Landeszeitung Lüneburg: Die Erdkruste ist noch nicht entspannt-Seismologe Prof. Dr. Rainer Kind sagt: Italien muss mit Erdbeben leben, kann sich aber besser vorbereiten

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Schwere Erdbeben sind für Italien nicht
ungewöhnlich. „Leider bleibt eine seriöse Vorhersage bis auf Weiteres
unmöglich“, sagt der Seismologie-Professor Dr. Rainer Kind vom
Geoforschungszentrum Potsdam. Doch selbst die mittelalterlichen
Dörfer könnten erdbebensicherer gemacht werden. „Das ist aber teuer.“

Italien wird von Kräften der Plattentektonik geradezu in die Zange
genommen. Können Sie skizzieren, welche komplexen Kräfte außer der
afrikanischen Platte noch gegen den Stiefel drücken bzw. an ihm
zerren und so in Mittelitalien immer wieder für Erdbeben sorgen?
Prof. Dr. Rainer Kind: Großflächig greift da die Nord-Ost-Bewegung
der Afrikanischen Platte an. Seit vielen Millionen Jahren bewegt sich
die afrikanische Platte mit ca 2 cm pro Jahr nach Nordosten und
schließt dabei das Mittelmeer langsam. Im Detail ist es allerdings
noch sehr viel komplizierter. Lokal kommt es sogar zu
entgegengesetzten Kräften. So taucht im Tyrrhenischen Meer im
Südwesten des italienischen Stiefels eine Platte ab, was eine
Dehnung nach Südwesten verursacht. Das kann man mit GPS sehr gut
messen: Der östliche Teil der italienischen Halbinsel bewegt sich im
Verhältnis zum westlichen Teil mit einer Geschwindigkeit von fünf
Millimeter pro Jahr nach Nordosten, während der westliche Teil
relativ stehenbleibt. Also wird Italien jedes Jahr um fünf Millimeter
breiter. Das verursacht eine Dehnungsspannung im Apenninen-Gebirge,
dann kommt es zu diesen Dehnungsbeben. All diese Beben wie in
L–Aquila 2009 und das Beben bei Assisi 1997 sowie die jetzigen Beben
resultieren aus Brüchen in der Erdkruste, die durch Zugspannung
entstanden sind.

2009 beim Beben in L–Aquila gab es mehrere deutliche Vorbeben, bei
dem jüngsten nahe Norcia hingegen keines. Wird es grundsätzlich
unmöglich bleiben, Beben vorherzusagen oder gibt es Chancen über die
Registrierung von Deformierungen der Erdkruste über GPS? Prof. Kind:
Tatsächlich gibt es bisher nach wie vor keine verlässliche
Erdbeben-Vorhersage und in absehbarer Zeit wird es sie auch nicht
geben. Allerdings erlaubt GPS Fantasie. Noch liegt die Genauigkeit
des GPS-Instruments aber erst im Millimeterbereich. Seismometer
können hingegen Veränderungen im Nanometer-Bereich messen, sie sind
sehr viel empfindlicher: Aber: Als Trägheitspendel reagieren sie
nicht auf die ganz langsamen Bewegungen der Platten. GPS ist
prädestiniert dazu, aber leider noch nicht genau genug. Um schwache
Vorläufer-Bewegungen aufspüren zu können, müsste man viel höher
auflösende Bewegungs-Messgeräte entwickeln.

