Lebenshilfe-Gründer Tom Mutters ist im Alter von 99 Jahren gestorben

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Dr. med. h. c. Tom Mutters, Gründer und
Ehrenvorsitzender der Bundesvereinigung Lebenshilfe, ist heute Nacht
in Marburg im Alter von 99 Jahren gestorben. Er sei in den letzten
Wochen immer schwächer geworden und am Ende friedlich eingeschlafen,
hieß es aus seiner Familie.

„Heute empfinden wir alle in der Lebenshilfe tiefe Trauer. Tom
Mutters war für uns ein echter Held, und er wird es immer bleiben.
Nach dem furchtbaren Krieg, in dem etwa 300.000 kranke und behinderte
Menschen als lebensunwert von den Nazis verfolgt und ermordet wurden,
war es Tom Mutters, der die Familien dazu brachte, ihre geistig
behinderten Kinder nicht mehr zu verstecken“, so Ulla Schmidt,
Bundesvorsitzende der Lebenshilfe und Vizepräsidentin des Deutschen
Bundestages.

Zusammen mit Eltern und Fachleuten gründete der gebürtige
Niederländer 1958 in Marburg die Bundesvereinigung Lebenshilfe, deren
Geschäftsführer er 30 Jahre lang war. Die Lebenshilfe hat sich in der
Folgezeit zur deutschlandweit größten Selbsthilfeorganisation für
geistig behinderte Menschen und ihre Angehörigen entwickelt mit rund
130.000 Mitgliedern, 512 örtlichen Vereinigungen und 16
Landesverbänden. Das Angebot der Hilfen umfasst Frühförderung,
Familienentlastende Dienste, Kindergärten und Schulen für Kinder mit
und ohne Behinderung, Freizeitangebote, Werkstätten und inklusive
Arbeitsplätze sowie Wohnformen mit mehr oder weniger intensiver
Betreuung bis ins Alter.

Als UNO-Beauftragter für „Displaced Persons“ – so der Ausdruck für
Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge und andere Menschen, die von den Nazis
verschleppt worden waren ¬- lernte Tom Mutters in der Nachkriegszeit
das Elend geistig behinderter Kinder in den Lagern und in der
hessischen Anstalt Goddelau kennen. Er sagte einmal: „In ihrer
Hilflosigkeit und Verlassenheit haben diese Kinder mir ermöglicht,
den wirklichen Sinn des Lebens zu erkennen, und zwar in der
Hinwendung zum Nächsten.“

Der Niederländer wurde über Jahrzehnte zum Motor der Lebenshilfe;
„Tom, der Gründer“ wird er bis heute genannt. In den Anfangsjahren
reiste er kreuz und quer durch die Republik und brachte die
Lebenshilfe-Botschaft in jeden Winkel des Landes: Menschen mit
sogenannter geistiger Behinderung gehören ohne Wenn und Aber dazu.
Sie sind ein wertvoller Teil der Gesellschaft – sie brauchen nur mehr
Unterstützung als andere.

Tom Mutters brachte den Selbsthilfe-Gedanken auch in andere
Länder: nach Indien, Afrika und Osteuropa. Mit Unterstützung der
Lebenshilfe schlossen sich dort Eltern behinderter Kindern zu
vergleichbare Vereinigungen zusammen. Zudem hatte Mutters 1965
maßgeblichen Anteil an der Gründung der ZDF-Fernsehlotterie „Aktion
Sorgenkind“, die heute Aktion Mensch heißt und vorrangig Projekte für
Menschen mit Behinderung fördert.

Ein erstes großes Ziel der Lebenshilfe war erreicht, als in den
1960er- und 1970-Jahren die Schulpflicht schrittweise für geistig
behinderte und schwer mehrfach behinderte Kinder eingeführt wurde.
Bis dahin galten sie als bildungsunfähig. Auch als 1989 die Mauer
fiel, wurde in Tom Mutters wieder der alte Pioniergeist wach. Es
dauerte kein Jahr, da gab es schon rund 120 neue örtliche
Lebenshilfen im Osten Deutschlands: von Annaberg-Buchholz bis
Zeulenroda.

„Tom, der Gründer“ hat die Lebenshilfe über Jahrzehnte geprägt und
begleitet. Er hat Menschen mit Behinderung und ihren Angehörigen zu
einem ganz neuen Selbstbewusstsein verholfen. Seine Vision aus den
1950er-Jahren spiegelt sich heute in der
UN-Behindertenrechtskonvention wider, die seit 2009 behinderten
Menschen in Deutschland uneingeschränkte Teilhabe garantiert und eine
inklusive Gesellschaft einfordert. „Mit Tom Mutters“, sagt
Bundesvorsitzende Ulla Schmidt, „ist eine der ganz großen
Persönlichkeiten der deutschen Nachkriegsgeschichte von uns
gegangen.“ Tom Mutters erhielt für sein Lebenswerk zahlreiche
Auszeichnungen: Zu seinem 70. Geburtstag wurde ihm 1987 das Große
Bundesverdienstkreuz verliehen, und die Medizinische Fakultät der
Philipps-Universität in Marburg ernannte ihn im selben Jahr zum
Ehrendoktor. In seiner Heimat wurde er in den Rang eines Offiziers im
Orden von Oranje-Nassau erhoben. 2013 bekam der Niederländer den
Preis für „Dialog und Toleranz“ des Paritätischen Gesamtverbandes.
Ihm zu Ehren wurde 1996 die Lebenshilfe-Stiftung „Tom Mutters“ ins
Leben gerufen, und bundesweit tragen zahlreiche
Lebenshilfe-Einrichtungen seinen Namen. Tom Mutters wurde am 23.
Januar 1917 im Amsterdam geboren. Er lebte bis zu seinem Tod mit
seiner Frau Ursula in Marburg. Gemeinsam haben sie vier erwachsene
Söhne.

Ein druckfähiges und honorarfreies Foto von Tom Mutters können Sie
auf www.lebenshilfe.de (Rubrik: Presse) herunterladen oder über
peer.brocke@lebenshilfe.de anfordern.

Pressekontakt:
Peer Brocke
Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V.
Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Abteilung Kommunikation
Leipziger Platz 15, 10117 Berlin
Telefon 030 / 20 64 11 -140, Fax -280
E-Mail: peer.brocke@lebenshilfe.de
Internet: www.lebenshilfe.de

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