Mittelbayerische Zeitung: Exodus nach Europa – Umweltzerstörung und wachsende Armut könnten im Hungergürtel der Welt riesige Fluchtwellen auslösen. Von Stefan Stark

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Klimawandel, Atomtests, Plastikmüll im Meer,
Bodenzerstörung – unser Einfluss auf die Welt ist so groß, dass viele
Folgen irreversibel sind. Nur 200 Jahre hat die Menschheit gebraucht,
um den Planeten an den Rand seiner Belastbarkeit zu führen. Eine
Gruppe von Wissenschaftlern nahm diese Entwicklung jetzt zum Anlass,
ein neues Erdzeitalter vorzuschlagen – das menschengemachte
Zeitalter. Islamistischer Terror, Flüchtlingsströme, neue
Konfrontation mit Russland – angesichts dieser Krisen könnte man die
Diskussion schnell als exotischen Beitrag spleeniger Wissenschaftler
abtun. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Die Forscher legen den
Finger genau in die Wunde. Denn viele der handfesten politischen
Krisen stehen im Zusammenhang mit dem rücksichtslosen Raubbau auf
unserem Planeten. Auch der vergangene Sommer war zu warm und 2016
wird wohl als eines der heißesten Jahre in die Wetterhistorie
eingehen. Die Fieberkurve des Planeten steigt seit zwei Dekaden
kontinuierlich. Und die ausgeprägten Hitzewellen, die wir in der
jüngeren Vergangenheit erlebten, sind Indizien für den vom Menschen
verursachten Klimawandel. Die Erwärmung hat in weiten Teilen der Welt
weitaus dramatischere direkte Folgen als in Europa: Im Hungergürtel
der Erde wird sie – gepaart mit Nahrungsknappheit und Wassermangel –
zu immer schärferen Verteilungskämpfen führen. Und dazu, dass der
Flüchtlingsstrom nicht abebbt. Niemand sollte sich in die Tasche
lügen: Bereits jetzt gibt es zahllose Klimaflüchtlinge – vor allem in
Ostafrika, der Subsaharazone und Teilen Asiens. Auch mit Blick auf
Syrien ist eine Debatte entbrannt, inwieweit der dortige Bürgerkrieg
und die Flucht von Millionen Menschen mit der jahrelangen Dürre
zusammenhängen, unter der das Land litt. US-Präsident Barack Obama
jedenfalls bezeichnete die Syrer, die sich auf den Weg nach Europa
machten, jüngst als Klimaflüchtlinge. Natürlich muss man auf der Hut
sein, damit der Klimawandel nicht instrumentalisiert wird als
Deckmäntelchen für alle möglichen politischen Missstände in einzelnen
Ländern. Auch ungerechte Gesellschaftsstrukturen, staatliche
Misswirtschaft und Korruption führen vielfach zu sozialen
Schieflagen, Massenverarmung und gescheiterten Staaten, die nebenbei
einen fruchtbaren Nährboden für Terrorgruppen aller Art bilden. Doch
der verheerende Einfluss von Dürren und anderen Wetterextremen auf
die Lebensbedingungen von Millionen Menschen in unterentwickelten
Ländern lässt sich nicht wegleugnen. Neben Klimakatastrophen bereitet
das rasante Bevölkerungswachstum in vielen afrikanischen Staaten
vielen Experten Sorge. Allein in Nigeria könnte sich die
Einwohnerzahl bis zum Jahr 2050 mehr als verdoppeln – auf dann 400
Millionen. Auch das wird – wenn niemand gegensteuert – zwangsläufig
zu einem Exodus aus Afrika führen. Dann könnten wir in den nächsten
Jahrzehnten einen beispiellosen Ansturm der Armen und der
Hoffnungslosen nach Europa erleben, der die Flüchtlingsströme der
vergangenen zwölf Monate in den Schatten stellt. Klimaschutz leistet
zweifellos einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen Krisen und drohende
Verteilungskriege. Doch mindestens genauso wichtig wäre die
Stabilisierung schwacher Staaten. Bei der Bundesregierung ist diese
Erkenntnis zwar angekommen. Doch die industrialisierte Welt tut nach
wie vor viel zu wenig, um die Fluchtursachen in Krisenländern zu
bekämpfen und den Menschen dort Bleibeperspektiven zu geben. Solange
dort Armut, Hunger und Kriege herrschen, und solange gleichzeitig
immer größere Landstriche durch Klimaextreme unbewohnbar werden, wird
es die Leute nach Europa ziehen. 200 Jahre hat es gedauert, bis der
Mensch den Planeten irreversibel verändert hat. Wir sollten nicht
weitere 200 Jahre sehenden Auges auf die Katastrophe zurasen. Sonst
diskutieren Forscher demnächst, wann das postmenschliche Zeitalter
beginnen wird.

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Mittelbayerische Zeitung
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