Entkoppelt vom System / Eine neue Studie zeigt, dass tausende Jugendliche weder in Schule, Ausbildung oder Arbeitsmarkt sind, noch dauerhaft Sozialleistungen beziehen

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Die meisten Jugendlichen können den Übergang ins
Erwachsenenalter nutzen, um ihren Bildungsweg einzuschlagen und
Freiwilligendienste oder Praktika einzulegen, während jedoch eine
Gruppe von ihnen scheitert: die sogenannten „entkoppelten
Jugendlichen“. Sie drohen sowohl aus dem Bildungssystem und der
Erwerbsarbeit, als auch aus allen Hilfestrukturen herauszufallen.
Dabei handelt es sich nicht um Einzelfälle, sondern Schätzungen
zufolge inzwischen bereits um mehr als 20.000 junge Menschen, die
nach Wahrnehmung der Fachkräfte aus dem Jugendbereich unter
zunehmenden seelischen und psychosozialen Störungen leiden. Dies
ergab eine heute veröffentlichte Studie des Deutschen Jugendinstituts
im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland.

„Niemandem kann gleichgültig sein, dass so viele Jugendliche in
einer so schwierigen Lage sind, und wir hoffen die Studie hilft der
Bundesregierung bei der Verbesserung der Jugendhilfe, die sie sich ja
für diese Legislaturperiode vorgenommen hat“, so
Stiftungsgeschäftsführer Dr. Mark Speich. Die Studie zeigt, an
welchen Punkten des Lebensverlaufs der Jugendlichen die Weichen oft
falsch gestellt werden und wie die Jugendhilfe dort verstärkt werden
sollte. Die damit verbundenen Kosten wären auch
gesamt-gesellschaftlich gesehen eine gute Investition, denn laut der
Studie zeigen bereits früher durchgeführte wissenschaftliche
Berechnungen: Für jeden im Rahmen der Jugendhilfe ausgegebenen Euro
werden im weiteren Lebensverlauf das Dreifache an Mitteln entweder an
staatlichen Ausgaben eingespart oder durch Steuer- und Wertschöpfung
Einnahmen zusätzlich erzielt.

Früherkennung von Risikolagen muss verbessert werden

Zu den in der Studie vorgeschlagenen Maßnahmen, zählt unter
anderem eine noch bessere Früherkennung von Risikolagen. Schließlich
kommen viele der betroffenen Jugendlichen aus stark belasteten
Familien, in denen sie emotionale Vernachlässigung, Verwahrlosung und
Gewalt erlebt haben, wovon die Jugendhilfe erst zu spät erfahren hat.
Um dem vorzubeugen, sollten beispielsweise Lehrer in ihrer Aus- und
Fortbildung noch stärker hierfür sensibilisiert werden, und an allen
Schulen sollte es eine angemessene Schulsozialarbeit geben sowie
einen direkten Ansprechpartner beim Jugendamt für problematische
Fälle.

