Mittelbayerische Zeitung: Kommentar von Katia Meyer-Tien zum NSU-Prozess

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Man darf nie an die ganze Straße auf einmal
denken, lässt Michael Ende in „Momo“ seinen weisen Straßenkehrer
Beppo sagen, „Man muss immer nur an den nächsten Besenstrich, an den
nächsten Atemzug denken.“ Seit 224 Verhandlungstagen tut der
Vorsitzende Richter Manfred Götzl im NSU-Prozess genau das.
Besenstrich für Besenstrich kehrt er den gewaltigen Unrat beiseite,
der den Weg der Mörder von zehn Menschen verdeckt. Das ist nicht
immer leicht, oft erscheint unter dem Müll einfach nur noch mehr
Müll. Und immer wieder bekommt Götzl während des mittlerweile mehr
als zwei Jahre dauernden Prozesses neuen Unrat vor die Füße gekippt.
Da gibt es Zeugen, die sich an nichts erinnern wollen und sich dieses
Nichts auch noch mühsam aus der Nase ziehen lassen,
Verfassungsschützer, die den Eindruck erwecken, ganz andere Dinge als
die Verfassung zu schützen – und die Angeklagte, die im Zwist mit
ihren Anwälten mal eben noch ein bisschen mehr Staub aufwirbelt. In
den knapp vier Wochen Sommerpause kann sich dieser Staub nun legen,
wahrscheinlich wird sich auch neuer Schmutz ansammeln, aber eines ist
sicher: Irgendwann, wahrscheinlich im kommenden Jahr, wird die Straße
zu Ende gefegt sein. Und dann wird sich zeigen, ob es Götzl gelungen
ist, die Straße und darauf die Fußspuren all jener, die sie betreten
haben, freizulegen. Besenstrich für Besenstrich.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
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