Landeszeitung Lüneburg: „Wälder in einer tödlichen Zange“ – Interview mit dem Experten Dr. Andreas Hemp

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Diese Studie sorgte für Schlagzeilen: Drei
Billionen Bäume wachsen weltweit, achtmal mehr als gedacht. Damit
kämen auf jeden Menschen 422 Bäume. Doch das ist nicht genug, betont
PD Dr. Andreas Hemp, einer der Autoren der in „Nature“
veröffentlichten Arbeit. Am Kilimanjaro, wo Dr. Hemp für die Uni
Bayreuth forscht, schrumpfen die grünen Lungen in
Rekordgeschwindigkeit, weil sie in die Zange genommen werden:
„Klimawandel auf der einen Seite und der Landhunger der wachsenden
Menschheit auf der anderen bedrohen die Wälder.“

Ein mehrfach höherer Baumbestand als erwartet: Fällt das
Waldsterben aus oder haben wir nur eine unerwartet lange Gnadenfrist?

Privatdozent (PD) Dr. Andreas Hemp: Unter den Begriff
„Waldsterben“ fallen ganz andere Umweltschäden als die, die wir in
unserem Artikel aufgreifen. Das sogenannte Waldsterben war in den
1980er-Jahren eines der bedeutendsten westdeutschen Umweltthemen. Als
Ursache für das zum Teil großflächige Absterben der Nadelwälder v.a.
im Erzgebirge, dem Fichtelgebirge und im Harz waren saurer Regen
sowie falsche Bestockung die Hauptursache. Bei uns in Mitteleuropa
hat sich die Situation des Waldes mittlerweile stabilisiert, nicht
zuletzt durch bessere Filter in den Kraftwerken, weltweit
verschlechtert sich der Zustand der Wälder jedoch immer mehr, aus
ganz anderen Gründen. Dass es mehr Bäume als erwartet auf der Welt
gibt, ändert an dieser Tatsache leider nichts.

Die zuverlässig sind die erhobenen Daten?

Dr. Hemp: Die in unserem Aufsatz angegebene Zahl von gut 3
Billionen Bäumen ist natürlich nur eine Schätzung, allerdings eine,
die auf der Auswertung von über 400 000 Baumzählungen auf
forstlichen Untersuchungsflächen in allen Klima- und Vegetationszonen
der Welt beruht. Die Zahlen wurden dann mithilfe von Satelliten- und
Klimakarten für die unterschiedlichen Wuchsgebiete hochgerechnet.

Gab es zuvor kein weltweites Monitoring oder warum können die
Schätzergebnisse so auseinanderklaffen?

Dr. Hemp: Monitoring gab es natürlich schon, aber es wurde noch
nie so umfassend und weltweit ausgewertet. Andere Schätzungen beruhen
überwiegend auf der Auswertung von Satellitendaten.

Die meisten Bäume stehen in den tropischen und subtropischen
Wäldern, die größte Baumdichte findet man aber im Norden. Warum?

Dr. Hemp: Aufgrund der klimatischen Bedingungen (kurze
Vegetationsperiode, niedrige Durchschnittstemperaturen) bestehen die
Wälder in der Taiga überwiegend aus Nadelbäumen, die stellenweise
sehr dichte Bestände bilden. Allerdings ist die von subtropischen und
tropischen Laubwäldern bestandene Fläche deutlich größer, sodass hier
insgesamt mehr Bäume stehen.

Jährlich geht ein halbes Prozent des Baumbestandes verloren. In
welchen Regionen ist der Wald am gefährdetsten?

Dr. Hemp: Ganz eindeutig in den tropischen Regionen. Hier ist das
Bevölkerungswachstum am stärksten und die Armut am größten, sodass
die Menschen keine andere Wahl haben, als den Wald großflächig in
Agrarflächen umzuwandeln und hemmungslos auszubeuten.

Das Tempo des Baumbestandsverlustes scheint sich zu verlangsamen:
ein Erfolg von Schutz- und Aufforstungsmaßnahmen oder natürliche
Schwankung?

Dr. Hemp: In Mitteleuropa, besonders Deutschland mit seiner
geregelten Forstwirtschaft und entsprechenden Gesetzgebung nimmt die
Waldfläche zu, vor allem weil Grenzertragslagen, etwa in Steillagen
oder auf Trockenhängen aus der landwirtschaftlichen Nutzung genommen
werden. In den Tropen stimmt das leider nur in einigen tropischen
Ländern, wie Brasilien. In anderen Regionen, wie Indonesien oder dem
Kongo-Becken, beschleunigt sich die Abholzung.

Wieviel Prozent seiner Bäume verlor die Erde seit dem Sündenfall,
der Erfindung von Ackerbau und Viehzucht in der neolithischen
Revolution?

Dr. Hemp: Seit der Mensch begonnen hat, sein Sammler- und
Jägerdasein an den Nagel zu hängen und sesshaft zu werden, hat er
fast die Hälfte der Wälder komplett vernichtet und einen großen Teil
des Restes stark verändert. Vor 6000 Jahren, als die neolithische
Revolution mit der Einführung von Ackerbau und Viehzucht in
Süddeutschland einsetzte – in Kleinasien geschah das schon ein paar
Tausend Jahre früher – war Deutschland überwiegend von Wald bedeckt.
Heute haben wir hier einen Waldanteil von rund 30 Prozent. Und diese
30 Prozent sind fast ausschließlich intensiv genutzte
Wirtschaftsforsten mit einer ganz anderen Baumzusammensetzung als die
ursprünglichen Urwälder.

