Mittelbayerische Zeitung: Chancenlos In Sachen Bildungsgerechtigkeit hinkt Deutschland hinterher – und vergeudet so wertvolle Potenziale. Leitartikel von Louisa Knobloch

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Der Bildungserfolg hängt in Deutschland von der
sozialen Herkunft ab – das Ergebnis der aktuellen Allensbachstudie
ist nicht neu. Solange sich aber nichts an dieser Situation ändert,
ist es wichtig, immer wieder den Finger in die Wunde zu legen und
Ursachen und Lösungsansätze aufzuzeigen. Denn die Folgen sind
gravierend – sowohl für den Einzelnen als auch gesamtgesellschaftlich
betrachtet. Wenn Deutschland international konkurrenzfähig bleiben
will, ist es auf gut ausgebildete Fachkräfte – egal ob Handwerker
oder Akademiker – angewiesen. Ob junge Menschen ihr Bildungspotenzial
ausschöpfen können, ist aber oft vom Elternhaus abhängig. Der Studie
zufolge besuchen 70 Prozent der Kinder von Eltern aus gehobenen
sozialen Schichten ein Gymnasium – bei Kindern aus sozial schwächeren
Elternhäusern sind es dagegen nur 30 Prozent. Die Ursachen für die
schlechteren Chancen dieser Kinder liegen der Studie zufolge in den
Familien. Mangelnde Zeit ist dabei ein Faktor. Sind Mutter oder Vater
alleinerziehend oder arbeiten beide Elternteile, dann ist im Alltag
oft wenig Zeit, um bei den Hausaufgaben oder der Prüfungsvorbereitung
zu helfen. In manchen Fällen können die Eltern ihren Nachwuchs nicht
unterstützen, weil sie selbst nur eine geringe Bildung genossen haben
oder nur wenig bis gar kein Deutsch sprechen. Manche Eltern
interessieren sich auch einfach nicht dafür, wie es bei ihren Kindern
in der Schule läuft – nach dem Motto: sollen sich doch die Lehrer
darum kümmern. Abhilfe könnte ein Ausbau der Ganztagsschulen
schaffen. Hier können die Schüler am Nachmittag bei den Hausaufgaben
betreut werden und Fragen stellen, wenn sie etwas nicht ganz
verstanden haben. Auch kleinere Klassen, in denen die Schüler
individuell besser gefördert werden, könnten helfen, die
Chancengerechtigkeit zu verbessern. Nur an den Schulen anzusetzen,
ist aber zu kurz gedacht: Viel wichtiger ist ein Ausbau der
frühkindlichen Bildungsangebote, vor allem im Bereich
Sprachförderung. Ein Kind, das nicht ausreichend Deutsch spricht,
wenn es eingeschult wird, hat Probleme, dem Unterricht zu folgen. Die
Bildungsausgaben für den Primarbereich sind in Deutschland mit rund
0,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts allerdings vergleichsweise
niedrig. Handlungsbedarf gibt es aber auch bei den Lehrern selbst.
Das Problem ist zwar bekannt: 61 Prozent der Pädagogen beklagen
mangelnde Chancengerechtigkeit an deutschen Schulen und 83 Prozent
von ihnen sind der Meinung, dass bei der Schulempfehlung nicht die
soziale Herkunft, sondern die Leistung entscheidend sein sollte. Die
Grundschulstudien IGLU und TIMMS, die Kenntnisse im Lesen, in
Mathematik und Naturwissenschaften abfragen, haben vergangenes Jahr
aber gezeigt, dass Kinder aus Arbeiterfamilien in diesen drei Fächern
wesentlich höhere Leistungen erzielen müssen, damit Lehrer für sie
eine Gymnasiallaufbahn in Betracht ziehen, als Kinder aus
bessergestellten Familien. Daher sollten sich die Lehrer auch selbst
hinterfragen, ob sie nicht – bewusst oder unbewusst – Kinder aus
sozial schwachen Familien benachteiligen. Die mangelnde
Chancengerechtigkeit setzt sich an den Hochschulen fort: Laut
Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks studieren 71 von 100
Akademiker-Kindern – aber nur 24 Kinder aus Familien ohne akademische
Tradition. Mit der Abschaffung der Studiengebühren in Bayern, die der
Landtag gestern beschlossen hat, ist zumindest eine Hürde
weggefallen. Das ebenfalls beschlossene Bildungsfinanzierungsgesetz
sieht zusätzliche Gelder für frühkindliche Bildung vor. Das sind
kleine Schritte in die richtige Richtung – um Chancengerechtigkeit zu
schaffen, bräuchte es aber eine größere Anstrengung.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
Telefon: +49 941 / 207 6023
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