Gottvertrauen in unruhigen Zeiten/ Bundespräsident und Bundeskanzlerin bei EKD-Empfang in Berlin – Heinrich Bedford-Strohm: „Frömmigkeit ist gerade heute ein Zukunftsmodell“

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Sperrfrist: 02.07.2015 18:00
Bitte beachten Sie, dass diese Meldung erst nach Ablauf der
Sperrfrist zur Veröffentlichung freigegeben ist.

Zahlreiche prominente Personen des öffentlichen Lebens sind am
Donnerstagabend (2. Juli) der Einladung der Evangelischen Kirche in
Deutschland (EKD) zum diesjährigen Berliner Johannisempfang in der
Französischen Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt gefolgt.
Angekündigt hatten sich Bundespräsident Joachim Gauck,
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundestagspräsident Norbert
Lammert. In seiner ersten Hauptstadt-Rede als EKD-Ratsvorsitzender
warb Heinrich Bedford-Strohm für neue Wertschätzung gegenüber der
traditionellen Praxis christlicher Frömmigkeit: „Frömmigkeit ist
gerade heute ein Zukunftsmodell. Im Kern ist damit eine innere
Haltung gemeint, die Gott mehr zutraut als sich selbst, die ein
Gespür dafür hat, dass alle Selbstoptimierung ihre heilsame Grenze
findet und aufgehoben wird in dem tiefen Vertrauen auf Gott. Fromm
sein hat mit jener Weisheit zu tun, die die eigenen Grenzen erkennt,
die die Seele mit Gelassenheit füllt und das Erkennen mit Liebe.
Unsere Welt braucht Menschen, die von der Güte Gottes wissen, die von
der Barmherzigkeit reden, die aus der Dankbarkeit leben.“ Solche
Frömmigkeit wolle weit über einen „religiösen Spezialbereich“ hinaus
auch politisch wirken. Bedford-Strohm: „Menschen, die aus
Gottvertrauen leben, leben aus der Hoffnung. Sie stumpfen nicht ab,
sondern lassen sich das Leid der Welt nahegehen. Aber gleichzeitig
lassen sie sich nicht lähmen vom Leid, weil sie an einen Herrn
glauben, der als Folteropfer am Kreuz gestorben und dann auferstanden
ist.“

Frömmigkeit und Dankbarkeit seien jedoch nicht nur eine große
Kraft für jeden Einzelnen, sondern auch für eine soziale
Gesellschaft, die für die Schwachen einstehe. Hierzu verwies
Bedford-Strohm auf die heute im Bundestag geführte Debatte um den
assistierten Suizid: „In vielen Veranstaltungen, in den Medien, in
den Landesparlamenten und nicht zuletzt im Deutschen Bundestag
erleben wir eine fundierte und ernsthafte gesellschaftliche
Auseinandersetzung, die von gegenseitigem Respekt geprägt ist.“ Die
Dankbarkeit gegenüber der Lebensleistung alter Menschen verbiete es,
sie einem subtilen sozialen Druck auszusetzen, um Beihilfe zur
Beendigung ihres Lebens bitten zu müssen. „Ich möchte, dass niemals
ein Mensch in diesem Land das Gefühl bekommt, sich dafür
rechtfertigen zu müssen, dass er noch leben will!“

Hannover, 2. Juli 2015

Pressestelle der EKD

Carsten Splitt

Die Rede ist nach Ablauf der Sperrfrist unter
http://www.ekd.de/vortraege/bedford-strohm/index.html als Download
verfügbar und hier unten angefügt

Sperrfrist: Donnerstag, 2. Juli 2015, 18.00 Uhr

Es gilt das gesprochene Wort!