Unbürokratischere und effektivere Hilfestrukturen nötig

Wenn die Jugendlichen einmal in den staatlichen Hilfestrukturen
sind, sollten diese so unbürokratisch und effektiv wie möglich
gestaltet werden. Bisher arbeiten die zuständigen Behörden in der
Regel nach ihren standardisierten Vorgaben, die jedoch den besonders
brüchigen Lebensläufen und komplexen Problemlagen der „entkoppelten
Jugendlichen“ nicht gerecht werden (können). Deshalb sollten für
diese Jugendlichen künftig alle Angebote gebündelt werden, so dass
sie nicht mit zu vielen Ansprechpartnern und Antragsverfahren
konfrontiert, sondern aus einer Hand betreut werden, wobei auch
Sozial- und Berufspädagogen ebenso wie Psychologen für sie
bereitstehen sollten. Diese Angebote sollten besonders
niedrigschwellig sein sowie eine individuelleren Beratung und
Begleitung der Jugendlichen vorsehen – etwa in Form von
Übergangslotsen, um ihren Weg in die Selbständigkeit vorzubereiten.
Jugendliche brauchen oft Unterstützung über das 18. Lebensjahr hinaus
Ein besonderes Problem zeigt sich schließlich, wenn die Jugendlichen
volljährig werden. Viele von ihnen wachsen in der Obhut der
Jugendhilfe – beispielsweise in einem Heim – auf und werden mit
Beginn ihres 18. Lebensjahres in die formalrechtliche Selbständigkeit
und somit auch in eine eigene Wohnung entlassen, die vom Jobcenter
finanziert wird. Aus Sicht der Jugendlichen ist dies zwar zunächst
verlockend, aber häufig zeigt sich, dass sie einfach noch nicht die
persönliche Reife haben, um mit dieser neuen Freiheit
zurechtzukommen. Sie geraten dann oft in finanzielle Schwierigkeiten,
Alkohol- und Drogenprobleme und driften ab in die „falschen Kreise“.
Dies blockiert auch eine erfolgversprechende Schul- und
Berufsausbildung der Jugendlichen sowie ihre gesamte weitere
Entwicklung. Mit anderen Worten: Ausgerechnet die jungen Menschen,
die eine besonders schwere Kindheit und Jugend hinter sich haben,
werden ausgerechnet in einer Lebensphase, in der sie für negative
Einflüsse besonders anfällig sind, aus dem Jugendhilfesystem
herausgedrängt und den neuen Anforderungen von „Erwachsenenwelt“,
Bildung und Arbeitsmarkt ausgesetzt. Deshalb ist hier die Gefahr des
Scheiterns besonders groß. Besser wäre es also, diesen jungen
Menschen – durch eine längere sozialpädagogische Begleitung und
Betreuung – die nötige Stabilität zu bieten, um sich gesund zu
entwickeln und sich auf ihren schulischen und beruflichen Werdegang
zu konzentrieren. „Laut deutschem Kinder- und Jugendhilfegesetz ist
dies bereits heute möglich, wird aber in der Praxis zu selten
angewandt, weil dies von den Kommunen finanziert werden muss, die ja
unter hohem Kostendruck stehen. Deshalb muss dringend bei der
anstehenden Neuordnung der Bund-Länder-Finanzbeziehungen
sichergestellt werden, dass die Städte und Gemeinden hierfür künftig
das nötige Geld bekommen“, so Markus Seidel von der
Kinderhilfsorganisation Off Road Kids.

Die Studie wird in der kommenden Woche auf dem Deutschen
Fürsorgetag in Leipzig vorgestellt, an dem auch Bundeskanzlerin
Merkel und Bundespräsident Gauck teilnehmen werden.

Die Sicht der Städte und Gemeinden:

Anlässlich der Vorstellung der Studie betonte der Deutsche Städte-
und Gemeindebund, dass zentrales Anliegen aller Maßnahmen sein müsse,
junge Menschen zum selbständigen Leben mit eigenem Einkommen zu
befähigen. Dabei sind Übergänge Jugendlicher von der Schule in den
Beruf besser zu gestalten, Zeiten im Übergangssystem auf das
notwendige Maß zu verkürzen und Abbrüche mit deren demotivierenden
Folgen für die Jugendlichen zu vermeiden. Der Deutsche Städte- und
Gemeindebund (DStGB) begrüßt, dass unter dem Dach der
„Arbeitsbündnisse Jugend und Beruf“ eine Reihe von Projekten verfolgt
werden, in denen die beteiligten Akteure Ansätze zur koordinierten
Betreuung von jungen Menschen an den Schnittstellen SGB II
(Grundsicherung für Arbeitssuchende), SGB III (Arbeitsförderung), SGB
VIII (Kinder- und Jugendhilfe), SGB XII (Sozialhilfe) und Schule
verwirklichen.

