Landeszeitung Lüneburg: „Frankreichs willkommene Auszeit“ Sozialwissenschaftler Prof. Sonntag im Interview: Fußball-EM trägt zur gefühlten Integration bei, löst aber keine Probleme

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Er ist Sozialwissenschaftler, Fußball-Experte und
lebt an der Loire: Der Deutsche Prof. Albrecht Sonntag bedauert, dass
die Terrorangst bisher die Vorfreude auf die EM erstickte. Und er
warnt vor überzogenen Erwartungen, die EM könnte einen Aufschwung
oder eine bessere Integration anstoßen. Prof. Sonntag: „Fußball kann
positiv auf Gesellschaften einwirken, aber keine Probleme lösen.“

Brennende Barrikaden, Schlangen an Tankstellen: Findet die
Europameisterschaft in einem Land des Stillstands statt? Prof.
Albrecht Sonntag: Frankreich leidet derzeit unter tiefgreifenden
Sozialkonflikten. Das hat strukturelle und aktuelle Gründe. Zum einen
ist eine EM eine perfekte Gelegenheit für Gewerkschaften, die
Regierung unter Druck zu setzen. Während sich Frankreich als
modernes, leistungsfähiges Land präsentieren möchte, bekommen die
Gewerkschaften als Party-Störer mehr Gehör. Hatten sie anfangs mit
ihrer Opposition gegen die Arbeitsmarktreform noch eine akzeptable
Motivation, haben sie sich mittlerweile aber ideologisch verstiegen.
In Frankreich sind die Gewerkschaften anders als in Deutschland
branchenübergreifend nach ihrer ideologischen Ausrichtung
organisiert, was sie in eine Art Überbietungswettbewerb treibt. Zum
anderen ist die Fünfte Republik eine wahre Zwangsjacke für die
französische Gesellschaft. Ihre konstitutionelle Verfassung wurde
1958 ad hoc für Charles de Gaulle maßgeschneidert, damit dieser den
Algerienkrieg beendet. Keiner seiner Nachfolger vermag seine Rolle
auszufüllen. Eine der katastrophalen Folgen dieser Schieflage in der
Verfassungswirklichkeit ist, dass die Wahlkämpfe ausschließlich auf
das Präsidentenamt zugeschnitten sind und sich daher in
Schwarz-Weiß-Malerei verlieren. So werden jedes Mal unrealistische
Erwartungshaltungen geschürt, die sich in den folgenden fünf Jahren
in Frustrationswellen über dem Land entladen. Akut schaukeln sich
beide Ursachen hoch.

Hinzu kommt die Angst vor dschihadistischem Terror und dem
erstarkenden Front National. Können Tore Terror und Tränengas
vergessen machen? Prof. Sonntag: Nein, natürlich nicht. Ein
Fußball-Großereignis ist für unsere immer tiefer gespaltenen
westeuropäischen Gesellschaften lediglich eine willkommene Auszeit.
Es ist eine nette Gelegenheit, sich auf das Gemeinsame zu besinnen –
die dann aber oft symbolisch überladen wird. Fußball trägt etwas zur
Gesellschaft bei, löst aber nicht ihre Probleme.

