Mittelbayerische Zeitung: Kommentar zu Clinton/US-Wahl

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Eine historische Wahl

von Christian Kucznierz, MZ

Ginge es nach den meisten von uns Deutschen (oder Europäern, oder
den meisten freiheitlich-demokratischen, nicht
populisten-freundlichen, nicht autokratischen Staaten der Welt), dann
wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, die Wahl in den Vereinigten Staaten
für beendet zu erklären. Wir hätten jetzt unsere Kandidatin. Hillary
Clinton ist nominiert, hat ihre Nominierung angenommen und könnte
jetzt eigentlich Präsidentin werden. Eigentlich. Denn da gibt es noch
den anderen Kandidaten: Donald Trump. Und der hat gute Chancen,
Clinton das Weiße Haus streitig zu machen. Das ist der wirkliche
Grund, warum diese Wahl eine historische sein wird. Viel ist bereits
darüber geredet und geschrieben worden, dass die Nominierung einer
Frau als US-Präsidentschaftskandidatin historisch ist. Zu Recht. Nach
Barack Obama, dem ersten schwarzen Präsidenten, wäre eine weibliche
Präsidentin ein Beleg dafür, dass trotz aller Probleme, mit denen die
USA innenpolitisch zu kämpfen haben, Amerika doch eine
fortschrittliche Nation ist. Aber die Wahlergebnisse spiegeln
angesichts des US-Wahlrechts mit seinen Wahlmännerstimmen eben nicht
immer die Stimmung im Land wider – vor allem die auf dem flachen
Land, wo es um andere Sorgen und andere Nöte geht als in den großen
Städten entlang der Ost- und Westküste. Der Erfolg eines Populisten
wie Donald Trump, dessen einzige Empfehlung sein Familienvermögen
ist, zeigt, dass Amerika in seinem Innern ein gespaltenes Land ist –
und das auch bleiben wird, wenn der Multimilliardär nicht Präsident
wird. Die Republikaner sind schon lange eine Partei, deren innere
Erneuerung mehr als überfällig ist. Dass ihnen am Ende dieses
Vorwahlkampfes aber nichts anderes übrig geblieben ist, als Trump zu
ihrem Kandidaten zu küren, ist die Bankrotterklärung. Dass sie den
einstigen parteinternen Gegner Ted Cruz auf offener Bühne ausbuhen,
nur weil er Trump nicht unterstützen will, zeigt, wie zerstritten die
Republikaner sind, dass der Hass auf andere auch in der eigenen
Partei keine Grenzen kennt. Dass die Anhänger von Hillary Clintons
einstigem Gegner Bernie Sanders auch massiv mit der Kandidatin
haderten, zeigt, dass auch die Demokraten unter internen Spannungen
leiden. Diese USA des Jahres 2016 wählen also zwischen einer
Kandidatin, die überragende politische Erfahrung besitzt, aber wenig
Sympathiewerte, und einem Kandidaten, der über keinerlei Erfahrung,
aber dafür über Sympathisanten verfügt, deren Weltbild teilweise
angsteinflößend chauvinistisch ist. Wer auch immer gewinnt: Er oder
Sie wird einem zur Hälfte ihm oder ihr feindlich gesinnten Land
gegenüberstehen. Das wird Folgen haben für die gesamte Amtszeit und
für die Wahlen, die dann folgen werden. Wie gespalten kann ein Land
werden, ohne komplett auseinanderzufallen? Das Besondere an dieser
historischen Wahl aber ist, dass Clinton es nicht einmal gegen einen
Gegner wie Trump schafft, in den Umfragen klar vorne zu liegen. Trump
ist inhaltlich auf Themen reduziert, deren Leere er durch laute Worte
zu übertünchen weiß. Clinton hat es aber nicht geschafft, ihn zu
entlarven, zu entzaubern oder zumindest ihm mit eigenen Themen etwas
entgegen zu setzen, das ihr in den Umfragen den Vorteil verschaffen
würde, den sie objektiv betrachtet verdient hätte. Diese Wahl ist
einzigartig in der Geschichte, weil sie zeigt, dass das vermeintlich
mächtigste Land der Welt nicht mit Inhalten, sondern mit Stimmungen
gewonnen werden kann. Das ist eine historische einmalige Erkenntnis.
Und eine markerschütternd erschreckende noch dazu.

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Mittelbayerische Zeitung
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