Louis Braille Festival in Marburg – „Wir haben gezeigt, was alles geht“

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Am Sonntag ist in Marburg das dreitägige
Louis Braille Festival zu Ende gegangen. Die Veranstaltung wurde
ausgerichtet vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV)
und der Deutschen Blindenstudienanstalt (blista). Beim größten
Zusammentreffen blinder und sehbehinderter Menschen in Europa hatten
mehr als 3.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Wahl zwischen 76
Einzelveranstaltungen – von der Tanzperformance für nichtsehende
Zuschauer über den Schmink-Workshop bis zur „Ultimativen
Samstagabendshow“ mit Moderator Alexander Mazza. Parallel standen
zahlreiche blindengerechte Sportangebote auf dem Programm, wie
beispielsweise Klettern, Schießen und Kanufahren, dazu Aktionen zum
Mitmachen, der „Markt der Begegnung“, das „Spiel ohne Grenzen“,
Ausstellungen und vieles mehr. Auch die Vierbeiner kamen nicht zu
kurz – sie wurden in einer Führhundlounge verwöhnt.

„Einen schöneren Anlass, für einen Stau zu sorgen, kann ich mir
nicht vorstellen“, sagte der Marburger Bürgermeister Dr. Franz Kahle
bei der Eröffnung im Georg-Gaßmann-Stadion. Zuvor war er in einem
Korso von 50 Tandems durch die abgesperrten Straßen der Marburger
Innenstadt gefahren. Als Tandempilot ist Kahle ein Naturtalent, wie
seine Mitfahrerin, die Bundesbehindertenbeauftragte Verena Bentele,
ihm bescheinigte.

Der Korso mit anschließender Einfahrt ins Stadion war der
Höhepunkt einer Tandem-Sternfahrt unter dem Motto „Gemeinsam geht
alles!“ Als die bayerische Behindertenbeauftragte Irmgard Badura zum
ersten Mal davon hörte, war sie spontan begeistert von diesem Projekt
und gern bereit, es durch ihre Teilnahme zu unterstützen. Die Fahrt
im Korso konnte sie in vollen Zügen genießen: „Wir sind wirklich
wunderbar geradelt, an der Lahn entlang, durch Wiesen und sommerliche
Düfte. In Marburg hat uns die Polizei die Straßen freigehalten und
das macht einfach Spaß, wenn man mit voller Kraft über die Kreuzung
düsen kann und weiß, man ist sicher.“

Am Freitagnachmittag startete das Programm. Oliver Dietrich ist
sehbehindert und war mit seiner blinden Freundin Daniela unterwegs.
Beim Festival erfüllte er sich einen lang gehegten Wunsch: „Ich hab
als Kind mal surfen lernen wollen, ich hab auch ein Surfbrett gehabt,
konnte es aber nicht machen wegen der Erkrankung.“ Am Anfang stand
die „Trockenübung“ unter fachkundiger Anleitung auf einem
Surf-Simulator. Im Anschluss ging es dann hinein in einen
zwölfeinhalb Meter langen Pool und Oliver kletterte auf ein echtes
Surfbrett. „Ich habe leichte Koordinationsprobleme, deshalb fällt es
mir etwas schwerer mit dem Surfen, aber dann habe ich mir gedacht,
was soll–s, dafür ist man hier, zum Ausprobieren!“

Im Georg-Gaßmann-Stadion waren umfangreiche Vorarbeiten nötig. Um
den Gästen die Orientierung auf dem sechs Hektar großen Gelände zu
erleichtern, verarbeitete das Festival-Team dreieinhalb Tonnen
Materialien zu einem Leitsystem. Vorab hatte bereits die Stadt
Marburg alle Stufenkanten mit kontrastreichen Anstrichen versehen.
Für die Absicherung von Gefahrenstellen wurden stabile Zäune mit
einer Gesamtlänge von 300 Metern aufgestellt. Rund 150 Helfer
unterstützten die Mobilität der Gäste, 70 weitere waren hinter den
Kulissen und im Festivalbüro aktiv. Irmgard Badura findet, dass sich
der Aufwand definitiv gelohnt hat: „Hier muss ich mich als fast
blinde Frau nicht erklären, hier bin ich der Normalfall. Das ist wie
eine barrierefreie Oase für mich!“

Die blista feiert in diesem Jahr ihr hundertjähriges Bestehen.
Direktor des bundesweiten Kompetenzzentrums für Menschen mit
Blindheit und Sehbehinderung ist Claus Duncker. Er freut sich, dass
zum Festival-Wochenende auch viele ehemalige Schülerinnen und Schüler
nach Marburg kamen. Am Freitagabend stand die blista auf der
zentralen Festival-Bühne im Mittelpunkt einer bunten Revue unter dem
Motto „100 Jahre – 100 Talente“.

„Dieser Titel bringt für mich auf den Punkt, was die blista
ausmacht“, sagt Claus Duncker. „Von hier aus sind immer wieder
Menschen aufgebrochen, die das gelebt haben, was sie an Talenten
besitzen. Und genau das muss doch das Ziel von Bildung sein.“

Am Samstagabend verabschiedete sich das Festival vom
Georg-Gaßmann-Stadion und wurde am Sonntag in der Stadt Marburg
fortgesetzt. Unter anderem fand in der bis auf den letzten Platz
gefüllten Elisabethkirche ein Gottesdienst statt, der von blinden und
sehbehinderten Menschen gestaltet wurde. Die Veranstaltung wurde
organisiert vom Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten in
Studium und Beruf (DVBS), der gemeinsam mit der blista sein
einhundertjähriges Jubiläum feiert.

DBSV-Präsidentin Renate Reymann zieht Bilanz: „Wir haben blinde
und sehbehinderte Menschen eingeladen, das Festival aktiv
mitzugestalten. So konnten wir eine große Vielfalt kultureller und
sportlicher Möglichkeiten präsentieren, die ich außerordentlich
beeindruckend fand. Wir haben gezeigt, was alles geht, und viele
Teilnehmer haben mir bestätigt, wieviel Energie sie nun mit nach
Hause nehmen.“

Das Louis Braille Festival 2016 wurde von der Aktion Mensch
gefördert. Hauptsponsoren waren Vanda Pharmaceuticals und Second
Sight Medical Products.

Weitere Sponsoren und Förderer waren die Universitätsstadt
Marburg, Novartis, die Paul und Charlotte Kniese-Stiftung, das
Berufsförderungswerk Mainz, die Dr. Georg-Blindenstiftung und die
Hamburger Blindenstiftung.

Pressekontakt:
DBSV: Volker Lenk
Tel. 030 28 53 87-140
E-Mail: v.lenk@dbsv.org

blista: Dr. Imke Troltenier
Tel.: 06421 606-220
E-Mail: troltenier@blista.de

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