Rede des Ratsvorsitzenden der EKD,

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm zum Johannisempfang am 2.
Juli 2015 in Berlin

„Ich danke Gott und freue mich…“ Vom Gottvertrauen in unruhigen
Zeiten

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, sehr geehrte Damen und Herren!
„–Ich danke Gott und freue mich…– – vom Gottvertrauen in unruhigen
Zeiten“. So lautet der Titel meiner Rede am heutigen Abend des
Johannisempfangs, an dem ich mich über die vielen Menschen freue, die
heute Abend gekommen sind und damit uns als evangelische Kirche in
Deutschland ihre Wertschätzung zeigen. Viele von Ihnen, das wage ich
zu vermuten, haben sich diese Frage in diesen Tagen immer wieder
gestellt: Kann man dankbar sein und sich freuen, wenn um uns herum
die Welt brennt? Wenn nach dem Ablauf der Frist des Rettungsprogramms
für Griechenland trotz aller Bemühungen völlig unklar ist, wie ein
weiterer wirtschaftlicher Absturz von Griechenland und mögliche
negative Konsequenzen weit darüber hinaus zu verhindern sind? Können
wir unser Leben genießen, wenn so viel Leid in der Welt ist und wenn
es immer schwerer ist, diesem Leid aus dem Wege zu gehen? Längst sind
es nicht mehr Reisen in andere Länder, die uns mit der Realität von
Not und Armut konfrontieren. Menschen kommen hierher, und das in
großen Zahlen, weil sie vor Krieg und Gewalt fliehen, weil sie
angesichts der Not in ihrem eigenen Land nichts mehr zu verlieren
haben und selbst die größten Gefahren nicht scheuen, um dieser Not zu
entfliehen. Man kann schon den Mut verlieren, wenn die Gewalt an so
vielen Orten in der Welt zu triumphieren scheint. Der Glaube an das
Gute im Menschen kann ins Wanken geraten, wenn wir Bilder von
brutalen Mordaktionen sehen oder uns diesen Bildern auch ganz bewusst
nicht aussetzen, um der Propaganda, die sie funktionalisiert, durch
das eigene Entsetzen nicht noch einen Triumph zu gönnen. Und wenn es
dann auch noch die Religion ist, auf die sich die Mörder berufen,
wenn Christen aufgrund ihres Glaubens umgebracht werden, oder
Muslime, die nicht die eigene Interpretation des Koran teilen, dann
mag sogar das Gottvertrauen ins Wanken geraten. Wie kann Gott solch
schreckliche Dinge zulassen? Ist Gott überhaupt da? Oder thront er
irgendwo hoch über dem Kosmos und schaut zu? Oder ist Gott am Ende
überhaupt eine Illusion?

I. Matthias Claudius und seine Botschaft Können wir in einer
solchen Situation diesen Ausruf überhaupt so tun: Ich danke Gott und
freue mich!? Dieser Satz ist der Beginn eines Gedichtes von Matthias
Claudius. In diesem Jahr begehen wir seinen 200. Todestag. Claudius
hat fürwahr in unruhigen Zeiten gelebt. Als er 1815 verstarb, war der
Glanz Napoleons vorbei und die Schlacht bei Waterloo geschlagen, der
Wiener Kongress ordnete Europa neu. Zugleich hatte der Siegeszug der
Dampfmaschine begonnen, die Industrialisierung eroberte immer weitere
Räume des Lebens. Es ist kein Wunder, dass Matthias Claudius oftmals
als „Poet zwischen zwei Epochen“ tituliert wurde. Kann uns so ein
ferner Mensch heute noch etwas zu sagen haben? Sein berühmtes
Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“ ist – so wurde oft gesagt – in
die deutsche Seele eingegangen, und wir singen es ja in aller Regel
auch heute noch sehr gerne, mit Kindern im Schlafanzug oder ohne sie.
Ich weiß noch sehr genau, wie ich dieses Lied an vielen Abenden am
Bett meiner drei Söhne beim Einschlafen gesungen habe und dann selbst
mit einem großen Gefühl der Dankbarkeit in den Rest des Abends
gegangen bin. Und die Dankbarkeit war eben nicht abhängig davon, ob
der Tag gut gelaufen war oder weniger gut.