Bisweilen kann der Fußball aber ein Katalysator sein. Beispiel
Bern 1954: Den Deutschen erwuchs neues Selbstbewusstsein, in Ungarn
steigerte sich nach der überraschenden Filialniederlage der Wunderelf
der Verdruss am Sozialismus bis hin zum Volksaufstand zwei Jahre
später. Wäre ein vergleichbar mächtiger Nachhall heute auch noch
möglich? Prof. Sonntag: Nein, das glaube ich nicht. Fußball kann in
positiver Weise auf die Gesellschaft einwirken. Ein Beispiel wäre das
deutsche Sommermärchen 2006, als sich die Bundesrepublik mit ihren
Symbolen versöhnte. Ein anderes Beispiel ist das französische
Sommermärchen von 1998, als ein Präzendenzfall geschaffen wurde, an
den man sich gern erinnert. Diese Beiträge erhöhen die Solidität des
gesellschaftlichen Gefüges, mehr aber auch nicht. Zudem halte ich die
viel beschworene „Wir-sind-wieder-wer-Mentalität“ von 1954 für eine
nachträgliche Zuschreibung der Historiker in den 80er- und
90er-Jahren. Ebenso führt von der Niederlage der ungarischen
Wunder-Elf keine direkte Linie zum Volksaufstand. Als Gegenbeispiel
könnte Brasilien herangezogen werden, das bei der WM ein echtes
Trauma erlitten hat. Dennoch wurde Dilma Rousseff ein Jahr später
wiedergewählt. Aus dem Amt gedrängt wird sie erst jetzt im Rahmen
eines reinen politischen Machtkampfs – ohne jeden Bezug zum Fußball.

Was, wenn sich der Fußball eine Bedeutung zuschreibt, die er gar
nicht hat? So bürdete sich die brasilianische Mannschaft bei der WM
bewusst soziale und politische Verantwortung für ihr taumelndes Land
auf – und zerbrach daran im Halbfinale gegen Deutschland. Werden
Sportler überfordert, wenn man mehr von ihnen erwartet als Tore?
Prof. Sonntag: Die Erwartungshaltungen vor allem an
Nationalmannschaften sind heute unglaublich überzogen. Das liegt an
ihrer erstaunlichen Symbolkraft, die noch durch die permanente
Medienpräsenz überhöht wird. Gerade in Krisensituationen sehen
Gesellschaften ihre Sehnsucht nach Einheit kurzfristig in diesen
Mannschaften verwirklicht. Ob die Brasilianer im Halbfinale an dieser
geschürten Erwartungshaltung zerbrachen, ist spekulativ. Als
Heimmannschaft war der Erfolgserwartungsdruck innerhalb des Teams
ohnehin schon sehr hoch.

1998 wurde das Team um Zinedine Zidane als Musterbeispiel
gelungener Integration gefeiert – und gerade deshalb vom Front
National angefeindet. Werden Migranten nur gern im Strafraum gesehen,
aber nicht, wenn sie den Arbeitsplatz bedrohen? Prof. Sonntag: Vorweg
muss man sagen, dass der Migrant in der anderthalb Jahrhunderte
währenden Migrationsgeschichte Frankreichs vor allem Arbeitsplätze
geschaffen und nicht bedroht hat. 1998 wurde mit dem Feiern der
ethnisch gemischten Mannschaft vor allem das eigene Wunschbild
gestärkt. Man projizierte in dieses Siegerteam hinein, wie man als
Gesellschaft gerne wäre. Es ist ja auch legitim, sich verschworen und
harmonisch über die Kulturgrenzen hinweg zu wünschen. Dass die
Wirklichkeit nicht diesem Ideal entsprach, war wohl auch den
Feiernden unterbewusst klar. Die Zusammensetzung einer
Nationalmannschaft sagt nichts über das Zusammenleben im Volk aus,
sondern nur über das geltende Staatsbürgerrecht und die Chancen, die
Migranten offenstehen. Das ist auch in Deutschland erkennbar, wo sich
die Gesellschaft am Flüchtlingsproblem aufreibt, während die Löw-Elf
ihren Multikulti-Weg ruhig weitergeht.

