Landeszeitung Lüneburg: Ökologischer Tanz auf der Rasierklinge – Interview mit dem Wissenschaftler Dr. Gunnar Brandt über die Osterinseln

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Das rätselhafte Verlöschen der alten Kultur auf
der Osterinsel wird oft als düstere Warnung vor unserer Zukunft
angesehen. Die Rapanui hinterließen bis zu zehn Meter große Figuren
aus Lavatuff, die Moai. Die Osterinsel ist die einsamste ständig
bewohnte Weltgegend. 3700 Kilometer trennen sie vom nächstgelegenen
Festland, 2000 Kilometer von der nächsten bewohnten Insel. Die einst
von üppigen Palmenwäldern bedeckte Insel ist heute kahl, gilt auch
deshalb als Parabel für die Rücksichtslosigkeit des Menschen
gegenüber den eigenen Lebensgrundlagen. Theoretische Ökologen aus
Bremen nehmen nun etwas Schuld von den Schultern der Rapanui. Dr.
Gunnar Brandt: „Die Rapanui bewirtschafteten ihre Ressourcen immerhin
so, dass ein Kollaps ausblieb. Erst die Ankunft der Europäer, die
Krankheiten mitbrachten und die Ureinwohner versklavten, löschte die
Kultur aus.“ 2 Der Niedergang der alten Kultur auf der Osterinsel
fasziniert seit jeher Historiker und Archäologen. Was fasziniert
theoretische Ökologen daran? Dr. Gunnar Brandt: Wie die anderen
Disziplinen auch hat meinen Kollegen Prof. Agostino Merico und mich
der geheimnisumwitterte Niedergang eines auf einer sehr
abgeschiedenen Insel lebenden Volkes fasziniert. Kleine Inseln sind
für Ökologen oftmals natürliche Laboratorien, da sie sich im
Gegensatz zu größeren Ökosystemen besser abgrenzen und somit
einfacher verstehen lassen. Nicht zufällig wurde eine Parabel
formuliert, in der die Osterinsel für die Menschheit als Ganzes
steht.

Eine Insel, die so abgeschieden im Meer liegt wie die Erde im
All…

Dr. Brandt: …genau, man kann selbst ohne nähere Informationen
davon ausgehen, dass es zwischen Erstbesiedlung und Entdeckung durch
die Europäer nicht zu regelmäßigen Kontakten mit anderen Völkern
gekommen ist. Das heißt, wir können über einen langen Zeitraum den
Umgang der Bevölkerung mit ihren Ressourcen beobachten. Ideal für ein
Modell, wie wir es entworfen haben.

Seit Jared Diamonds Buch „Kollaps“ gilt die Osterinsel als
Lehrbeispiel für ökologischen Selbstmord. Liefern Ihre Forschungen
jetzt den Freispruch für den Rapanui, der die letzte bis zu 30 Meter
hohe Palme der Insel fällte?

Dr. Brandt: Diesen Freispruch haben eigentlich schon Terry Hunt
und Carl Lipo versucht zu liefern. Ihre Arbeiten lösten die scharf
geführte Kontroverse zwischen den Verfechtern zweier
unterschiedlicher Theorien aus. Diamond nahm einen
selbstverschuldeten Kollaps, einen Ökozid, an: Die Rapanui hätten die
Wälder für Brennholz und Ackerland gerodet, bzw. die Bäume gefällt,
um die kolossalen Steinfiguren, die Moai, an ihre Aufstellungsorte an
der Küste zu transportieren. Schließlich sollen die meisten
Inselbewohner in einem kriegerischen Konflikt zwischen verfeindeten
Stämmen um 1680 ums Leben gekommen sein. Hunt und Lipo entdeckten
allerdings keine überzeugenden Belege für einen derartigen Kollaps
vor Ankunft der Europäer. Sie vertreten dagegen einen Genozid: Die
Europäer brachten bei ihrer Entdeckung tödliche Krankheiten aus der
alten Welt mit, denen die Immunsysteme der Inselbewohner nichts
entgegenzusetzen hatten. Die Überlebenden wurden später versklavt, um
auf den Guano-Inseln vor Peru Dünger abzubauen. Uns hat verblüfft,
dass zwei Forscherteams trotz identischer Datenbasis derartig
gegensätzliche Schlussfolgerungen zogen. Also haben wir uns als
theoretische Ökologen der Daten angenommen und ein mathematisches
Modell erstellt. Die Fragestellung lautete, ob ein
selbstverschuldeter Ökozid vorlag oder ein von außen ausgelöster
Genozid.