II. Frömmigkeit als Zukunftsressource

Die heitere Dankbarkeit jenseits der objektiven Lebensumstände ist
das, was auch das Lied von Matthias Claudius ausmacht, das dem
heutigen Abend den Titel gegeben hat. „Ich danke Gott und freue mich
Wie–s Kind zur Weihnachtsgabe, Daß ich bin, bin! Und daß ich dich,
Schön menschlich Antlitz! habe;

Daß ich die Sonne, Berg und Meer,

Und Laub und Gras kann sehen, Und abends unterm Sternenheer Und
lieben Monde gehen; […]“ Claudius lebte mit seiner Familie immer am
Rande der Armut. Und trotzdem strahlte er die Dankbarkeit aus, die
auch in seinem Lied zum Ausdruck kommt. Denn reich und mächtig sein –
so weiß er – hat eben auch eine Menge Schattenseiten, die man erst
auf den zweiten Blick sieht: “ […] Ich danke Gott mit Saitenspiel,
Daß ich kein König worden; Ich wär geschmeichelt worden viel, Und wär
vielleicht verdorben.

Auch bet ich ihn von Herzen an,

Daß ich auf dieser Erde Nicht bin ein großer reicher Mann, Und
auch wohl keiner werde.

Denn Ehr und Reichtum treibt und bläht,

Hat mancherlei Gefahren, Und vielen hat–s das Herz verdreht, Die
weiland wacker waren.

