Landeszeitung Lüneburg: Augenmerk gilt kleinen Betrieben / Minister Christian Meyer will Wende in Landwirtschaft forcieren – Niedersachsen soll Agrarland Nummer 1 bleiben

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Niedersachsen ist das Agrarland Nummer 1 in
Deutschland – und soll es auch nach einer von der neuen rot-grünen
Landesregierung angepeilten Agrarwende bleiben. „Ökologisch und
konventionell sollen nicht gegeneinander ausgespielt werden“, betont
Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) im Gespräch mit
unserer Zeitung. Die Branche muss sich allerdings auf eine Kürzung
der EU-Fördermittel einstellen. Und auf eine Neujustierung. Denn der
Minister will die Förderung der kleinen und mittelständischen
Familienbetriebe in Niedersachsen in den Mittelpunkt stellen.

Herr Meyer, als grüner Landwirtschaftsminister haben Sie hehre
Ziele. Sie wollen den Öko-Landbau ausbauen, die Kennzeichnung von
Lebensmitteln verbessern, höhere Tierschutzstandards durchsetzen.
Doch Geld und Vorgaben kommen aus Brüssel, was können Sie da
überhaupt bewegen?

Christian Meyer: Erstens spielt es auf europäischer Ebene durchaus
eine Rolle, wie sich Niedersachsen als Agrarland Nummer eins
politisch verhält. Derzeit unterstützen wir die EU-Kommission bei
ihren Vorschlägen für eine Ökologisierung der Subventionen oder die
Umverteilung der Fördermittel hin zu den bäuerlichen Betrieben. Und
zweitens haben wir auch auf Landesebene Spielräume: Stecken wir die
Fördermittel von der EU in große Agrarindustrien oder in
Umweltprogramme und Anreize für mehr Tierschutz? Unterstützen wir
Großschlachthöfe mit mehr als zehn Millionen Euro, wie es
Schwarz-Gelb getan hat, oder fördern wir umweltfreundliche
Bauernhöfe? Wir haben sowohl einen Etat als auch die Möglichkeiten,
in der niedersächsischen Landwirtschaft grundlegend etwas zu
verändern.

Derzeit wird in Niedersachsen auf rund 2,8 Prozent der Fläche
ökologisch gewirtschaftet. Damit sind wir als Agrarland Nummer eins
in Deutschland Schlusslicht. Wie viel Prozent Biolandbau wollen Sie
in Niedersachsen erreichen?

Meyer: Ich will keine konkrete Zahl nennen. Das ist unrealistisch,
weil man nie weiß, wie sich die sonstigen Märkte entwickeln, zum
Beispiel die Pachtpreise für Land, die durch die Überförderung von
Mais für Biogasanlagen bereits deutlich gestiegen sind. Doch mein
Ziel ist es auf jeden Fall, den Anteil des Ökolandbaus in
Niedersachsen deutlich zu erhöhen, um der steigenden
Verbrauchernachfrage mit heimischen Produkten nachzukommen.

Und wie genau wollen Sie das erreichen?

Meyer: Wir werden die Förderung deutlich erhöhen und die Beratung
ausbauen, Aktionsprogramme Ökolandbau auflegen, um Landwirte,
Konsumenten und Kantinen davon zu überzeugen, dass Qualität und
ökologische Angebote gut sind. Ich bin überzeugt, dass wir mehr Geld,
Wertschätzung und auch Wertschöpfung für den ländlichen Raum nur über
Qualität und Nachhaltigkeit der Landwirtschaft erreichen können. Mit
Masse, billig und immer weniger Höfen und Bauern, werden wir nicht
Agrarland Nummer eins bleiben.

Das heißt, wer in Zukunft nicht ökologisch wirtschaftet, bekommt
in Niedersachsen auch keine Förderung mehr?

