Mittelbayerische Zeitung: Kommentar von Thomas Spang zu Obama/Hiroshima

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15 000 Sprengköpfe weit entfernt

Auf dem Denkmal für die Opfer des ersten Atombombenabwurfs über
Hiroshima stehen die Worte: „Die Fehler der Vergangenheit sollen
nicht wiederholt werden“. Ein Satz, mit dem auch der erste Besuch
eines amerikanischen Präsidenten in der vor 71 Jahren dem Erdboden
gleichgemachten Stadt überschrieben werden könnte. Obama schaffte es
bei seiner historischen Visite, nicht in die Vergangenheits-Falle zu
tappen, die seine Vorgänger davon abgehalten hatte, den schwierigen
Gang anzutreten. Statt einer Entschuldigung bot der Präsident
Anerkennung und Trauer um die schätzungsweise 200 000 Opfer der
beiden Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki an. Der Meister
der großen Geste umarmte einen Überlebenden, der sein Leben der Sorge
für die Angehörigen amerikanischer Kriegsgefangener gewidmet hatte,
die bei dem Angriff auf Hiroshima ums Leben kamen. Richtigerweise
blickte der Präsident nach vorn. In seiner kraftvollen Rede im
Friedenspark von Hiroshima forderte er eine „moralische Revolution“,
die den technologischen Fortschritt kontrolliert und Grenzen setzt.
Damit so etwas wie im August 1945 nie wieder passiert. So
beeindruckend die Worte Obamas und die eindrückliche Symbolik des
gemeinsamen Gedenkens auch waren, so sehr fühlte sich die Situation
paradox an. Denn nirgendwo auf der Welt ist das Risiko einer
Nuklear-Katastrophe heute größer als in Asien. Der US-Präsident sah
einigermaßen hilflos zu, wie seit seiner Rede über eine
atomwaffenfreie Welt in Prag 2009 Nordkorea einen Nuklearsprengkopf
nach dem anderen produzierte. Das Arsenal des unberechenbaren
Schurkenstaats wuchs auf geschätzt 20 Sprengköpfe an. Alle sechs
Wochen kommt ein neuer hinzu, während das Regime unter Hochdruck
daran arbeitet, Trägerraketen zu entwickeln. Mangels Kooperation der
Schutzmacht China fehlte es Obama an echten Handlungsoptionen.
Parallel lässt die Volksrepublik im Südchinesischen Meer die Muskeln
spielen, was die Sicherheitsarchitektur in der Region nicht gerade
stabilisiert. Gewiss kann Obama auch Erfolge vorweisen. Allen voran
das Atomabkommen mit Iran, das für das erste einen Nuklear-Wettlauf
im Mittleren Osten verhindert hat. Fortschritte gab es auch bei der
globalen Sicherung existierender Nuklearbestände und dem Abbau
strategischer Arsenale durch neue Abkommen mit Russland. Von der in
Prag erstmals formulierten und nun in Hiroshima bekräftigten Vision
einer Welt ohne Atomwaffen bleibt die Wirklichkeit aber weit
entfernt; genauer gesagt rund 15 000 Sprengköpfe weit. Hinzu kommt
eine in der Amtszeit Obamas beschlossene Modernisierung der
amerikanischen Nuklearwaffen-Bestände, die über die kommenden zehn
Jahre rund eine Billionen Dollar kosten wird. Obamas
Atomwaffen-Bilanz fällt gemischt aus. Kritiker wie der frühere
Verteidigungsminister William Perry meinen, das Risiko eines
Nuklearkriegs sei heute sogar größer als in den Tagen des Kalten
Krieges. Der Präsident sollte nach seiner Rückkehr aus Hiroshima die
verbleibenden Tage seiner Amtszeit nutzen, den wohl formulierten
Worten Taten folgen zu lassen. Es gibt wenig Gründe, hunderte
Atomraketen unter Gefechtsbereitschaft zu halten. Eine mit Russland
abgestimmte Demobilisierung könnte die Gefahr einer Eskalation
minimieren ohne die Sicherheit der USA und ihrer Verbündeten zu
gefährden.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
Telefon: +49 941 / 207 6023
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