Mittelbayerische Zeitung: Kommentar von Norbert Mappes-Niedik zu Flüchtlinge/Balkan

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Zu den vielen Flüchtlingen vom Balkan, die
Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer zum Thema gemacht hat, kann
man vieles Richtige sagen und trotzdem alles falsch machen. Es stimmt
zum Beispiel, dass ausgerechnet Albanien nach Syrien zurzeit das
zweithäufigste Herkunftsland von Asylbewerbern in Deutschland ist –
obwohl in Albanien weder Krieg noch politische Verfolgung herrschen.
Es stimmt auch, dass die Zahl der Hilfesuchenden vom Balkan erst
gestiegen ist, als die Visumspflicht abgeschafft wurde. Aber es wäre
trotzdem ein schwerer Fehler, sie alle zurückzuschicken oder gar die
Reisefreiheit wieder aufzuheben. Die Auswanderung vom Balkan ist
nicht zu stoppen. Für die Deutschen ist etwa das Kosovo, aus dem
ebenfalls noch viele Asylbewerber kommen, ein fremdes, fernes Land.
Umgekehrt trifft so ziemlich das Gegenteil zu. Zehntausende junge
Albaner haben einen Teil ihrer Kindheit in Deutschland, der Schweiz
oder Österreich verbracht, und alle anderen haben Verwandte hier. Sie
studieren in großer Zahl Germanistik in der Hoffnung, damit ihre
Chancen auf Auswanderung zu verbessern. Es stimmt: Asyl bekommt so
gut wie niemand vom Balkan. Aber kaum einer will das auch. Vor allem
die Jungen, gut Ausgebildeten unter den Wirtschaftsflüchtlingen aus
Albanien, Serbien, Mazedonien oder dem Kosovo wollen sich in
Deutschland eine Existenz aufbauen. Die Älteren, die aus den
strukturschwachen Gebieten kommen, wollen in kurzer Zeit so viel Geld
verdienen, dass sie nach ihrer Rückkehr eine Weile davon leben
können. Dass sie „früher oder später“ zurückgeschickt werden,
schreckt sie nicht. Hauptsache, es geschieht eher später als früher.
Asyl beantragen die Auswanderer vom Balkan, um einen legalen
Aufenthaltsstatus zu bekommen. Das ist kein Betrug, sondern im
Prinzip ein begrüßenswerter Impuls: Sie wollen in geordnete
Verhältnisse. Asyl ist neben dem Familiennachzug dafür de facto die
einzige Möglichkeit. Eine „Blaue Karte“ für gut verdienende
Hochschulabsolventen konnten bisher nur gezählte fünf Bewerber aus
dem Kosovo ergattern. Dabei steht hier eine ganze Generation in den
Startlöchern. Ein Einwanderungsgesetz, wie die SPD es fordert, wäre
ein wichtiger Schritt. Noch wichtiger wäre es, endlich zu begreifen,
dass der Balkan zu Deutschland gehört wie der Commonwealth zu
Großbritannien.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
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