Für blinde Kinder gibt es nur ein Dutzend Bücher / Europa bremst Bildungszugang aus

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Fühlbar illustrierte Bücher sind eine Freude für alle Kinder
 

Geschichten zum Anfassen

Taktil illustrierte Bücher werden bis heute meist in Bastelarbeit von Eltern oder Blindeneinrichtungen hergestellt. Eine Ausnahme ist der gemeinnützige französische Verlag “Les Doigts Qui Rêvent”, der inzwischen 150 Titel produziert hat. In Zusammenarbeit mit “Anderes Sehen” entstanden auch die neun deutschsprachigen Ausgaben. Jede Buchseite enthält fühlbare Illustrationen. Schrift und Punktschrift (Braille) stehen direkt beieinander. Das macht die Bücher für das Vorlesen ebenso geeignet wie zum Erlernen der Punktschrift für blinde Kinder und ihre sehenden Eltern.
“Geschichten zum Anfassen werden zu Erlebnissen, die für alle Kinder attraktiver sind – unterschiedliche Materialien laden zum Erkunden ein”, beschreibt Ellen Schweizer von “Anderes Sehen” das Prinzip der Buchreihe. Knirschender Schnee oder eine Sumpfdurchquerung wird mit den Fingern durch spezielle Oberflächen und Füllungen erlebbar, auch akustisch. Durch den hohen manuellen Fertigungsaufwand entstehen Kosten von 100 bis 200 Euro pro Buch. “Niedrigere Verkaufspreise schaffen wir nur durch Förderungen etwa von Stiftungen, die aber rar sind”, erklärt die Berlinerin die Mühen der Finanzierung. Bücher der Edition sind in pädagogischen Fachblättern gelobt und mehrfach ausgezeichnet worden, mit Preisen wie “Inclusive Design 2015” oder dem “Bologna Ragazzi” Buchpreis 2016. Auch Kinderbuchklassiker wie die “Raupe Nimmersatt” in taktiler Fassung sind im Programm. Doch nicht immer sind Autoren und Verlage kooperativ, schildert Ellen Schweizer einen Grund für die geringe Anzahl inklusiver Bücher auf dem Markt. Sie hofft auf die Politik.

Europas Uneinigkeit bremst Zugang zu Bildung und Kultur aus

Die Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) verabschiedete im Juni 2013 den Marrakesch-Vertrag. Der Vertrag sieht vor, Werke auch ohne gesonderte Anfrage für Blinde in Brailleschrift oder Sehbehinderte in Großdruck übertragen zu können. Erst 16 der 83 Vertragsstaaten haben ratifiziert, 20 sind nötig für das Inkrafttreten. Wegen eines Streits um Zuständigkeiten zwischen EU-Kommission und sieben Mitgliedsstaaten, unter ihnen auch Deutschland, geht es in Europa und damit weltweit nicht mehr voran. Über 25 Millionen blinde und sehbehinderte Menschen allein in Europa warten auf mehr zugängliche Publikationen.

Digitale Technologien und moderne Polymere
Neuerungen in der Drucktechnik können ebenfalls zu mehr und preisgünstigeren zugänglichen Publikationen beitragen. Mussten die Braille-Punkte bisher in extra starkes Papier geprägt werden, können sie heute als Lack oder Polymer in einem Druckgang aufgebracht werden. Veredelungstechniken wie Lacke und Kaschieren kombiniert mit Flockdruck und Prägung erweitern das Spektrum fühlbarer Elemente in Büchern – auch ohne manuelle Zusatzarbeit. “Bei inklusiven Büchern ist in jeder Hinsicht noch viel mehr möglich”, betont die Spezialistin Ellen Schweizer von “Anderes Sehen” und wünscht sich “mehr Fingerspitzengefühl” bei allen Entscheidungsträgern in Politik und der Verlagsbranche.

Bilder in Druckauflösung können angefordert werden.

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