Sind Frühwarnsysteme denkbar ähnlich derer bei Tsunamis, die Alarm
auslösen, sobald die erste seismische Welle gemessen wird? Prof.
Kind: Es gibt Frühwarnsysteme auch für Erdbeben, aber ihr Nutzen ist
begrenzt. Man hat in Indonesien eine Vorwarnzeit von 15 Minuten vor
einem Tsunami. In dieser Zeit kann man schon einiges machen. Beim
Erdbebenwarnsystem ist es schwieriger, da die Erdbebenwellen sehr
viel schneller als Tsunamiwellen laufen. In Mexiko, Japan gibt es
solche Systeme, in der Türkei wird daran gearbeitet. In Mexiko
gewinnt man etwa 30 bis 40 Sekunden Zeit. Typischerweise sind die
Erdbeben an der mexikanischen Pazifikküste. Die Hauptstadt Mexiko
City ist ungefähr 400 Kilometer entfernt. Das heißt, die
zerstörerische Oberflächenwelle erreicht die Hauptstadt 30 bis 40
Sekunden nach der Information über das eingetretene Erdbeben. Für
Mittelitalien würde das aber nicht funktionieren, die Beben sind
direkt unter den Ortschaften. Im Epizentrumsgebiet kann man nichts
machen, dafür ist die Zeit zu kurz. Man kann nur Regionen warnen, die
einen bestimmten Abstand haben.

Gibt es bei einer weit zurückreichenden Betrachtungsweise
zeitliche Muster, in denen sich die Spannung in der Erdkruste in
Mittelitalien entlädt? Prof. Kind: Ja, aber keine einfachen. So gab
es um Norcia 1703 drei Erdbeben, die noch heftiger waren, als das
aktuelle. Damals starben in wenigen Wochen zehntausende Menschen. 300
Jahre danach brach diese Region erneut, aber nicht so schnell wie
damals, das hat sich jetzt über Jahre hingezogen. In Assisi bebte es
1997, in Aquila 2009, nun in Norcia. Aber noch ist nicht die gesamte
Region, die damals gebrochen war, erneut gebrochen. Es gibt zwischen
dem jetzigen Beben von Norcia und dem von Assisi eine Lücke von
ungefähr 20 Kilometern Länge, wo nichts gebrochen ist. Das kann man
aus der Verteilung der Nachbeben und den mit GPS gemessenen
Bewegungen der Erdoberfläche abschätzen. In dieser noch nicht
betroffenen Region könnte noch ein Erdbeben erfolgen, muss aber
nicht. Aber man kann auf keinen Fall sagen, dass die Region nun
vollständig entspannt ist und es daher keine Beben in nächster Zeit
geben wird.

Bei dem Beben soll die 20000-fache Energie der Hiroshima-Bombe
freigeworden sein. Lassen sich die aufgebauten Spannungen an den
Plattenrändern eigentlich messen? Prof. Kind: Ja, man kann die
Energie abschätzen, die ein Erdbeben freigesetzt hat. Die Magnitude
sagt etwas darüber aus. Da kann man solche Verhältnisse herstellen.

Aber vorab kann man dies nicht an den Platten messen, die sich
gegeneinander verschieben oder übereinander gelagert sind? Prof.
Kind: Nein, leider nicht. Man kann lediglich aus den Verschiebungen
an der Erdoberfläche herleiten, dass sich dort Spannung aufbaut. Aber
wie sie sich löst, ist offen. Man weiß nicht, wo die Belastungsgrenze
ist. Meistens hat man auch nicht genügend GPS-Messungen zur
Verfügung. Entsprechende GPS-Messsysteme befinden sich in
erdbebengefährdeten Gebieten im Aufbau. Der Ansatz ist natürlich
richtig.