[…]“ Einen König oder eine Königin haben wir heute Abend zwar
nicht da. Aber hier sitzen überdurchschnittlich viele Menschen, die –
so wage ich zu vermuten – genau wissen, wovon Claudius spricht. Die,
wenn die Leute ihnen lauter nette Dinge sagen, am Ende nicht wissen,
wie viele von ihnen dann immer noch nett sind, wenn die Zeiten
schwerer werden und die Tage des Rampenlichts vorbei sind. Und
diejenigen, die wohlhabend sind, können nicht so leicht
auseinanderhalten, ob das Interesse mancher freundlicher Zeitgenossen
wirklich ihnen gilt oder am Ende nur ihrem Geld und ihrem Einfluss.
Und mancher hat vielleicht schon auf sich selbst und sein Leben
geschaut und sich bange gefragt: Passiert das jetzt bei mir auch,
dass Macht korrumpiert, dass Reichtum mir das Herz verdreht? Die
Unbefangenheit der dankbaren Freude über das Dasein, die hinter den
Worten von Claudius steht, hat etwas Anziehendes, egal, welche
gesellschaftliche Stellung wir einnehmen oder wie reich wir sind. Sie
lässt uns ahnen, dass sich dahinter eine der größten
gesellschaftlichen Ressourcen verbirgt, die wir haben. Und solche
kraftvollen Ressourcen für ein gelingendes Leben“, die in den alten
Worten von Matthias Claudius zum Ausdruck kommen, haben nichts von
ihrer Aktualität verloren. Es spricht viel dafür, dass sie aktueller
denn je sind. „Ich danke Gott und freue mich“ – warum spüren wir
manchmal so wenig von diesem Gefühl in einem Land, das nicht nur zu
den wohlhabendsten Ländern der Erde gehört, sondern das auch in einem
ungewöhnlich hohen Maß Merkmale aufweist, nach denen sich viele
Menschen auf dieser Erde sehnen: soziale Sicherheit, eine trotz aller
ökologischen Herausforderungen vergleichsweise intakte natürliche
Umwelt, und vor allem: nicht Chaos und den Triumph des Stärkeren,
sondern die Herrschaft des Rechts. „Ich danke Gott und freue mich“ –
die Haltung, die als Quelle hinter diesem Satz steht, empfinden
manche heute als altmodisch – jedenfalls dann, wenn wir das
althergebrachte Wort dafür verwenden: „Frömmigkeit“ – so hat man
diese Haltung traditionell genannt. Heute sagt man lieber
„Spiritualität“. Ich halte mich daran bewusst nicht, wenn ich sage:
Frömmigkeit ist gerade heute ein Zukunftsmodell. Im Kern ist damit
eine innere Haltung gemeint, die Gott mehr zutraut als sich selbst,
die ein Gespür dafür hat, dass alle Selbstoptimierung ihre heilsame
Grenze findet und aufgehoben wird in dem tiefen Vertrauen auf Gott.
Fromm sein hat mit jener Weisheit zu tun, die die eigenen Grenzen
erkennt, die die Seele mit Gelassenheit füllt und das Erkennen mit
Liebe. Unsere Welt braucht Menschen, die von der Güte Gottes wissen,
die von der Barmherzigkeit reden, die aus der Dankbarkeit leben. III.
Frömmigkeit des Einzelnen Frömmigkeit ist die heute weit
unterschätzte Quelle einer Lebenshaltung, die sich eigentlich viele
wünschen, zu der sie sich aber nicht in der Lage sehen. Denn was uns
wirklich verändert, sind nicht gute Ratschläge oder konsequent
verfolgte Lebenspläne. Was uns verändert ist ein offenes Herz für die
Gnade Gottes und eine Praxis, die dem Ausdruck verleiht. Worte aus
der Bibel, diesem wunderbaren alten und in bestimmter Hinsicht so
unglaublich modernen Buch haben dafür eine besondere Kraft. „Lobe den
Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ –
Der Psalm 103 lässt dankbar werden, wo er unser Herz erreicht.
„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“
– Wer dieses Gebet Jesu regelmäßig nachspricht, weiß, wie er immer
wieder die notwendige Selbstdistanz gewinnen kann. „Gott wird
abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr
sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein […].“
„Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.“ … Und „ihr Mund
wird voll Lachens sein.“ – Wer diese Sätze der Bibel mitsprechen
kann, wird selbst angesichts der schlimmsten Gewalt nicht die
Hoffnung verlieren. Weil er weiß: das, was wir jetzt sehen, ist nicht
das letzte Wort. Dankbarkeit, Selbstdistanz und Hoffnung sind
Türöffner für ein im besten Sinne frommes, eben erfülltes Leben. Aber
man kann es sich nicht kaufen. Und es ist auch nicht mit einem
Schnellkurs „Wie werde ich glücklich“ zu haben. Es erfordert eine
gelebte Praxis, die ihre Zeit braucht. Die alte Tradition des
christlichen Glaubens, die die Kirche über zwei Jahrtausende
weitergegeben und immer wieder neu interpretiert und dadurch neu
aufgeschlossen hat, ist Grundlage für eine solche Praxis. In einer
religiös und weltanschaulich pluralen Gesellschaft nicht die einzige.
Aber, das mögen Sie einem Bischof zu sagen erlauben, eine besonders
starke. Frömmigkeit und das damit verbundene Gottvertrauen ist zu
einer der produktivsten Kräfte der Veränderung geworden, die wir
kennen: Denn Menschen, die aus Gottvertrauen leben, engagieren sich
für Flüchtlinge, weil der Herr, an den sie glauben, selbst ein
Fremder gewesen ist. Menschen, die aus Gottvertrauen leben, stehen an
der Seite der Schwachen, weil die biblische Option für die Armen zu
den grundlegendsten Traditionen ihres christlichen Glaubens gehört.
Menschen, die aus Gottvertrauen leben, streiten für die ökologische
Neuorientierung von Wirtschaft und Gesellschaft, weil ihr Bekenntnis
zu Gott als dem Schöpfer des Himmels und der Erden klare Konsequenzen
für den Umgang mit der Natur hat. Menschen, die aus Gottvertrauen
leben, hören auf, sich im Lehnstuhl zurückzulehnen und aus sicherer
Warte nur Kritik zu üben, sondern sie mischen sich ein in die aktive
Gestaltung von Politik und übernehmen damit Verantwortung, weil sie
wissen, dass Gott in der ganzen Welt wirkt und nicht nur in einem
religiös besonders qualifizierten Spezialbereich. Und das vielleicht
Wichtigste angesichts der Komplexität der Herausforderungen:
Menschen, die aus Gottvertrauen leben, leben aus der Hoffnung. Sie
stumpfen nicht ab, sondern lassen sich das Leid der Welt nahegehen.
Aber gleichzeitig lassen sie sich nicht lähmen vom Leid, weil sie an
einen Herrn glauben, der als Folteropfer am Kreuz gestorben und dann
auferstanden ist.