Meyer: Nein. Es geht uns bei der Agrarwende nicht nur darum, den
Anteil der Bio-Betriebe zu erhöhen, wir wollen nicht ökologisch gegen
konventionell ausspielen. Wir haben das klare Ziel, Agrarland Nummer
eins zu bleiben. Und zwar nicht nur beim Umsatz, wie wir es jetzt
sind. Wir wollen auch bei der Zahl der Betriebe und der Arbeitsplätze
Agrarland Nummer eins sein. Und das sind wir derzeit nicht. Dafür
muss sich die niedersächsische Landwirtschaft umwelt-, tierschutz-
und verbrauchergerecht neu aufstellen. Und dafür müssen wir die
kleinen und mittelständischen Familienbetriebe in Niedersachsen, mit
90 Prozent die absolute Mehrheit aller Bauern im Land, in den
Mittelpunkt der Förderung stellen.

Das hört sich teuer an. Dabei gibt es doch mit der neuen
Förderperiode ab 2014 weniger Geld aus Brüssel für den deutschen
Agrarsektor?

Meyer: Das stimmt. Da hat die schwarz-gelbe Bundesregierung bei
der Vorbereitung der Agrarreform meiner Meinung nach schlecht
verhandelt, was die deutsche Landwirtschaft treffen wird. Uns geht es
jetzt darum, das Geld, was zur Verfügung steht, anders zu verteilen.
Bisher gab es den Großteil der Förderung pauschal pro Hektar, davon
haben vor allem die großen Betriebe profitiert, nicht die kleinen,
mittelständischen Familienbetriebe Das soll sich in Zukunft ändern.
Wir wollen zum Beispiel die ersten 30 bis 50 Hektar mit einem höheren
Betrag fördern als den 500sten Hektar. Davon wird die große Mehrzahl
der Landwirte profitieren. Bei einer Kappung der Subventionen wären
99 Prozent Gewinner der Umverteilung. Außerdem sollen
gesellschaftliche Leistungen für den Umwelt-, Tier- und
Verbraucherschutz, die nicht am Markt bezahlt werden und an denen der
Landwirt nicht direkt etwas verdient, besser über die Förderung
honoriert werden. Es kann nicht das langfristige Ziel einer
bäuerlichen Agrarpolitik sein, dass Landwirte pauschal Zahlungen für
die Einhaltung der Gesetze bekommen. Das ist auch gesellschaftlich
nicht mehr akzeptiert. Ich glaube, die Zeit der Subventionen für
billiges Fleisch und billige Lebensmittel ist vorbei.

Die Deutschen gelten als besonders geizig, geben im Schnitt nur
knapp 15 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus. Wie wollen
Sie sie überzeugen, Ihre Agrarwende mitzutragen und für „bessere“
Lebensmittel mehr zu zahlen?

Meyer: Das ist ein schrittweiser Prozess, der ja bereits läuft.
Die Nachfrage nach Bioprodukten und Qualitätsware steigt, hat sich
innerhalb weniger Jahre auf über 7 Mrd. Euro verdreifacht. Welche
Branche kann solche Wachstumsraten vorlegen? Letztes Jahr gab es in
Deutschland einen deutlichen Rückgang beim Pro-Kopf-Verbrauch von
Fleisch, und ich bin überzeugt, dass das auch mit dem Wertewandel,
einer zunehmenden vegetarischen und veganen Ernährung der Menschen zu
tun hat. Wir wollen niemandem vorschreiben, was er essen soll. Aber
wir wollen ihm die Wahlfreiheit lassen, indem wir auch dafür sorgen,
dass er auf den Produkten erkennen kann, wie sie erzeugt wurden.

Und Sie glauben wirklich, dass das funktioniert?