Sie stützen Ihre Ergebnisse insbesondere auf
Radiokarbondatierungen des abgeholzten Palmenwaldes. Danach kam das
Ende nicht so schnell wie bisher angenommen?

Dr. Brandt: Zum einen legen aktuelle Daten laut Hunt und Lipo
nahe, dass die ersten polynesischen Siedler erst um 1200 die Insel
erreichten, nicht bereits um 800 wie von der Mehrheit der Forscher
bislang vertreten. In unserem Modell nehmen wir daher diese spätere
Ankunftszeit an. Zum anderen weist das zeitliche Muster dieser Daten
auf die variierende Abholzungsaktivität der Inselbewohner hin. Wir
haben mit dem Modell versucht die von Diamond und Hunt erstaunlich
detailliert beschriebenen Bevölkerungsentwicklungen zu reproduzieren
und haben dann die vom Modell vorhergesagten Abholzungsverläufe mit
den Beobachtungsdaten verglichen. Danach liegt der plausibelste
Verlauf ziemlich genau in der Mitte der beiden gegensätzlichen
Theorien Ökozid und Genozid. Wir vertreten daher die Annahme, dass es
die von Diamond angenommen hohen Bevölkerungszahlen von weit über
10 000 nie gegeben hat. Ausgehend von einer Population von
vielleicht 5000 Bewohnern erfolgte ein langsamer Niedergang, vor
allem weil die Ressource Holz, die für den Bau von Häusern und Kanus
und als Brennholz unersetzlich war, so intensiv genutzt wurde, dass
sie immer seltener wurde. Am Ende setzte die Ankunft der Europäer den
Schlusspunkt für die bereits durch Ressourcenknappheit geplagten
Bewohner. Wer nicht Krankheiten erlag, wurde verschleppt. Für den
Bevölkerungsrückgang war, zumindest in unserem Modell also das
Zusammenspiel zweier Prozesse ursächlich.

Welche Rolle spielte neben dem Menschen ein Umweltschädling, die
Pazifische Ratte, die von den Polynesiern mit eingeschleppt worden
war?

Dr. Brandt: Vermutlich wurde sie sogar bewusst als Nahrungsquelle
mit auf die Insel gebracht, denn es ist eher unwahrscheinlich, dass
sie auf einer wochenlangen Seereise in Kanus unbemerkt geblieben
wäre. Diese Nager können die Reproduktionsrate von Palmen deutlich
verringern, weil sie sich in erster Linie von Palmnüssen ernähren. In
den Augen der Genozid-Verfechter hatte die Ratte daher ganz
entscheidenden Anteil an der Verringerung der ökologischen
Tragfähigkeit der Insel und damit auch am Niedergang der
Inselbewohner. Unser Modell kann leider wenig zur Klärung der
kontrovers diskutierten Rolle der Pazifischen Ratte beitragen,
insbesondere weil Annahmen über die Reproduktionsrate der
ausgestorbenen, bis zu 30 Meter hohen Jubaea-Palme und der genaue
Effekt der Nager auf die Reproduktion mit großen Unsicherheiten
belegt sind. Klar ist: Als der niederländische Kapitän Jacob
Roggeveen um Ostern 1722 die Insel erreichte, war von dem
ursprünglich fast die ganze Insel bedeckenden Wald nur noch sehr
wenig übrig und unabhängig von dem Einfluss der Pazifischen Ratte
können die Palmen nur von den Inselbewohnern gefällt worden sein.

Die Osterinsel ist ein ganz besonderes natürliches Labor mit einer
fragilen Ökologie: trocken und isoliert weitab im Meer, der Zufluss
von Nährstoffen über die Atmosphäre oder Vulkanasche ist eher gering.
War die Osterinsel eine zu brüchige Basis, um einen kulturellen
Wettstreit um die Errichtung der Steinskulpturen zu tragen?

Dr. Brandt: Es war mit Sicherheit ein anspruchsvolles, weil nicht
allzu produktives Ökosystem. Die Kapazität einer so kleinen Insel
eine Bevölkerung zu ernähren, ist mangels Ausweichmöglichkeit
beschränkt – zumal, wenn man sich größtenteils auf die Früchte des
Bodens verlässt. Nachdem der Wald abgeholzt war, hing die Bevölkerung
von der Landwirtschaft ab. Nach Brand-rodungen hat man noch einige
gute Ernten, doch irgendwann ist der Boden trotz spezieller
Anbautechniken ausgelaugt und auf dieser entlegenen Vulkaninsel
erfolgt nur wenig natürlicher Nährstoffeintrag. Es ist in diesem
Zusammenhang verwunderlich, dass die Rapanui sich nicht stärker in
der Fischerei engagiert haben, aber die archäologischen Indizien
legen nahe, dass die Fischerei nur in der Anfangszeit nach der
Erstbesiedlung eine größere Rolle gespielt hat.

