Deutsche Agrarpolitik will Strukturwandel in der Landwirtschaft

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Herwig Klemp www.landsicht.net

Im Januar hat das Statistische Bundesamt (Destatis) auf der Grünen Woche in Berlin die Ergebnisse seines gerade abgeschlossenen „Agrarzensus“ vorgestellt. Erstmals seit 10 Jahren liegen damit wieder aktuelle Zahlen aus dem deutschen Agrarbereich vor. Anlass für diese Erhebung war ein Aufruf der UN-Ernährungsorganisation FAO, weltweit ergangen an alle Staaten.

Nun wissen wir: Aktuell werden in Deutschland 16,8 Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzt, gibt es 301.000 landwirtschaftliche Betriebe mit zusammen 1,1 Millionen Beschäftigten. Der Tierbestand: 112,6 Millionen Rinder, 27,3 Millionen Schweine, 131,2 Millionen Geflügel, 466.000 Pferde und Esel, 2,1 Millionen Schafe und 124.000 Ziegen.

Was die Landwirtschaftsfläche anbelangt, die Zahl der Betriebe und der Beschäftigten, kann man jeder Zahl ein „noch“ voran setzen. Es gibt noch 16,8 Millionen Hektar Agrarfläche, denn ständig überbauen wir Äcker und Wiesen. Ungebrochen ist auch der Zwang des „Wachsen oder Weichen“. Von Jahr zu Jahr werden es weniger Betriebe. Diese sind dann größer, spezialisierter, automatisierter. Zu konstatieren ist ein Siegeszug der Technik, der Chemie und der Massenproduktion bei gleichzeitigem Niedergang kleinerer Betriebe. Bei 56 Hektar liegt gegenwärtig die durchschnittliche Betriebsgröße. Zugenommen hat in den vergangenen Jahren vor allem die Zahl der Betriebe in der Größenklasse von mehr als 100 Hektar.

Im Berliner Tagesspiegel vom 20.02.2011 wurde Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) plakativ befragt, wie viele der 300.000 deutschen Bauern diesen Entwicklungsprozess nicht überleben würden. Aigners Antwort:
„Solche Untergangszenarien sind unangebracht. Die Landwirtschaft in Deutschland hat Zukunft. Sie produziert Tag für Tag unsere Mittel zum Leben und wird immer wichtiger auch für die Produktion von nachwachsenden Rohstoffen. Gleichwohl erleben wir seit Jahren einen Strukturwandel, bei dem jährlich etwa drei Prozent der Betriebe aufgeben. Der Erhalt einer flächendeckenden Landwirtschaft in Deutschland ist und bleibt ein wichtiges Ziel meiner Politik.“

Natürlich hat die Landwirtschaft in Deutschland Zukunft, wenn man sie definiert über die zu einem jeweils aktuellen Zeitpunkt noch wirtschaftenden Betriebe und wenn man sich freut, dass diese immer größer werden. Letztlich wäre Ilse Aigners Ziel des Erhaltes einer flächendeckenden Landwirtschaft in Deutschland ebenfalls erreicht, wenn hier nur noch ein Betrieb wirtschaften würde, dies aber auf der gesamten Agrarfläche.

Eingekleidet in Argumentationswolken bot Aigner eine Zahl: „Wir erleben seit Jahren einen Strukturwandel, bei dem jährlich drei Prozent der Betriebe aufgeben.“

Zunächst: Wir erleben nicht seit Jahren einen Strukturwandel. Das klingt, als wäre er vom Himmel gefallen. Die Politik, die Lebensmittelindustrie und der Deutsche Bauernverband haben diesen Wandel gezielt herbeigeführt. Und Frau Aigner hat noch am 21.02.2011 auf der Sitzung des Agrarrates in Brüssel verdeutlicht, die Bundesregierung sehe „strukturkonservierende“ Maßnahmen kritisch, wolle den Strukturwandel fördern. Dazu geeignete Ausstiegsprogramme für ältere Landwirte beziehungsweise kleinere Betriebe gebe es bereits. Siehe dazu http://tinyurl.com/4n5u5fz

Drei Prozent Betriebe weniger pro Jahr. Das heißt: In 23 Jahren sind es halb so viele Betriebe wie heute. Dies bedeutet auch: In diesem Zeitraum werden wieder mehr als eine halbe Million Arbeitsplätze in der Landwirtschaft verloren gehen.

„Wie viele Bauern werden den laufenden Strukturwandel nicht überleben?“ fragte der Tagesspiegel überspitzt-plakativ und erhielt von Ilse Aigner eine ebenso flache Antwort.

Destatis-Direktorin Hannelore Pöschl verzichtete bei der Vorstellung der Agrarstatistik auf Plattitüden, brachte anschauliche Fakten. Im Hinblick auf die Frage der künftigen Entwicklung berichtete sie, jeder fünfte Inhaber eines bäuerlichen Familienbetriebes sei 60 Jahre oder älter, und 70 Prozent dieser Betriebsinhaber gäben an, noch keinen Nachfolger zu haben.

Das bedeutet dann, das Haus so lange wie möglich zu nutzen, die Flächen zu verpachten oder zu verkaufen. Gefragt ist das Land allemal und bringt in vielen deutschen Landschaften auch sehr gute, eher überhöhte Preise, seitdem allzu üppig vom Staat geförderte Biogasanlagen wie Maisäcker aus dem Boden schießen und ihre Betreiber für den Anbau von Biomasse ständig mehr Flächen benötigen.

Wer altersbedingt mangels Nachfolger sein Land verkaufen muss, der kommt zumindest wirtschaftlich vielleicht noch einigermaßen gut davon.

Der Zwang des „Wachsen oder Weichen“ aber belastet das gesamte Leben eines bäuerlichen Betriebsinhabers. So berichtete neulich ein Milchbauer in einem Landwirtschafts-Blog, er müsse jetzt wieder die Zahl seiner Kühe aufstocken. Er habe eigentlich gar keine große Neigung dazu und es hingen wieder neue Investitionen und Schulden daran. Ziehe er aber nicht mit, so würde sein Hof von Jahr zu Jahr unrentabler. Nur über immer größere Milchmengen könne er bei den geringen Preisen über die Runden kommen, die die Molkerei ihm pro Liter auszahle. Er spiele das Spiel mit, weil er seinem Sohn einmal eine wirtschaftliche Existenz übergeben wolle. Eigentlich akzeptabel sei jedoch nur der Weg, den Bauern faire Preise für die Milch zu zahlen. Aber die Politik bleibe ja auf dem eingeschlagenen Weg, die Preise zu drücken mit dem Ziel, Deutschland und die EU im Bereich der Agrarexporte fit zu machen.
Eine Bilanz der bisherigen Agrarpolitik (http:www.landsicht.net/287977/539261.html) in Deutschland und der EU bezieht auch die Auswirkungen auf unsere Umwelt und auf den Hunger in den Entwicklungs- und Schwellenländern ein, in die wir unsere Agrarüberschüsse exportieren.

Bild:
Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) e.V.

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