Meyer: Ja. Nehmen wir das Beispiel Eier. Da gibt es die
Kennzeichnung der Haltungsformen, und die Verbraucher kaufen zu 90
Prozent keine billigen Käfigeier mehr, sondern teurere Eier aus
alternativen Haltungsformen. Doch bei den meisten anderen Produkten
haben die Menschen gar keine Chance, zu erkennen, was sie da
eigentlich kaufen. Da laufen in Werbespots Hühner auf der Wiese,
obwohl das Huhn tatsächlich aus einem Betrieb kommt, wo es die Wiese
nur sieht, wenn es zum Schlachthof gefahren wird. So etwas muss im
Sinne der Ehrlichkeit untersagt werden. Natürlich geht das langsam.
Auch die Energiewende ging nicht von einem Tag auf den anderen. Doch
ich bin überzeugt: Wir haben jetzt eine Gesellschaft, die andere
Produktionsweisen in der Landwirtschaft fordert. Und es müssen jetzt
Wege gefunden werden, wie man das gemeinsam hinkriegen kann.

Dafür müssen Sie aber auch die Bauern überzeugen. Wie? Nur mit
Geld?

Meyer: Nein. Sicherlich sind finanzielle Anreize ein wichtiges
Mittel, auch das hat die Energiewende gezeigt. Die meisten
Solaranlagen haben Landwirte auf ihren Dächern, und das ist nicht so,
weil sie alle plötzlich grün wählen, sondern weil es sich lohnt und
weil sie davon überzeugt sind, dass es eine gute Sache ist.
Gleichzeitig wollen aber auch viele Landwirte Veränderungen, die
meisten von ihnen bauen größere Ställe, nicht weil sie es wollen,
sondern weil sie keine andere Möglichkeit zum Überleben sehen. Ich
glaube, es ist Konsens, dass wir in der Tierhaltung etwas tun müssen.
Das hat sogar die alte Landesregierung mit ihrem Tierschutzplan
erkannt, den wir jetzt fortsetzen. Ein großes Ziel unserer Agrarwende
muss am Ende auch sein, dass der Bauer davon profitiert, dass er ein
höheres Einkommen erzielt, gesellschaftlich wieder akzeptiert wird,
dass die Lebensmittel, die er produziert, mehr Akzeptanz und
Wertschätzung erhalten. Nicht ökologische, nicht nachhaltige, nicht
soziale und nicht tierschutzgerechte Produktion muss auslaufen und
beendet werden. Und Wende heißt nicht zurück in die Fünfziger,
Sechziger Jahre. Wir wollen eine Weiterentwicklung in eine
zukunftsfähige, bäuerliche und umweltgerechte Landwirtschaft. Und ich
glaube, da gibt es mittlerweile auch einen parteienpolitischen
Konsens – bis hin zu vielen Landräten der CDU.

Eine letzte Frage noch, Herr Meyer. Wie wird man eigentlich vom
studierten Politikwissenschaftler zum Agrarexperten?

Meyer: Ich komme vom Land, bin neben einem Milchviehbetrieb groß
geworden, mein Kinderzimmer war quasi die andere Wand des Kuhstalls.
Ich habe viele Freunde, die Landwirtschaft studiert haben, habe für
Umweltverbände und ein Jahr in Brüssel für eine Abgeordnete
gearbeitet, die für Tierschutz, Gentechnik, Verbraucherschutz
zuständig war. Danach saß ich fünf Jahre als agrarpolitischer
Sprecher im Landtag auf der Oppositionsbank, und ich glaube
mittlerweile, es ist auch ganz gut, wenn man nicht direkt aus der
Branche kommt. Anders als bei Exministerin Grotelüschen, die von der
CDU ja wieder für den Bundestag aufgestellt wurde. Wenn man aus der
Agrarbranche kommt, besteht immer der Verdacht, dass man nur so
entscheidet, weil man Putenhalter, Rübenbauer oder Milchviehhalter
wäre. Als Nichtlandwirt mache ich heute Agrarpolitik für die
Gesamtgesellschaft, für alle acht Millionen Verbraucher in
Niedersachsen.

Das Interview führte Anna Sprockhoff

Pressekontakt:
Landeszeitung Lüneburg
Werner Kolbe
Telefon: +49 (04131) 740-282
werner.kolbe@landeszeitung.de

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