Landeszeitung Lüneburg: Repression zeugt nur neuen Terror / Nahostreporter Jörg Armbruster fürchtet, dass der Arabische Frühling in einer Tragödie endet

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Die Staatengemeinschaft reagierte lange kopflos
auf die Errichtung eines Islamischen Kalifats in Syrien und Irak. Der
ehemalige ARD-Nahostkorres-pondent Jörg Armbruster kritisiert, dass
der Westen die geistige Nähe zwischen dem wahabitischen Islam
Saudi-Arabiens und dem IS übersieht. Als Ordnungsmacht falle der
Westen aus. Nur Riad und Teheran könnten ein Übergreifen des
sunnitisch-schiitischen Konfliktes auf weitere Staaten verhindern.
Syrien und dem Irak drohe so oder so der Zerfall.

Sie selbst wurden im März 2013 angeschossen, dutzende Kollegen
erschossen, zuletzt wurden einige Kollegen enthauptet, um Stoff für
den Propagandakrieg des IS zu liefern. Können westliche
Kriegsberichterstatter nur noch mit privaten Sicherheitsdiensten nach
Syrien geschickt werden, wie dies angelsächsische Sender tun?

Jörg Armbruster: Das würde ich nicht empfehlen. Wenn ich den
Menschen als Journalist gegenübertrete, muss ich dies möglichst offen
tun ohne Bodyguards. Anderenfalls signalisiere ich, dass ich mein
Gegenüber als Gegner empfinde, dem man misstrauen muss, und nicht als
Mensch, mit dem ich reden möchte. Kriegsberichterstattung mit
Sicherheitsdiensten ist keine Grundlage für einigermaßen wahrhaftigen
Journalismus.

Sie wurden in Aleppo angeschossen. Sollte der IS Kobane erobern,
würde er ein Gebiet zwischen Mossul und den Vororten Aleppos
kontrollieren. Würden Sie heute – ohne die Vorgeschichte Ihrer
Verwundung – noch in die Region reisen?

Armbruster: Man kann wohl noch in einige Städte, die südlich und
nahe der türkisch-syrischen Grenze liegen, reisen. Ich weiß, dass
einige Kollegen noch nach Aleppo gefahren sind und brillante
Reportagen mitgebracht haben. Aber ich persönlich würde es nicht mehr
machen. Denn dort ist das Risiko, entführt zu werden, viel zu groß.
Die Terroristen des Islamischen Staates lauern nur auf westliche
Berichterstatter, um sie und damit Druckmittel gegen westliche
Staaten in die Hand bekommen zu können.

Ist die Enthauptungsserie des IS eine neue Qualität in Sachen
Gewalt gegen Journalisten?

Armbruster: Diese Art von Gewalt hat es immer wieder gegeben. Nach
2003 im Irak beispielsweise. So wurde der Geschäftsmann Nicholas Berg
von Abu Mussab al-Sarkawi persönlich geköpft, dem Gründer der
Organisation, die sich heute Islamischer Staat nennt. Die Gewalt hat
es schon immer gegeben, doch dass sie so strategisch und so
systematisch eingesetzt wird, hat schon eine neue Qualität.

Wie haben Sie sich inzwischen erholt von Ihren Verletzungen?

Armbruster: Ich habe mich sehr gut erholt. Die rechte Hand kann
ich benutzen, wenn sie auch nicht mehr hundertprozentig einsatzfähig
ist. Aber ich kann damit sehr gut leben.

Mittlerweile geloben sogar pakistanische Taliban dem IS die Treue.
Erleben wir eine Machtübernahme von Al-Kaida zum IS, der ja bereits
staatsähnliche Strukturen ausbildet?

Armbruster: Innerhalb der Taliban ist es zu einem heftigen
Konflikt gekommen. Ein Teil hätte sich gern dem IS untergeordnet.
Aber in der Tat erleben wir, wie sich in den Terrororganisationen
eine neue Qualität herausbildet. Es gibt nicht länger einen
Mastermind, der sich in den Höhlen des Hindukusch versteckt. Sondern
wir erleben eine nach ihren Maßstäben sehr erfolgreiche
Terrororganisation, die sehr attraktiv auf Dschihadisten in anderen
Ländern ist. Ich glaube zwar nicht, dass Bagdadi, der selbsternannte
Kalif von Mossul, so etwas wie ein weltweit agierender Stratege des
Terrors ist. Aber der IS ist nach seinem Siegeszug so attraktiv, dass
sich andere Terrororganisationen gerne unterordnen. So war die
widerliche Hinrichtung des französischen Bergsteigers Hervé Gourdel
in Algerien als so etwas wie eine Morgengabe der algerischen
Islamisten an den Islamischen Staat gedacht gewesen.

Syrien versinkt in einem blutigen Krieg mit vielen Fronten, Libyen
droht zu zerbrechen, Ägypten wird zur Militärdiktatur. Endet der
Arabische Frühling als Tragödie?

Armbruster: Bis auf Tunesien. In allen anderen Ländern ist dies zu
befürchten. In Ägypten beobachten wir noch etwas anderes. Neben der
sich in der Tat ausbildenden Militärdiktatur, von der mir Freunde
berichtet haben, dass es bereits schlimmer sei als unter Mubarak,
erstarkt eine Terrorbewegung auf dem Sinai. Sie liefert mit ihren
Anschlägen der Militärregierung in Kairo die Gründe, die Repression
noch weiter anzuziehen. Wir erleben insgesamt im Nahen Osten
erstarkende Terrorbewegungen – vor allem dort, wo staatliche
Strukturen zusammenbrachen.

