Markus Rehm im Sporthilfe-Interview: „Ich konnte Zeichen setzen, sich nicht hängen zu lassen“

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Ab morgen sind bei der Deutschen Post
die neuen Zuschlagsbriefmarken „Für den Sport“ erhältlich, die
erstmals auf allen drei Marken Motive aus dem Behindertensport
zeigen, auf der 85-Cent-Marke z.B. einen Leichtathleten mit
Prothesen. Aus diesem Anlass blickt der unterschenkelamputierte
Markus Rehm in einem Sporthilfe-Interview auf die letztjährige
Diskussion um die Einordnung von paralympischen Leistungen rund um
die Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften zurück und bewertet die
bisherigen Entwicklungen.

Erst der Titel bei der Deutschen Meisterschaft im Weitsprung, dann
die Aufregung um deine Prothese, schließlich die Nicht-Nominierung
für die EM und eine bundesweite Debatte um Inklusion – wie bewertest
du im Nachhinein die Vorgänge bei und nach den nationalen
Titelkämpfen vor bald einem Jahr?

Das war auf der einen Seite natürlich sehr aufregend und spannend,
aber auch sehr anstrengend und ganz schön viel auf einmal. Damit
hatte ich so nicht gerechnet. Zum einen ist da das Thema Inklusion
wieder hochgekocht, zum anderen wurde das Thema der Vergleichbarkeit
von Leistungen mit Prothesen diskutiert. Für unseren Sport war es
aber in erster Linie eine schöne Sache, da ich zeigen konnte, welche
Leistungen auch im paralympischen Sport möglich sind. Schön wäre es
natürlich, wenn ich damit ein Zeichen für behinderte Menschen setzen
konnte, sich nicht hängen zu lassen und an den Erfolg zu glauben.

Was sagst du dazu, dass du deinen Deutschen Meistertitel behalten
durftest, jedoch trotz der erforderlichen Weite nicht für die EM
nominiert wurdest?

Mir ging es in erster Linie gar nicht um den Titel, sondern nur um
den Wettkampf. Für mich standen die Herausforderung und der Reiz im
Vordergrund. Wenn man paralympisch quasi vorne wegspringt, dann will
man auch mal wieder einen Wettkampf, wo es vielleicht nur um ein paar
Zentimeter geht. Natürlich ist es ein schönes Zeichen, dass ich den
Titel behalten konnte. Da es aber noch keine aussagekräftigen und
belastbaren Daten gibt, konnte ich die Nichtnominierung
nachvollziehen, aber natürlich war ich enttäuscht. Ich will noch mal
betonen, dass ich niemandem etwas wegnehmen wollte oder will.

Was genau meinst du damit, dass du niemandem etwas wegnehmen
willst?

Es wurde oft davon gesprochen, dass einige Athleten davon leben
müssten und durch mich benachteiligt werden könnten. Aber mir ging es
nie darum, Sportkollegen einen Titel oder Preisgelder wegzunehmen.
Eigentlich wollte ich durch meinen Start den paralympischen Sport dem
breiten Publikum näher bringen und zeigen, was möglich ist. Ich will
nicht gewinnen, weil ich einen Vorteil habe, sondern weil ich in dem
Moment der bessere Springer war. Und solange nicht geklärt ist, ob
ich einen Vorteil habe oder nicht, finde ich es absolut in Ordnung,
getrennt gewertet zu werden.

Du sprichst es schon an: Der Deutsche Leichtathletikverband hat
zum 1. Januar 2015 eine Regelung getroffen, dass behinderte und
nichtbehinderte Sportler zwar gemeinsam starten, aber getrennt
gewertet werden. Eine gute Lösung?

Von paralympischer Seite heißt es zwar, dass sei ja eher Exklusion
statt Inklusion, aber ich denke der paralympische Sport hat schon
viel erreicht und kann hier zeigen, dass er auch kompromissbereit
ist. Ich finde, es ist schon ein großer Schritt in Richtung
Inklusion, wenn wir gemeinsam an den Start gehen. Bei internationalen
Meetings können die Ausrichter zum Beispiel selbst entscheiden, wie
sie die Leistungen von behinderten Sportlern werten. Ich werde aber
von mir aus vorschlagen, getrennt gewertet zu werden, um ein Zeichen
zu setzen, dass es mir nicht um Medaillen, sondern nur um den
gemeinsamen Wettkampf geht. Wenn bei einer umfangreichen Untersuchung
herauskommt, dass ich keinen Vorteil habe, müsste man sich über eine
Wertung natürlich nochmals unterhalten.

Und wie sehen deine weiteren sportlichen Pläne aus?

Zunächst einmal will ich natürlich weiterhin meine Leistung
bringen und hoffe, bei internationalen Wettkämpfen der
Nichtbehinderten an den Start gehen zu können. Da werde ich zwar
getrennt gewertet, muss aber ganz normal die Qualifikationskriterien
erfüllen. Auf lange Sicht hoffe ich, die Inklusion bei
internationalen Großevents weiter vorantreiben zu können. Gemeinsame
Wettkämpfe auf internationaler Ebene wären schon super und auch eine
tolle Werbung für den paralympischen Sport.

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Zur Person:

Markus Rehm (* 22. August 1988 in Göppingen) Markus Rehm gewann
2012 bei den Paralympischen Spielen in London Gold im Weitsprung und
Bronze mit der 4×100-Meter-Staffel. Er wird seit 2009 von der
Deutschen Sporthilfe gefördert. Deutschlandweite Aufmerksamkeit
erregte er mit seinem Titelgewinn bei den Deutschen Meisterschaften
im Weitsprung der nichtbehinderten Sportler am 26. Juli 2014. Mit
seiner Siegerweite von 8,24 Metern verbesserte er seinen eigenen
Behinderten-Weltrekord um 29 Zentimeter. Nach seinem DM-Titel
entbrannte eine Diskussion um die Vergleichbarkeit der Leistungen
behinderter Sportler mit Prothesen. Der Deutsche
Leichtathletik-Verband entschied, dass er seinen errungenen Titel
behalten darf, da ein unerlaubter Vorteil durch die Prothese nicht
ohne Zweifel belegt werden konnte.

Die Fragen stellte Daniel Mayr. Abdruck honorarfrei. Quelle:
Deutsche Sporthilfe

Pressekontakt:
Stiftung Deutsche Sporthilfe
Jörg Hahn
Otto Fleck-Schneise 8
60528 Frankfurt am Main
Tel: 069-67803 – 500
Fax: 069-67803 – 599
E-Mail: joerg.hahn@sporthilfe.de
Internet: www.sporthilfe.de

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