Aus Sicht des DStGB müssen dabei folgende Voraussetzungen erfüllt
sein:

– Es sollte eine Anlaufstelle für alle jungen Menschen an einem
Ort geben, an dem die Unterstützungsstrukturen aus allen
Rechtskreisen gebündelt zusammenlaufen.
– In ländlichen Regionen müssen geeignete Alternativen angeboten
werden, zum Beispiel virtuelle Konferenzen, gemeinsame
Sprechstunden an Schulen, Info-Busse oder Fahrdienste.
– Im Rahmen der Maßnahmen sollten Kooperationen zwischen
allgemeinbildenden und beruflichen Schulen, Unternehmen und
Hochschulen, die Schülerinnen und Schüler frühzeitig und
systematisch in der Berufs- und Studienorientierung
unterstützen, angeregt werden. Die Schulen sind zwingend in die
gemeinsame Arbeit einzubinden. Gegebenenfalls sollten die Länder
in ihren Schulgesetzen die Schulen zu einer Kooperation auch
nach Erfüllung der Schulpflicht verpflichten.
– Örtliche Betriebe sind als Lernorte und damit als Partner im
Übergang Schule – Arbeitswelt unverzichtbar.
– Auf der institutionellen Ebene ist dafür Sorge zu tragen, dass
die Arbeitsbündnisse Jugend und Beruf gemeinsam und eigenständig
agieren können. Es sollte keine neue „Behörde“ geschaffen
werden. Notwendig ist aber die Prüfung, ob datenschutzrechtliche
Regelungen und Verfahren eine effektive Bereitstellung
trägerübergreifender und koordinierter Hilfen behindern.
– Die von den weiterhin selbständigen Institutionen der
unterschiedlichen Rechtskreise zur Verfügung gestellten
Finanzmittel sollten in einem gemeinsamen Finanzpool
zusammengeführt werden, damit die Fachkräfte über ein eigenes
Budget verfügen.

Die Studie und die entsprechenden, druckfähigen Grafiken stehen im
Internet zum kostenfreien Download bereit: www.vodafone-stiftung.de.

Über das Deutsche Jugendinstitut

Das DJI ist ein zentrales sozialwissenschaftliches
Forschungsinstitut auf Bundesebene, das sich der Erforschung von
Lebenslagen von Kindern, Jugendlichen und Familien sowie der
Beobachtung und Analyse sozialpolitischer Interventionen und
Jugendhilfemaßnahmen widmet. Im Rahmen dieser Aufgaben werden sowohl
praxisbegleitende als auch grundlagenorientierte empirische Studien
durchgeführt. Neben der Forschung erfüllt das DJI Aufgaben im Bereich
der Politik- und Praxisberatung. www.dji.de

Über Off Road Kids

Seit 1994 ist Off Road Kids die einzige Hilfsorganisation für
Straßenkinder in Deutschland, die überregional tätig ist. Ohne
staatliche Zuschüsse betreibt die Off Road Kids Stiftung eigene
Streetwork-Stationen in Berlin, Dortmund, Hamburg und Köln sowie eine
Elternberatungshotline, ein Kinderheim und das Institut für
Pädagogikmanagement (IfPM). Grundsätzliche Zielsetzung: Die
bestmögliche Perspektive für jeden betreuten jungen Menschen. Das
gelang den Streetworkern mittlerweile mehr als 3.500-mal erfolgreich.
www.offroadkids.de

Über die Vodafone Stiftung Deutschland

Die Vodafone Stiftung ist eine der großen unternehmensverbundenen
Stiftungen in Deutschland und Mitglied einer weltweiten
Stiftungsfamilie. Als eigenständige gemeinnützige Institution fördert
und initiiert sie als gesellschaftspolitischer Thinktank Programme
mit dem Ziel, Impulse für den gesellschaftlichen Fortschritt zu
geben, die Entwicklung einer aktiven Bürgergesellschaft anzustoßen
und gesellschaftspolitische Verantwortung zu übernehmen. Das
Förderprofil steht unter dem Leitmotiv „Erkennen. Fördern. Bewegen.“
und konzentriert sich auf die Bereiche Bildung, Integration und
soziale Mobilität. www.vodafone-stiftung.de

Pressekontakt:
Danyal Alaybeyoglu
Leiter Kommunikation

Vodafone Stiftung Deutschland
gemeinnützige GmbH
Büro Berlin
Pariser Platz 6a
10117 Berlin

Telefon: 030 – 206 176 13
Mobil: 0172 – 240 33 59

danyal.alaybeyoglu@vodafone.com

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