Sind bei Ihren Studien am Kilimanjaro bereits Folgen des
Klimawandels spürbar, etwa ein „Nach-oben-Wandern“ kälteliebender
Arten?

Dr. Hemp: Kurioserweise sind am Kilimanjaro viele alpine
Pflanzenarten infolge des Klimawandels nach unten gewandert. Das
liegt daran, dass sich der Klimawandel dort neben einem Anstieg der
Temperaturen vor allem als Reduktion der Niederschläge ausgewirkt hat
mit der Folge, dass es in den Hochregionen häufiger brennt. Dadurch
wurden in den letzten Jahrzehnten mehrere 100 Quadratkilometer
Nebelwald vernichtet. Da alpine Pflanzen nicht nur an tiefe
Temperaturen angepasst sind, sondern auch viel Licht brauchen,
öffneten sich in abgebrannten Gebieten für sie neue Lebensräume. Bei
anderen Organismen, wie z.B. Heuschrecken, die meine Frau untersucht,
konnten wir dagegen tatsächlich ein Hochwandern verschiedener Arten
feststellen. Das liegt wohl daran, dass durch anthropogene
Auflichtungen im Wald das Mikroklima dort wärmer wurde und
Heuschrecken aus den tieferen Savannenregionen auch im Wald Fuß
fassen konnten.

Leidet die Artenvielfalt am Kilimanjaro unter dem Klimawandel?

Dr. Hemp: Dieser Frage gehen wir derzeit in einem großangelegten,
interdisziplinären Forschungsprojekt nach, das von der Deutschen
Forschungsgemeinschaft DFG finanziert wird. In der Forschergruppe
KiLi (Kilimanjaro under global change) arbeiten Wissenschaftler und
Studierende von 20 Universitäten und Forschungseinrichtungen aus
Tansania und Europa zusammen. Hierbei geht es nicht nur um
Artenvielfalt und Klimawandel, sondern darum, wie das Zusammenspiel
von Biodiversität und Ökosystemprozessen von global change
beeinflusst wird und wie sich das auf Ökosystemdienstleistungen wie
Wasser und Bodenfruchtbarkeit auswirkt. Global change wiederum
besteht aus zwei Komponenten: die weltweit zu beobachtende
Veränderung des Klimas und die zunehmende direkte Veränderung der
Vegetationsdecke durch den Menschen. Und letztere Komponente ist
insbesondere in den Tropen und am Kilimanjaro für den Verlust der
Artenvielfalt hauptsächlich verantwortlich, z.B. durch die Umwandlung
von natürlicher Savanne in Maisäcker.

Hat der Nebelwald am Kilimanjaro in 4000 Meter Höhe eine
Überlebenschance, wenn er Trockenstress oder höheren Temperaturen
ausgesetzt wird?

Dr. Hemp: Wenn die Niederschläge weiter abnehmen und das Klima in
den Hochlagen am Kilimanjaro zunehmend trockener wird, werden nicht
nur die Gletscher weiter schmelzen, sondern auch die Nebelwälder
weiter abbrennen. Das bedeutet, der Waldgürtel am Kilimanjaro wird
von zwei Seiten „in die Zange genommen“: Von oben durch Feuer und von
unten durch illegalen Holzeinschlag der angrenzenden Bevölkerung.
Allerdings besagen Klimamodelle für Ostafrika, dass die Niederschläge
hier in der Zukunft zunehmen werden, vielleicht besteht also
Hoffnung.

Was gefährdet die grünen Lungen stärker, der Holzeinschlag oder
der Klimawandel

Dr. Hemp: Der Waldrückgang spielt sich überwiegend in den Tropen
ab. Hier ist die Hauptursache der direkte Eingriff durch den
Menschen, also das Abholzen und Abbrennen der Wälder zur Gewinnung
von Ackerland und das rücksichtslose und nicht nachhaltige Ausbeuten
der Werthölzer. Es gibt Versuche, den Rückgang bestimmter Baumarten,
deren ökologische Ansprüche bekannt sind, unter verschiedenen
Klimaszenarien zu modellieren und vorherzusagen, wann diese Arten aus
bestimmten Gebieten verschwunden sein werden, wenn die Temperaturen
dort ansteigen. Aber diese prognostizierten Veränderungen werden in
den Tropen durch die dort stattfindende Intensivierung der
Landnutzung buchstäblich überrollt. Heute leben beispielsweise in
Tansania 44 Millionen Menschen, im Jahr 2050 werden es 80 Millionen
sein; auch die Bevölkerung von ganz Afrika wird sich in diesem
Zeitraum verdoppeln. Es ist völlig klar, dass sich diese Entwicklung
auf Kosten der Natur und nicht zuletzt der Wälder vollziehen wird.
Daher lässt sich Ihre Frage sehr leicht und eindeutig beantworten.

Das Interview führte

Joachim Zießler

Pressekontakt:
Landeszeitung Lüneburg
Werner Kolbe
Telefon: +49 (04131) 740-282
werner.kolbe@landeszeitung.de

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