IV. Konsequenzen für die Gesellschaft

Ich bin davon überzeugt, dass Frömmigkeit und Dankbarkeit nicht
nur eine große Kraft für jeden Einzelnen haben. Sie haben auch eine
große Kraft für die Gesellschaft als ganze. Denn eine Gesellschaft,
die aus der Dankbarkeit lebt, ist auch eine soziale Gesellschaft, die
für die Schwachen einsteht. Sie weiß, was sie denen schuldig ist, die
weniger gesegnet sind. Wer sein eigenes Leben, alles was er ist und
hat, nicht vorrangig als das wohlverdiente Ergebnis der eigenen
Anstrengungen versteht, sondern auch und vor allem als unverdienten
Segen Gottes, der teilt, was er hat. Ein Feld, auf dem sich diese
Einsicht gegenwärtig besonders zu bewähren hat, ist der Umgang mit
schwerstkranken und sterbenden Menschen. Ich bin sehr dankbar, dass
die Frage der Begleitung und Unterstützung dieser besonders
verletzlichen Menschen mittlerweile eine so breite Aufmerksamkeit
erfährt. Es ist gut, dass es einen breiten Konsens darüber gibt, dass
wir als Gesellschaft genügend Geld in die Hand nehmen müssen, um
Menschen am Lebensende durch gute palliativmedizinische und seelische
Betreuung ein würdiges Sterben zu ermöglichen. Unabhängig davon, zu
welchem Gesetz die heute im Bundestag geführte Debatte um die
Sterbehilfe am Ende führt, kann das schon jetzt als Erfolg dieser
Debatte festgehalten werden. In vielen Veranstaltungen, in den
Medien, in den Landesparlamenten und nicht zuletzt im Deutschen
Bundestag erleben wir eine fundierte und ernsthafte gesellschaftliche
Auseinandersetzung, die von gegenseitigem Respekt geprägt ist. Die
Kirchen treten aus tiefer christlicher Überzeugung für eine Kultur
der Lebensbejahung und Lebensförderung ein. Deswegen beziehen wir in
dieser Debatte auch Position und treten für ein klares gesetzliches
Zeichen gegen geschäftsmäßig angebotene Beihilfe zum Suizid ein. Das
Tötungstabu in unserer Gesellschaft darf nicht aufgeweicht werden.
Wir müssen verhindern, dass alte Menschen irgendwann unter einen
subtilen sozialen Druck geraten, um Beihilfe zur Beendigung ihres
Lebens zu bitten. Ich möchte, dass niemals ein Mensch in diesem Land
das Gefühl bekommt, sich dafür rechtfertigen zu müssen, dass er noch
leben will! Die Mittel dafür zur Verfügung zu stellen, dass das nie
passiert, ist auch Ausdruck der Dankbarkeit gegenüber Lebensleistung
alter Menschen. Nicht nur die Dankbarkeit ist für die Gesellschaft
von besonderer Bedeutung, sondern auch die Selbstdistanz. Eine
Gesellschaft, für die Selbstdistanz ein prägendes Merkmal ist, ist
eine fehlerfreundliche Gesellschaft. Sie erkennt ihre Fehler und
lernt daraus. Dass Deutschland sich der Schuld in der Zeit des
Nationalsozialismus gestellt hat und eine Erinnerungskultur
entwickelt hat, deren wichtigstes Merkmal die Selbstdistanz ist, kann
als die vielleicht wichtigste Quelle des Ansehens gesehen werden, das
unser Land heute in der Welt genießt. Der eigenen Sünde ins Gesicht
zu sehen, ist ein Türöffner in die Freiheit, vielleicht der
wichtigste. Für die Wahrheit dieser theologisch grundlegenden
Einsicht gibt es gute empirische Gründe. Die Entwicklung der
Fähigkeit zur Selbstdistanz hat unserem Land gut getan. Und
schließlich die Hoffnung: Eine Gesellschaft, die das Hoffen auch in
schwieriger Zeit nicht verlernt, behält die Kraft zum Handeln. Wer
resigniert, gibt der Aussichtslosigkeit Recht. Nur wer hofft,
entwickelt die Kraft zur Veränderung. Wer in den letzten Jahren die
Vorhersagen der Klimawissenschaftler wahrgenommen hat, wer von der
Trägheit der Reaktion der Natur auf jetzt getroffene Maßnahmen weiß,
der konnte schon ein Ohnmachtsgefühl gegenüber der heraufziehenden
