Mittelbayerische Zeitung: Die neue Freiheit / Franziskus führt die katholische Kirche in eine Ära neuer Herausforderungen. Doch auch ihm fehlt der Mut. Leitartikel von Julius Müller-Meiningen

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Papst Franziskus war ein paar Monate im Amt,
als er im Herbst 2013 die Katholiken in aller Welt zu den Themen Ehe
und Sexualität befragen ließ. Die Umfrage legte die Kluft zwischen
den lehramtlichen Vorstellungen Roms und der Wirklichkeit der
Gläubigen offen. Diesen Spalt zwischen Anspruch und Realität hat
Franziskus nun mit seinem nachsynodalen Schreiben „Amoris Laetitia –
Über die Liebe in der Familie“ ein Stück weit geschlossen. Das
Schreiben ist der vorläufige Schlusspunkt eines drei Jahre dauernden
Prozesses, in dem sich die katholische Kirche mit Franziskus mühsam
auf die Menschen zuzubewegen versucht. Auf zwei Synoden hatte
Franziskus die Bischöfe zum Thema diskutieren lassen, dann forderten
die zerstrittenen Hirten ein Machtwort vom Papst. Jetzt liegt es vor.
Franziskus hat darin die Entscheidung getroffen, keine Entscheidungen
zu treffen. Der Papst enttäuscht diejenigen, die sich auf die
strittigen Fragen wie den Umgang mit Homosexualität oder die
Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion klare
Antworten erhofften. Franziskus erfüllt diesen Wunsch klugerweise
nicht. Er öffnet seiner Kirche einen viel größeren Raum: Wenn der
Papst feststellt, dass nicht jede Diskussion über die Doktrin einer
lehramtlichen Klärung bedarf, bedeutet das eine nur schwer wieder
rückgängig zu machende Wende in der Haltung Roms. Galt dem Vatikan
bislang die Einheit von Lehre und Seelsorge als höchstes Gut, so hat
Franziskus nun der in der Praxis längst existierenden Vielfalt die
theologische Legitimation erteilt. Die vom Papst angekündigte
„heilsame Dezentralisierung“ wird Realität. Fortan haben die
Bischofskonferenzen die Zügel in der Hand, auch wenn es um die
praktische Auslegung moralischer Normen auf dem Gebiet der Sexualität
geht. Die als besonders konservativ bekannten afrikanischen oder
polnischen Bischöfe können künftig ganz andere Schlussfolgerungen aus
den Geboten ziehen als beispielsweise die deutschen Bischöfe. Als
etwa die Diözese Freiburg vor drei Jahren eine umstrittene
Handreichung zum Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen erließ,
wurde diese von der Glaubenskongregation kassiert. Das ist so künftig
nicht mehr möglich. Das Schreiben „Über die Liebe in der Familie“
bedeutet eine neue, ungewohnte Freiheit für die Kirche, mit der sie
erst einmal zurecht kommen muss. Bislang mussten Bischöfe, die aus
der Reihe scherten, eine Maßregelung aus Rom erwarten. Diese Zeiten
sind nun auch auf dem umstrittenen Gebiet der Sexualmoral vorbei.
Dennoch hält auch Franziskus an einigen konservativen Fixpunkten
fest, er verurteilt weiterhin Abtreibung, die Gender-Theorie oder die
Homo-Ehe. Dem einzelnen Gläubigen räumt der Papst aber wesentlich
mehr Spielraum bei seinen Entscheidungen ein. Wie ein roter Faden
zieht sich die Aufwertung des menschlichen Gewissens durch das
Schreiben. Franziskus betont die Rolle des Gewissens, etwa wenn es um
die Entscheidung zur Empfängnisverhütung oder den Zugang zur
Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene geht. Auch hier sind
künftig die Weichen gestellt: Die Gläubigen sehen sich mit den
strengen Regeln konfrontiert, die letzte Entscheidung treffen sie
richtigerweise in ihrem Inneren. Für den konservativen Flügel in der
katholischen Kirche ist „Amoris Laetitia“ ein Albtraum, da die
Kirchenführung ausdrücklich ihre Eigenschaft als letzte
Kontrollinstanz in Sachen Sex aus der Hand gibt. Tatsächlich deutet
sich ein Dilemma für die Kirche an: Papst Franziskus hebt weiterhin
die Einheit von Lehre und Praxis hervor, lässt aber gleichzeitig den
verschiedenen Interpretationen der Lehre freien Lauf. Das Zerrbild
von Normen und ihrer Befolgung könnte so künftig noch groteskere
Formen annehmen. Die ehrliche Konsequenz aus „Amoris Laetitia“ wäre
deshalb eine Änderung der Lehre, also des Gebots der Unauflöslichkeit
der Ehe. Zu diesem Wagnis fehlt aber auch diesem Papst der Mut.

Pressekontakt:
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