Die Stadt Norcia – obwohl nur 10 Kilometer vom Epizentrum entfernt
– musste keine Opfer beklagen, Amatrice hingegen Hunderte. Grund:
Norcia wurde vor Jahren nach verheerenden Beben neu – und
erdbebensicher – aufgebaut. Wie erklärt sich der Fatalismus der
Italiener in Sachen Vorsorge? Prof. Kind: Das ist eine sehr schwere
Frage. Italien musste schon immer mit Erdbeben umgehen. Aber es gibt
zum Beispiel vom US Geological Survey eine Studie, wie
unterschiedlich sich ein Beben mit der Zerstörungs-Intensität 9 auf
der Mercalli-Skala – also großflächigen Verwüstungen, bei denen
erdbebensichere Gebäude aber nur beschädigt sind – auswirkt. Bezogen
auf eine Region mit 10000 Einwohnern würden im Iran 3000 Leute
sterben, in Italien 150 und in Kalifornien 3. Das ist auf die
unterschiedliche Bauweise der Häuser zurückzuführen. In Iran hat man
Lehmhäuser mit schweren Dächern oben drauf. In der großen
Staubentwicklung ersticken die Menschen. In Italien gibt es zum
großen Teil mittelalterliche Bauwerke in den Dörfern. Während man in
Kalifornien schon seit vielen Jahrzehnten erdbebensicher baut, ist
das in Italien natürlich schwieriger. Die alte Bausubstanz kann man
nur sehr schwierig sicherer machen. Obwohl es viele Ankündigungen
gibt, war die Umsetzung nicht ausreichend. In Amatrice ist eine
Schule eingestürzt, die wohl erdbebensicher ausgebaut gewesen sein
sollte. Offensichtlich werden die guten Regeln für erdbebensicheres
Bauen nicht immer eingehalten.

Können alte Gebäude durch den Einbau von Stützen, Erdbebenankern
oder zusätzlichen Mauern effektiv gesichert werden? Prof. Kind: Ja,
man müsste Stahlverstärkungen und -träger einbauen. Fachwerkhäuser
sind auch sehr sicher. In Deutschland mit unseren schönen
Holzfachwerken würde nicht so viel passieren bei gleich starken
Erdbeben. Und so etwas kann man zusätzlich einbauen in die alten
Häuser. Mehr Erdbebensicherheit ist möglich, aber teuer.

Viele Universitäten in Italien forschen an der Frage, wie das
Risiko bei der Erdstößen verringert werden kann. Warum klappt der
Technologietransfer von der Forschung in die Praxis nicht? Prof.
Kind: Mit Schuldzuweisungen sollte man von Deutschland aus sehr
vorsichtig sein. Aber dass es da anscheinend ein Problem gibt, haben
die Italiener selbst erkannt. Denn die Erdbebengefährdung ist mit der
in Kalifornien und Japan vergleichbar. Und dort haben sie es
geschafft, die Häuser sicherer zu bauen. Aber in Kalifornien gibt es
natürlich diese Masse von mittelalterlichen Bauwerken nicht.

In Italien sorgen die mittelalterlichen Städte für hohe
Opferzahlen, in Kalifornien hingegen stehen zwei Atomkraftwerke nahe
der Pazifikküste. Droht an der St.-Andreas-Verwerfung ein
Bebenszenario wie in Fukushima? Prof. Kind: Das kann schon passieren.
Ich weiß nicht, ob die Kraftwerke dort so nah an der Küste sind, dass
sie durch Tsunamis gefährdet wären Aber es wird in den USA intensiv
über die Erdbebensicherheit von Kernkraftwerken diskutiert. Derartige
Standorte werden auch in Kalifornien sehr kritisch gesehen.

Wieso siedeln die Menschen immer wieder in seismisch heißen Zonen
wie Tokio, San Francisco oder Istanbul? Prof. Kind: Es dauert immer
sehr lange, bis sich Erdbeben wiederholen. Das große Beben von San
Francisco von 1906 ist 110 Jahre her, deshalb es kann jederzeit
wieder krachen. Aber die Gegenden sind offenbar so attraktiv, dass
das Risiko bewusst in Kauf genommen wird. Das ist auch nicht
unvernünftig, wenn man dann in diesen Gegenden erdbebensicher baut.
Letztendlich steigen wir alle ins Auto, obwohl wir um das Risiko
furchtbarer Unfälle wissen.

Meidet ein Seismologe wie Sie erdbebengefährdete Gebiete? Prof.
Kind: Nein, im Gegenteil. Sehr häufig finden Kongresse von
Erdbebenforschern an den Hotspots statt. Aber klammheimlich bin ich
doch erleichtert, wenn das Flugzeug wieder in der Luft ist. Das
Interview führte Joachim Zießler

Pressekontakt:
Landeszeitung Lüneburg
Werner Kolbe
Telefon: +49 (04131) 740-282
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