Klimakatastrophe entwickeln. Aber viele Menschen haben die Hoffnung
nicht verloren. Die Zivilgesellschaft hat die Politik wieder und
wieder zur Verantwortung gerufen. Und die Politik hat ihre Stärke
dadurch bewiesen, dass sie zugehört hat. Die Vision einer
Weltwirtschaft, die ohne fossile Brennstoffe auskommt, ist in den
Gipfelerklärungen der mächtigsten Staaten angekommen. Es könnte sein,
dass man später auf den Gipfel von Elmau als historischen Gipfel
schaut. Dazu muss noch viel passieren. Die eigenen Hausaufgaben
müssen gemacht werden. Andere Staaten müssen überzeugt werden. Aber
die Tür ist jetzt offen. Für Ihren persönlichen Einsatz in dieser
Sache möchte ich Ihnen, liebe Frau Bundeskanzlerin, an dieser Stelle
ausdrücklich danken und wünsche Ihnen viel Kraft und
Durchsetzungsvermögen bei der Umsetzung. Wir werden Sie dabei, wo
nötig, kritisch begleiten, aber Ihnen auch Rückenwind geben, wo Sie
das Notwendige gegen starke Widerstände durchzusetzen haben werden.
Wenn wir uns in diesen Tagen die Frage stellen, welche Tugenden für
unser Handeln im Umgang mit der Griechenlandkrise am wichtigsten
sind, dann könnten es genau diese drei sein: Dankbarkeit,
Selbstdistanz und Hoffnung. Dankbarkeit, weil wir nie vergessen
dürfen, wie kostbar das Friedensprojekt Europa ist, welche
Riesenerrungenschaft es ist, dass Völker, die früher gegeneinander
gekämpft haben, jetzt Freunde geworden sind und zusammenarbeiten. Wer
sich klar macht, welch unermessliche materielle und menschliche
Kosten Krieg, Hass und Gewalt verursachen, der wird auch viel Geld
dafür zu investieren bereit sein, um das Friedensprojekt Europa zu
retten. Selbstdistanz, weil gerade dann, wenn es so viele gute Gründe
gibt, den Kopf zu schütteln über die anderen, die beste Zeit ist,
über die eigenen Defizite nachzudenken. Haben wir in unserem
berechtigten Beharren auf Veränderungen wirklich verstanden, wie hart
bestimmte Maßnahmen in Griechenland gerade die Schwachen treffen?
Hoffnung, weil alle Frustration über das Verhalten einer bestimmten
Regierung nie dazu führen darf, dass das Volk, das sie gewählt hat,
fallen gelassen wird. Es ist deswegen richtig, zu betonen, dass die
Tür nie zu ist, und damit zu rechnen, dass Lernerfahrungen auch
Verhalten verändern und zu neuen Wegen des Umgangs mit der Krise
führen können. Was jetzt gefragt ist, ist eine kluge Mischung aus
Pragmatik, fachlich solide fundierter Einschätzung der
Steuerungswirkungen der zur Debatte stehenden Maßnahmen und einer
klaren Wertebindung, die sich an der Verantwortung für die Schwachen
orientiert. Wenn diese drei Faktoren berücksichtigt werden, dann
könnte Europa stärker aus dieser Krise herausgehen, als es
hereingegangen ist.

V. Schluss

„Ich danke Gott und freue mich“ – ja, diesen Satz dürfen wir in
unruhigen Zeiten sagen! Denn die Kraft zum Handeln in solchen Zeiten,
kommt nicht aus der Verzagtheit, sondern aus der Freude und
Dankbarkeit über die eigene Existenz und die Gemeinschaft mit den
anderen. Wer sich des eigenen Reichtums bewusst ist, kann auch am
meisten geben. Wenn wir uns am heutigen Abend an gutem Essen und
Trinken freuen, dann sind wir uns dieser Verantwortung bewusst, aber
dann können wir uns auch daran freuen. Ich wünsche uns nun gute
Begegnungen. Schön, dass Sie da sind! Lasst uns den Abend miteinander
genießen und uns aneinander freuen – und genau darin Gott danken.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Pressekontakt:
Carsten Splitt
Evangelische Kirche in Deutschland
Pressestelle
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D-30419 Hannover
Telefon: 0511 – 2796 – 269
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