Karim Benzema sagte, er ist für alle Franzose, wenn er trifft,
wenn nicht sei er Araber. Nun wirft er den Sportfunktionären wegen
seiner Ausbootung sogar Rassismus vor. Werden die muslimischen
Spieler in Frankreich kritischer gesehen? Prof. Sonntag: Eine
delikate Frage. Die Nichtberücksichtigung Benzemas resultiert aus der
politischen Entscheidung, dass ein Spieler, gegen den ein
Strafverfahren läuft, nicht die Nation vertreten kann. Didier
Deschamps wählt seine Spieler in der Tradition von Aimé Jacquet stark
nach der Sozialkompetenz aus. Das war im Vorfeld von 1998 wichtig,
als exzellente Spieler wie Éric Cantona und David Ginola aussortiert
wurden, während sie in England gefeiert wurden. Aber sie hätten nicht
in das Sozialgefüge gepasst, das Jacquet vorschwebte. Und so verhält
es sich auch mit Benzema. Deschamps rassistische Motive zu
unterstellen, ist einfach dumm. Dass Hatem Ben Arfa trotz einer
hervorragenden Saison in Nizza aussortiert wurde, hat sicherlich
sportliche Gründe, zumal Deschamps und Ben Arfa sich aus Marseille
kennen. Auf der anderen Seite möchte ich nicht von der Hand weisen,
dass Spieler nordafrikanischer Herkunft stärker als andere beweisen
müssen, dass sie sich mit der Republik identifizieren. Man darf schon
nach unterschwelligem, institutionellem Rassismus fragen angesichts
des Phänomens, dass Fußball in den Vorstadt-Wohnblöcken zwar eine
extrem große Rolle spielt, dass aber nur vergleichsweise wenige der
vielen Talente den Sprung in den Profi-Bereich oder gar auf die
Trainerbank schaffen. Das Perfide am institutionellen Rassismus ist,
dass er den Handelnden als Grundlage ihres Handelns nicht bewusst
ist.

Deutschland diskutiert derzeit anhand der Attacken von AfD-Vize
Alexander Gauland eher über offenen völkischen Rassismus. Ließe sich
ein Erfolg der multikulturellen deutschen Elf ummünzen in Rückenwind
für die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin? Prof. Sonntag: Ich denke,
dass die Wähler schon sehr genau unterscheiden zwischen dem Geschehen
im Stadion und der ganz anderen Dimension der Flüchtlingskrise.
Unsere Fußball-Forschung der letzten Jahre hat ergeben, dass eine
große Mehrheit der Bürger in Westeuropa multikulturelle
Nationalmannschaften als positiv empfindet und in Spielern mit
Migrationshintergrund, die es in die Nationalelf geschafft haben,
wichtige Vorbilder für die soziale Integration sieht. Anderseits hat
das Flüchtlingsproblem eine andere Dimension. Der Fußball trägt zu
einer gefühlten Integration bei, aber er kann nicht dafür sorgen,
dass sich eine Million Flüchtlinge integrieren. An der Bereitschaft
zum Teilen – oder ihrem Fehlen – wird der Fußball nichts ändern.
Angesichts der heutigen Akzeptanz der Weltmeistermannschaft wird
leicht vergessen, dass es noch 2012 befremdliche Kritik am
Nicht-Mitsingen der Nationalhymne durch einige Spieler gab. Das
Pendel kann jederzeit zurückschlagen.

Sportgroßveranstaltungen zehren auch vom Mythos des
Völkerverbindenden. Boden-Luft-Raketen gegen Attacken aus der Luft,
Soldaten in den Straßen: Verdrängt in Zeiten des Terrors der
Ausnahmezustand, der in Frankreich eigens verlängert wurde, den
Mythos? Prof. Sonntag: Ich würde einen Unterschied machen zwischen
dem völkerverbindenden Charakter großer Fußballturniere und der
Freude daran. Das Völkerverbindende bleibt: Fans, die sich verbrüdern
oder sich lustig machen über die eigenen, nationalen Stereotypen
wirken in dieser Zeit sogar noch völkerverbindender. Fußball lässt
auch Menschen die Nachbarvölker kennenlernen, die keine
Erasmus-Studenten sind. Aber die Vorfreude auf die EM, die
ausgelassene Partystimmung ist noch nicht spürbar. ↔ ↔Das
Interview führte ↔Joachim Zießler

Pressekontakt:
Landeszeitung Lüneburg
Werner Kolbe
Telefon: +49 (04131) 740-282
werner.kolbe@landeszeitung.de

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