Mittelbayerische Zeitung: Ein langer Weg / Integration kann nur gelingen, wenn die Gesellschaft als Ganzes daran mitwirkt. Leitartikel von Christine Hochreiter

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Die Ereignisse in Würzburg, Ansbach und
irgendwie auch München bedeuteten für viele Menschen einen Schock.
Was bislang nur anderswo passierte, in Frankreich, Belgien – weit
weg, rückte nun quasi direkt vor ihre Haustüre. Mit der Angst vor
Terroranschlägen sind auch die Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen
gewachsen. Immer öfter heißt es, die Stimmung sei „gekippt“,
Willkommens-Euphorie habe in – um es vorsichtig auszudrücken –
Misstrauen und Vorbehalte umgeschlagen. Und immer häufiger werden
Zweifel ob der Integrationsfähigkeit und -möglichkeit vieler
Geflüchteter auch öffentlich artikuliert. Der Weg in eine
Beschäftigung? Für viele Flüchtlinge ist er lang.
Siemens-Personalchefin Janina Kugel etwa zeigte sich soeben äußerst
skeptisch. Mit der Digitalisierung gebe es einen klaren Trend zu
höherer Qualifikation. Für ungelernte Arbeitskräfte werde es daher
auf dem deutschen Jobmarkt zunehmend schwierig. Hierzulande werden
aktuell rund 600 000 Fachkräfte gesucht, aber es gibt nur 150 000
Jobs für Helfer. Indes steigt die Flüchtlings-Arbeitslosigkeit
stetig. Im Juli waren bei den Jobcentern 141 000 geflüchtete Menschen
arbeitslos gemeldet – etwa 10 000 mehr als im Vormonat. Die Zahl der
Jobsucher liegt mit 322 000 allerdings deutlich höher, weil sie auch
Flüchtlinge erfasst, die an Integrationskursen oder Fördermaßnahmen
teilnehmen und noch nicht arbeitslos gemeldet sind. Von der Statistik
her betrachtet wirkt sich die Flüchtlingsmigration derzeit in der Tat
deutlicher im Sozialsystem aus als auf dem Arbeitsmarkt. Und das
dürfte auch noch eine geraume Zeit so bleiben. Am vergangenen
Wochenende ist das Integrationsgesetz der Bundesregierung in Kraft
getreten. Dadurch soll Flüchtlingen der Einstieg in den Arbeitsmarkt
erleichtert werden. Die Wirtschaft lobt insbesondere die Regelung,
nach der jeder Asylbewerber, der eine Ausbildung aufnimmt, für die
Dauer der Ausbildung eine Duldung und danach für zwei
Beschäftigungsjahre eine Aufenthaltserlaubnis erhält. Das Handwerk
allein will bis zum Jahr 2018 rund 10 000 Flüchtlinge fit für eine
Ausbildung machen. Doch hier gibt es noch zwei große Hürden: zum
einen mangelhafte Deutsch-Kenntnisse und zum anderen die lange Dauer
des Asylverfahrens. Die Wirtschaft benötigt Klarheit: Für Betriebe,
die in die Ausbildung eines Flüchtlings investieren wollen, ist es
wichtig zu wissen, dass dieser in Deutschland bleiben darf und nicht
abgeschoben wird. Die Unternehmen sind also – und das sogar in hohem
Maße – bereit, sich zu engagieren, und Geflüchtete in ihren
Firmenwelten aufzunehmen. Freilich geschieht das nicht uneigennützig.
Die Wirtschaft weiß sehr wohl, dass sie Talente und Fähigkeiten der
jungen, meist männlichen Neuankömmlinge zu ihren Gunsten
weiterentwickeln sollte – unter anderem auch um den demografischen
Wandel proaktiv zu gestalten. Aber sind es auch die Menschen, die
Bürger, die künftigen Kollegen? In Passau erzählen Ehrenamtliche, die
sich um Flüchtlinge kümmern, dass der Ton nach den jüngsten Vorfällen
deutlich rauer geworden ist. Sie berichten, dass es beispielsweise
noch schwieriger geworden ist, Wohnungen für ihre Schützlinge zu
finden. Offensichtlich haben sich aber gerade bei denjenigen, die
noch nie mit Flüchtlingen zu tun hatten, die Vorurteile verstärkt.
Dabei ist es wichtiger denn je, dass Menschen in der
Ausnahmesituation Flucht eine Lebensperspektive bekommen – eine
ernsthafte Chance, sich hierzulande zu integrieren. Wenn man
Geflüchtete und ihre Schicksale kennt, wird es vielleicht etwas
leichter, die Angst loszulassen.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
Telefon: +49 941 / 207 6023
nachrichten@mittelbayerische.de

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