußtsein des Lesers werden sie zu einem undurchdringlichen Geflecht aus Manipulation, Zweifel und ebenso subtiler wie wirkungsvoller Zerstörung einer Persönlichkeit gesponnen. Die Autorin versteht es außerdem, den Leser ins Grübeln über die eigene unterschwellige Beeinflußbarkeit zu versetzen. Inwieweit ist der freie Wille nur eine wohlige Illusion, inwieweit entstammen unsere Entscheidungen auch tatsächlich unseren eigenen Überzeugungen? Die Aufweichung der Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit verleiht dem Roman noch zusätzlich an Spannung, zieht den Leser noch tiefer ins Geschehen.
Die Vorhersage von menschlichem Verhalten mittels Algorithmen und die Auswertungen von Datenbanken ist derzeit ein brandaktuelles Thema, das genügend Stoff für spannende Geschichten liefert. Astrid Korten und Sebastian Fitzek haben es bereits aufgegriffen. Wem von beiden dies besser gelingt ..? Werte Leser, entscheiden Sie selbst.
Wolfgang Brandner Bücherkaffee

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