„Kliniken vertuschen Probleme bei Frühgeborenen“ / Patientenvertre-ter und Gesundheitsexperten fordern Offenlegung / „Report Mainz“, heute, 2. April 2013, 21.45 Uhr im Ersten

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Nach Ansicht von Patientenvertretern und
Gesundheitsexperten vertuschen viele Kliniken Probleme bei der
Frühchenversorgung. Das berichtet das ARD-Politikmagazin „Report
Mainz“ (heute, 2.4., 21.45 Uhr im Ersten). Patientenvertreter
kritisieren, dass Komplikationen und Sterberaten bei Frühgeborenen
nicht offen gelegt würden. Sie sehen vor allem wirtschaftliche Gründe
als Ursache: Das Geschäft mit Frühgeborenen gilt für Kliniken als
äußerst lukrativ. Kliniken befürchteten, so die Patientenvertreter,
Frühchen als Patienten zu verlieren, wenn Mängel bei der Versorgung
öffentlich gemacht würden.

Der Marburger Patientenanwalt Dr. Hans-Berndt Ziegler vertritt
bundesweit viele Eltern, deren frühgeborene Kinder Opfer von
Behandlungsfehlern wurden. Im Interview mit „Report Mainz“ erklärt
er: „Gerade bei Frühgeborenen stelle ich fest, dass die Fehler unter
den Teppich gekehrt werden. Denn wenn Fehler öffentlich werden, fällt
das immer auf die Klinik zurück und man denkt: Ach, an der Klinik, da
wird nicht sauber gearbeitet. Und deshalb soll alles vermieden
werden, damit solche Dinge öffentlich werden.“

Patientenvertreter des Verbraucherzentrale Bundesverbandes üben im
Interview mit „Report Mainz“ Kritik an der mangelnden Transparenz bei
der Frühchenversorgung: „Meine persönliche Kritik daran ist, dass
dauerhaft Eltern die Möglichkeit verwehrt wird, tatsächlich
zutreffende und auch harte Informationen über Krankenhäuser zu
bekommen. Das bedeutet wiederum, dass sie sich nicht die guten
Krankenhäuser für ihr Kind aussuchen können, sondern eigentlich fast
willkürlich entscheiden müssen“, sagt Ilona Köster-Steinebach,
Patientenvertreterin beim Verbraucherzentrale Bundesverband. Bereits
2012 hätte ein Internetportal im Auftrag des Gemeinsamen
Bundesausschusses (GBA) freigeschaltet werden sollen, mit dem
werdende Eltern sich über die Qualität der Kliniken vergleichend und
laienverständlich informieren können sollen. Doch das sei bisher
immer noch nicht geschehen, erklärt Köster-Steinebach. Wann das
Vergleichsportal komme, sei weiter offen. Krankenhausvertreter
versuchten, die Offenlegung der Komplikationen und Sterberaten bei
Frühchen zu verhindern: „Ich persönlich erlebe das immer wieder als
eine Verzögerungs- und Verschleppungstaktik, die vor allen Dingen von
der Krankenhausseite ausgeht, aber gedeckt wird auch von den
Gesetzlichen Krankenkassen. Und die Hintergründe sind ganz einfach:
Eine Behandlung eines Frühgeborenen bringt sehr viel Geld, und auch
eine entsprechende Station bringt sehr viel Prestige für die
Krankenhäuser. Das wollen die Krankenhäuser, die schlechte Ergebnisse
haben, nicht verlieren.“ Köster-Steinebach kritisiert: „Meiner
Ansicht nach geht die Verzögerungstaktik der Krankenhäuser eindeutig
zu Lasten der Eltern und der Kinder, denn in der Gesamtheit bedeutet
das, dass mehr Kinder in Deutschland sterben, dass mehr Frühchen in
Deutschland schwere Behinderungen davontragen, als es notwendig
gewesen wäre. Und das jedes einzelne Jahr.“

SPD-Gesundheitsexperte Prof. Karl Lauterbach erklärt:
„Krankenhäuser haben natürlich kein Interesse daran, dass die
schlechte Qualität, die von ihnen im Einzelfall angeboten wird,
öffentlich wird, sonst würden die Eltern nicht mehr kommen. Das ist
ja ein planbarer Eingriff. Und wer würde schon gerne sein Kind einem
solchen Risiko aussetzen, wenn er wüsste, dass die Klinik dafür
eigentlich nicht geeignet ist?“ Er sieht vor allem Profitinteressen
der Kliniken als Motiv für die mangelnde Transparenz: „Ich würde
davon ausgehen, dass es auch ums Geld geht. Es ist tatsächlich so,
dass ein komplizierter Fall eines Frühgeborenen bis zu 150.000 Euro,
ich sage mal: Ertrag, bringen kann. Und es ist tatsächlich von den
Häusern, die dort weniger gute Qualität aufweisen, durchweg zu
vermuten, dass auch wirtschaftliche Aspekte eine Rolle spielen.“ Im
Interview mit „Report Mainz“ kritisiert Lauterbach: „Diese
Blockadepolitik ist absolut unethisch, weil hier die Kinder zum Teil
mit bleibenden Schäden geboren werden oder einige versterben sogar.
Das wird in Kauf genommen, zum Teil aus wirtschaftlichen Gründen. Das
ist aus meiner Sicht nicht tragbar.“

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft erklärt auf Anfrage von
„Report Mainz“, Krankenhäuser stellten sich bereits „umfangreichen
Qualitätssicherungsmaßnahmen“. Man unterstütze „uneingeschränkt“ die
geplante Internetplattform mit „Informationen zur Qualität der
Versorgung sehr kleiner Frühgeborener in deutschen Perinatalzentren“.
Bei der Umsetzung gebe es allerdings noch „vereinzelte Probleme
hinsichtlich technischer Abläufe“. Daraufhin entgegnet
Patientenvertreterin Köster-Steinebach: „2012 war das Portal
technisch wie inhaltlich im Wesentlichen fertig gestellt. Insofern
muss man davon ausgehen, dass es längst den Patienten zur Verfügung
stehen sollte.“

Weitere Informationen finden Sie unter www.swr.de/report. Zitate
gegen Quellenangabe „Report Mainz“ frei. Fragen bitte an „Report
Mainz“, Tel.: 06131/929-33351

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