Das erinnert an die Wikinger auf Grönland, die nicht dem Beispiel
der Inuit folgten und Fische sowie Robben fingen, sondern ihren
Lebensunterhalt wie in der skandinavischen Heimat als Bauern
erbringen wollten.

Dr. Brandt: Wobei es in dem Fall der Osterinsel unklar bleibt,
warum sich die Rapanui dazu entschieden. Wie bei vielen Detailfragen
über die Osterinsel erschwert das völlige Fehlen schriftlicher
Überlieferungen ein besseres Verständnis der vergangenen Ereignisse
und der Beweggründe, die zu dem Lebenswandel der Inselbewohner
geführt haben. So wirft diese kleine Insel trotz aller
Forschungsanstrengungen noch viele Rätsel auf und fasziniert Forscher
wie Laien weiterhin.

Experimentalarchäologen haben die bis zu 90 Tonnen schweren
Steinstatuen, die über die ganze Insel verteilt sind, mit Seilen in
eine Art wiegenden Gang versetzt und so aufrecht gehend bewegt ohne
dass dazu Bäume gefällt werden müssten – was ja auch der mündlichen
Überlieferung der Rapanui entspräche. Gingen die Bewohner also
pfleglicher mit ihren Ressourcen um als angenommen?

Dr. Brandt: Das war ein spannendes Experiment, das eine gewisse
Plausibilität erzeugt, aber keinen endgültigen Beweis erbringt.
Vielleicht wurde für den Transport der Kolosse dennoch Holz benötigt,
aber diese Fragen können besser von Archäologen als von einem
theoretischen Ökologen beantwortet werden. Gleichwohl gingen die
Rapanui offensichtlich erheblich pfleglicher mit ihren Ressourcen um,
als ihnen Diamond attestiert hat. Folglich kam es auch nicht zu dem
kurzen, katastrophalen Kollaps.

Taugt die Osterinsel als Metapher für die Zähigkeit menschlicher
Gesellschaften, versehen mit der Fähigkeit, sich widrigsten
Bedingungen anzupassen?

Dr. Brandt: Auf jeden Fall. Die Osterinsel bleibt auch für uns als
Parabel für die Menschheit in einem globalen Ökosystem lehrreich. Die
Gesellschaft der Osterinsel, die den Wald abholzte, danach aber über
Jahrhunderte von der Landwirtschaft lebte, zeigt die
Anpassungsfähigkeit des Menschen. Aber zugleich belegt die Osterinsel
auch, dass ein System, das bereits unter Stress steht, bei
unvorhergesehenen Ereignissen in die Knie gehen kann. Bei den Rapanui
war dies die Ankunft der Europäer, in der heutigen Welt könnten dies
sprunghafte Klimaänderungen, Variationen der großen Meeresströmungen
oder wie so häufig auch Kriege sein. Zwei Beispiele: Jahrhundertelang
wurden viele Fischbestände bis an den Rand der Erschöpfung genutzt;
in einer solchen Situation können kleinste Veränderungen in den
Randbedingungen eines Ökosystems, seien sie mensch-gemacht oder
natürlichen Ursprungs, zu einem unvorhergesehenen und oftmals nicht
umkehrbaren Kollaps führen. Heute haben einige Fischereien bereits
solche sogenannten Kipppunkte überschritten, mit negativen
Konsequenzen nicht nur für den Fischbestand sondern auch für
betroffene Gesellschaften. Oder Kalifornien: Die Süßwasserkrise des
Sonnenstaates ist seit Jahrzehnten bekannt. Dennoch wurde dort
weiterhin wasserintensiver Obstanbau betrieben und intensiv der Rasen
im eigenen Garten bewässert, alles mit fossilem Grundwasser, das sich
nur sehr langsam erneuert. Nach vier Jahren Dürre scheint das System
nun an einen Punkt geraten zu sein, an dem der Zusammenbruch nur noch
schwer abzuwenden ist und dramatische ökologische, soziale und
wirtschaftliche Konsequenzen drohen. Intensiv genutzte Mensch-Umwelt
Systeme sind sehr anfällig für externe Störungen. Und eine Störung
kann uns auch jederzeit passieren.

↔Das Interview führte

↔Joachim Zießler

Pressekontakt:
Landeszeitung Lüneburg
Werner Kolbe
Telefon: +49 (04131) 740-282
werner.kolbe@landeszeitung.de

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