„Idomeni ist eine europäische Untat“ / Interview mit dem Leiter der SOS-Kinderdörfer in Griechenland (FOTO)

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Während die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland weiter sinkt,
spitzt sich die Lage in Griechenland dramatisch zu: Im
nordgriechischen Grenzort Idomeni kam es erneut zu Ausschreitungen.
Auch in Piräus, wo im Hafen Tausende Flüchtlinge campieren, brodelt
es. Und im Camp Moria auf Lesbos protestieren Flüchtlinge hinter dem
Zaun gegen ihre Internierung. George Protopapas, Leiter der
SOS-Kinderdörfer in Griechenland, spricht im Interview über die
Flüchtlingskrise in seinem Land.

In Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze sitzen etwa
11.000 Flüchtlinge unter katastrophalen Bedingungen fest. Wer trägt
die Verantwortung dafür? Idomeni ist eine Untat der europäischen
Politik. Der Vollstrecker ist Griechenland, aber moralisch
verantwortlich ist Europa als Ganzes.

Wie kam es dazu?

Die Entscheidung, die Grenzen zu schließen, hat zu gewaltigen
Problemen in unserem Land geführt. Die griechische Regierung war
nicht darauf vorbereitet, derart viele Menschen zu versorgen und es
ist sehr schwierig, diese nun menschenwürdig unterzubringen.
Zehntausende Flüchtlinge befinden sich nun in einem Land, das unter
einer schweren Finanzkrise leidet. Griechenland ist zwar bereit zu
helfen, aber von seinen Möglichkeiten her dazu nicht in der Lage.

Wie reagieren die Flüchtlinge?

Die Flüchtlinge haben viel erlitten in ihrer Heimat und während
ihrer Flucht. Nun stehen sie vor Zäunen, die ihnen den Weg nach
Norden versperren, wo sie sich ein besseres Leben erhofften. Sie
fühlen sich gefangen und ihre Verzweiflung entlädt sich in Wut. Auch
in Piräus ist die Lage äußerst angespannt: Etwa 5.000 Menschen sitzen
dort im Hafen in einem Camp fest. Vor lauter Verzweiflung hat dort
kürzlich sogar ein verzweifelter Vater aus Afghanistan damit gedroht,
sein Baby ins Meer zu werfen.

Das EU-Türkei-Abkommen ist in Kraft getreten und die ersten
Flüchtlinge sind aus Griechenland in die Türkei abgeschoben worden.
Doch allein im Camp Moria auf Lesbos sind momentan noch rund 3.000
Menschen interniert. Wie wird das EU-Türkei-Abkommen Ihrer Meinung
nach umgesetzt und was könnten die Folgen sein? Bei der Umsetzung des
EU-Türkei-Abkommens ist noch ein weiter Weg zu gehen. Die Europäer
wissen nicht genau, wie sie das Abkommen umsetzen sollen, und die
Türkei hat kein Interesse, Flüchtlinge wieder aufzunehmen, die sie
bisher loswerden wollte. Die Leidtragenden sind die Menschen – und
besonders die Kinder. Ein Bespiel: In geschlossenen Camps wie Moria
auf Lesbos sind etwa 400 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge
interniert. Sie leben dort unter schlimmen, gefängnisähnlichen
Bedingungen.

Wie geht es weiter?

Eines ist sicher: Bald werden mehr als 100.000 Flüchtlinge und
Migranten in Griechenland sein. Das ist nur eine Frage von Monaten.
Jetzt sind es schon an die 60.000. Es wird etwas dauern, bis die zu
uns geflüchteten Menschen begreifen, dass ihr Weg in Griechenland
endet. Sie müssen menschenwürdig untergebracht werden. Und wenn sie
einen Asylantrag für Griechenland stellen, müssen wir für Arbeit und
Bildung sorgen. Sie müssen integriert werden. Europa und Griechenland
müssen zusammenarbeiten, wenn die Integration der Flüchtlinge in
unserem durch die Krise schwer belasteten Land gelingen soll. Dafür
setzen sich die SOS-Kinderdörfer schon seit Monaten ein. Außerdem
leisten wir Nothilfe für Flüchtlingskinder und Familien und werden
diese Hilfe noch weiter verstärken.

Pressekontakt:
Louay Yassin
Pressesprecher
SOS-Kinderdörfer weltweit
Tel.: 089/179 14-259
E-Mail: louay.yassin@sos-kd.org
www.sos-kinderdoerfer.de

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