Der neue Newsroom ist ein Wohnzimmer

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„Wir müssen schrumpfen“, sagte Emily Bell von der
Columbia Journalism School beim European Newspaper Congress, der am
6. Mai und 7. Mai im Wiener Rathaus 600 Chefredakteurinnen und
Chefredakteure und Führungskräfte aus Medienhäusern aus 32 Ländern
zusammenführt. Bell: „Das Geld wird immer weniger, es wird auch nicht
mehr werden“. Wir befinden uns laut Bell in einem „postindustriellen
Journalismus“: „In den USA gibt es die Nachrichtenindustrie nicht
mehr, sie wird auch nicht wiedererstehen. Die Nachrichten verändern
sich, wir haben die breite Öffentlichkeit, die uns Storys zuspielt“.
Der große Newsroom würde wieder zur kleinen, reduzierten Redaktion.
Es gäbe ein „systemisches Marktversagen“, wenn Tageszeitungen
verloren gehen und nicht ersetzt werden. Oft verschwinde die
Lokalberichterstattung.

Bell, die zum Thema in den USA umfassende Studien machte, sieht
„eine Lücke zwischen dem Niedergang des traditionellen Journalismus
und der Nachhaltigkeit von neuen Institutionen mit ihren
unterschiedlichen Techniken“. In diese Lücke treten
Non-Profit-Organisationen oder Einzelbetreiber von Sites,
beispielsweise einer Website, die nur von den Mordfällen in
Washington D.C. berichtet. Die Journalisten könnten davon leben,
meist fehle die Kontinuität.

Für Online-Werbung werde in den USA kaum etwas bezahlt, viele
Verleger investieren daher in den Videobereich, der von der
Werbewirtschaft als attraktiv gesehen werde. Eine Paywall
funktioniert nur, „wenn man einen Monopolinhalt hat oder ein hoch
interessantes Inhaltsbündel“, sagte Bell. Bevorzugtes Paywallmodell
sei der Gratiszugang bis zu einem gewissen Bereich. An den Wandel
rasch anpassen, gemischte Modelle anstreben – das ist Bells Botschaft
an die europäischen Medienhäuser: „Man sollte möglichst viele
unterschiedliche Taktiken ausprobieren.“ Gefragt seien
„Journalistinnen und Journalisten, die gut sind und mit den
Innovationen mithalten!“

Könnten Innovationen wie die digitale Transformation „aus
Medienhäusern Häuser ohne Medien machen?“, wurde in der
anschließenden Podiumsdiskussion gefragt. „Der Journalismus werde
auch in Zukunft im Mittelpunkt stehen, es muss aber nicht sein, dass
der größte Teil des Umsatzes daraus kommt“, sagte Jan-Eric Peters,
Chefredakteur „Welt“. Nach dem Erfolg der „Welt“-Gruppe gefragt,
antwortet Peters: „Für uns war es das beste Jahrzehnt, wir haben
zugelegt, auch journalistisch, und gleichzeitig die Kosten reduziert,
die Weltgruppe schreibt schwarze Zahlen“.

Dass sich am Journalismus an sich nichts ändern werde, meinte auch
Helmut Brandstätter, Chefredakteur „Kurier“: „Medienleute werden
immer dasselbe machen und es wird immer professionelle Journalisten
brauchen.“ Das heiße nicht, dass sich die Medien nicht ändern.
Michael Fleischhacker, zuletzt Chefredakteur „Die Presse“: „Dass
Tagesprint etwas mit sehr endlicher Lebensdauer ist, haben alle
verstanden“, die Frage sei „wie organisiert man den Übergang“. Peters
dazu: „Ich würde vom Prinzip Tageszeitung sprechen, nicht nur von der
gedruckten Zeitung. Daher fokussieren wir auf digitales Geschäft. Das
ist die Zukunft. Da muss Qualität allererstes Merkmal sein.“ Abos
über Fahrräder zu bekommen, sei misslungen; ein Erfolg sei, das
Tablet zu finanzieren, damit der Inhalt dazugekauft werde. Die
Paywall, die einen Teil der Geschichten gratis lässt, funktioniere
bei „Welt“ gut, berichtete Peters.

Eine totale Absage kam zur Finanzierung der Printmedien durch die
Politik. Tobias Trevisan, Geschäftsführer Frankfurter Allgemeine
Zeitung, dazu: „Solange wir der Politik kritisch auf die Finger
schauen, dürfen wir nicht von ihr abhängig sein. Wenn wir der Politik
nicht mehr kritisch auf die Finger schauen, gibt es keinen
Journalismus mehr!“ Eine andere Finanzierungsform ist die deutliche
Erhöhung der Abopreise. Laut internen Berechnungen der FAZ würde man
von Werbeeinnahmen weitgehend unabhängig, wenn man gleichzeitig auf
zehn Prozent seiner Leser verzichten würde, die die FAZ mit einer
entsprechenden Preiserhöhung verlieren würde.

Der European Newspaper Congress wird vom Medienfachverlag Johann
Oberauer und Norbert Küpper, Zeitungsdesigner in Deutschland,
veranstaltet. Kooperationspartner wie JTI, der Verband
Österreichischer Zeitungen (VÖZ) und die Stadt Wien unterstützen
maßgeblich die Veranstaltung. Die renommierte Tageszeitung „Kurier“
ist erstmals Medienpartner des Kongresses.

Pressekontakt:
Johann Oberauer,
johann.oberauer@oberauer.com,
Tel. +43 664 2216643

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