Wird der Islamische Staat im Westen auch unterschätzt, weil hier
seine Verankerung im wahabitischen Islam Saudi-Arabiens und seine
klammheimliche Förderung durch die Türkei ignoriert wird?

Armbruster: Das wäre fatal, ist kaum vorstellbar. Aber in der Tat
gibt es eine enge geistige Verbindung zwischen dem wahabitischen
Islam, der in Saudi-Arabien zur Staatsreligion erklärt worden ist,
und der Ideologie des IS. Saudi-Arabien ist eine Art Ideenlieferant
für alle dschihadistischen Gruppen, auch wenn Riad dies vielleicht
gar nicht will. Aber solange der wahabitische Islam nicht von
Muslimen selbst hinterfragt wird, bleibt er ein Nährboden für
Dschihadisten. Die Türkei spielt eine ganz andere Rolle. Sie sollte
vom Westen als NATO-Partner vermutlich in Ruhe gelassen werden. Zudem
hatte man sich wahrscheinlich eine effektive Bekämpfung, wenn nicht
den Sturz von Assad erhofft. Da aber die Türkei sowohl den
Al-Quaida-Ableger Al-Nusra-Front als auch den IS duldete, wenn nicht
sogar förderte, trägt Ankara eine Mitschuld.

Kann die mit Riads Petro-Dollar gespeiste Missionierung für den
radikalen Wahabismus noch hinterfragt werden oder ist der moderate
sunnitische Islam bereits aus der Region verdrängt?

Armbruster: Das glaube ich nicht. Ägypten, Tunesien, Jordanien
oder auch einige kleine Golf-Scheichtümer sind als moderat anzusehen.
Gleichwohl wird der wahabitische Islam derzeit in vielen anderen
Ländern mit Gewalt durchgesetzt.

Der IS führt einen echten Vernichtungsfeldzug gegen andere
Religionen und nicht-sunnitische Glaubensrichtungen. Hat diese
quasi-religiöse Kriegsmaschine Parallelen zum nationalsozialistischen
Vernichtungsfeldzug?

Armbruster: Das sehe ich nicht so. Ein derartiger Vergleich hinkt,
da der Nationalsozialismus eine einzigartig grausame Ideologie war.
Aber der IS versucht tatsächlich, alles von seiner Linie Abweichende
zu verfolgen. Das gilt für Schiiten, Christen, Jesiden, aber auch für
gemäßigte Sunniten.

Droht in der Region ein neuer 30-jähriger Glaubenskrieg, diesmal
zwischen Sunniten und Schiiten?

Armbruster: Ich will es nicht hoffen. Will man den syrischen
Konflikt lösen, müssen sich das sunnitische Schwergewicht
Saudi-Arabien und die schiitische Vormacht Iran an einen Tisch
setzen. Danach sieht es im Moment leider nicht aus. Wenn man das
Übergreifen auf weitere Länder verhindern will, etwa die Türkei oder
vor allem den Libanon, müssen Riad und Teheran auf ihre jeweiligen
Klientel an der Front einwirken. Der Westen ist da einigermaßen
hilflos. Aber ob der Krieg nun 30 oder nur fünf Jahre dauern wird,
spielt für Syrien und den Irak kaum eine Rolle. Beiden Staaten droht
die völlige Zerstörung.

Wäre eine syrische Lösung vorstellbar unter Einschluss des
Baath-Regimes, aber ohne Assad?

Armbruster: Das könnte in der Tat ein Weg sein. Dann bliebe aber
noch die Frage, was mit den dschihadistischen Bewegungen geschehen
soll, die versuchen würden, eine solche Lösung zu torpedieren.
Allerdings halte ich es nicht für sehr wahrscheinlich, dass der
Assad-Clan von der Macht lässt.

Sie waren auf dem Tahrir-Platz, als der Jubel über den Rücktritt
von Präsident Mubarak losbrach. Mittlerweile ziehen die alten Eliten
in Ägypten wieder die Fäden, verfolgen die Muslimbrüder. Entwickelt
sich hier die nächste Brutstätte für Terrorismus, weil staatliche
Strukturen Gefahr laufen, zu bröckeln?

Armbruster: Ich glaube nicht so sehr, dass in Ägypten die
staatlichen Strukturen schwächeln könnten. Aber es ist noch nie
gelungen, durch Repressionen, durch eine neue Diktatur solche
terroristischen Bewegungen in den Griff zu kriegen. Im Gegenteil: Je
mehr Repression, je mehr andersdenkende Menschen verfolgt werden,
desto mehr tauchen sie in den Untergrund ab. Bis 2013 hatten die
Muslimbrüder mit den Dschihadisten auf dem Sinai wenig gemein. Aber
ich kann heute nicht mehr ausschließen, dass sich junge Muslimbrüder
unter dem Eindruck von Verfolgung und Folter solchen Dschihadisten
anschließen. Aber Repression besiegt den Terror nicht, sondern zeugt
neuen Terror.

Das Interview führte Joachim Zießler

Pressekontakt:
Landeszeitung Lüneburg
Werner Kolbe
Telefon: +49 (04131) 740-282
werner.kolbe@landeszeitung.de

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