DER STANDARD – Kommentar „Kultur ist billiger als Unkultur“ von Alexandra Föderl-Schmid

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Für ein Musiktheater fast 178 Millionen Euro
auszugeben ist in Zeiten wie diesen keine Selbstverständlichkeit. Und
auch nicht, bei einem Bau die Kosten einzuhalten – bei der Hamburger
Elbphilharmonie explodierten sie von geplanten 77 auf derzeit 575
Millionen. Auch wenn für Feuerwehrdepots und Fußballstadien in diesem
Land in Summe viel mehr ausgegeben wird, so muss man sich für ein
Kulturprojekt dieser Dimension rechtfertigen. Das hat Oberösterreichs
Landeshauptmann Josef Pühringer bei der Eröffnung getan und darauf
verwiesen, dass das neue Linzer Musiktheater ein Signal über die
Landesgrenzen hinaus ist: „Weil deutlich wird, dass letztlich in
Oberösterreich sogar Großprojekte der Kultur noch durchsetzbar sind
und nicht der Populismus am Ende der Sieger ist.“ Es ist der
ÖVP-dominierten Landes- und der SPÖ-regierten Stadtregierung
anzurechnen, dass sie nicht aufgegeben haben, als 2000 die von der
FPÖ initiierte, erste landesweite Volksbefragung mehrheitliche
Ablehnung des „Theaters im Berg“ ergeben hat. Sie sind vor dumpfen
So-viel-Geld-für-Kultur-Populismus nicht eingeknickt. Auch wenn in
Linz die Chance vergeben wurde, mit dem Projekt im Berg einen
spektakulären Kulturbau wie Jorn Utzons Opernhaus in Sydney, Frank
Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao oder Peter Cooks Kunsthaus in Graz
zu errichten. Diese Bauten sind derzeit in der Ausstellung
„Kultur:Stadt“ in der Berliner Akademie der Künste zu sehen. Das
Linzer Musiktheater wird international kein Aufsehen erregen: Die
Fassade erinnert eher an ein Parkhaus, innen strahlt das Gebäude den
Charme des von Architekt Terry Pawson intendierten „Wohnzimmers“ aus.
Die Öffnung zum Park hin wirkt jedoch einladend. Der vom nunmehrigen
Staatsopern-Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst favorisierte
zweite Standort neben Ars Electronica Center, Brucknerhaus und Museum
Lentos hätte eine Kulturmeile an der Donau kreieren können. Jetzt
müssen die Verantwortlichen ein Programm finden, damit sich das Haus
in der österreichischen_ Kulturlandschaft etablieren kann und
tatsächlich ein Grund ist, auf dem Weg zwischen Wien und Salzburg
stehenzubleiben – wie zur Eröffnung vielfach behauptet. Zumal in St.
Pölten mit Brigitte Fürle eine ebenfalls ambitionierte neue
Intendantin werkt. Mit dem Konzerthaus Muth in Wien, dem jüngst
eröffneten Opernhaus in Erl und hochkarätigen Festivals wie in
Grafenegg gibt es im Klassiksegment in anderen Teilen Österreichs
starke Konkurrenz. Dazu kommen noch die Festspiele in Salzburg und
Bregenz. Wettbewerb ist gut, auch im künstlerischen Bereich. Wenn es
aber nur noch darum geht, anderen Besuchern abzuluchsen, dann wird es
für jede einzelne Kulturinstitution schwieriger zu bestehen und sich
finanziell zu tragen. Das gibt Populisten Stoff. Aber auch hier hat
Pühringer recht, wenn er sagt: „Kultur kostet, aber Unkultur noch
viel mehr.“ Da jedoch in den nächsten Jahren nicht mehr Geld zur
Verfügung stehen wird, ist eine stärkere Koordinierung notwendig: das
ist im Sinne der Kulturinteressierten wie auch der Steuerzahler. Wenn
nur Großprojekte gefördert werden, droht kleineren Initiativen das
Aus. Österreich, das sich selbst als Kulturnation bezeichnet,
braucht eine aktive Kulturpolitik und eine Person im Ministerrang,
die sich ausschließlich dem Bereich widmet und nicht nebenbei – neben
Lehrerdienstrecht und Gesamtschule.

Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445

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