Mittelbayerische Zeitung: Kommentar zu Flüchtlingen/Wohnungsbau

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von Katia Meyer-Tien, MZ

Hunderttausende Menschen kommen nach Deutschland, viele von ihnen
mit der Perspektive, mehrere Jahre oder sogar für immer zu bleiben.
Einige haben Kinder, andere wollen ihre Familien nachholen, wieder
andere werden hier Familien gründen. Jeder von ihnen braucht eine
Wohnung. Doch in den Großstädten treffen sie auf überhitzte
Wohnungsmärkte, in denen schon jetzt Studenten, Gering- und
Normalverdiener, Alleinerziehende und Senioren um bezahlbaren
Wohnraum ringen. Das befeuert die längst überfällige Debatte um den
sozialen Wohnungsbau. Die Zahl der Sozialwohnungen ist in den
vergangenen zehn Jahren von etwa zweieinhalb auf eineinhalb Millionen
gesunken. Der Grund: Pro Jahr läuft für etwa 100 000 Wohnungen, die
mit öffentlicher Förderung gebaut wurden, die Sozialbindung ab. Sie
dürfen dann auf dem freien Markt neu vermietet werden – zu oft
deutlich höheren Preisen. Durch Neubauten wird dieser Schwund nicht
ausgeglichen, im Gegenteil: Viele Städte und Kommunen haben den
Immobilienboom genutzt, um ihre Wohnungen zu verkaufen. Viele dieser
ehemals günstigen, oft zentrumsnahen Wohnungen sind heute sanierte
Luxusimmobilien. Eine Neustrukturierung des öffentlichen
Wohnungsbaus, gezielte Förderungen für den Bau bezahlbarer Wohnungen
und Nachverdichtung der Innenstädte kann daher Teil der Lösung sein,
die langfristig allen nutzt. Das kann die öffentliche Hand nicht
alleine stemmen. Auch private Investoren können Wohnraum für
Flüchtlinge zur Verfügung stellen. Und dürfen nicht dafür verteufelt
werden, dass sie mit ihren Investitionen – angemessen – Geld
verdienen: Sinnvolle Konzepte müssen rentabel sein, wenn sie Bestand
haben sollen. Bestrebungen mancher Städte, auf hastig akquirierten
Flächen Hunderte von Wohnungen zu bauen, sind hingegen fatal: Es
braucht nicht viel Fantasie, um in ihnen die Ghettos und
Parallelwelten von morgen entstehen zu sehen. Wohnraum für
Flüchtlinge muss mehr sein als ein Dach überm Kopf. Denn die Frage
ist ja nicht nur, wo die Flüchtlinge wohnen sollen, sondern wie sie
Teil der Gesellschaft werden. Das macht die Sache kompliziert, kann
aber gleichzeitig ein Teil der Lösung des Wohnproblems sein. Denn
während es in den Großstädten an Wohnraum mangelt, stehen etwa 1,7
Millionen Wohnungen leer. Manche Regionen melden zwölf Prozent
Leerstände. Wem die Integration der Flüchtlinge als
gesamtgesellschaftliche Aufgabe gilt, der muss einen Teil dieses
Wohnraums mitdenken. Ohne dabei die Kommunen zu überfordern: eine
Gruppe unausgebildeter junger Männer ohne Sprachkenntnisse in einer
Dorfgemeinschaft anzusiedeln, hat wenig Sinn. Jungen Familien mit
kleinen Kindern hingegen dürfte hier die Integration leichter fallen
als in einer Großstadt. Experten sprechen sogar davon, dass
qualifizierte Flüchtlinge weggebrochene Infrastruktur auf dem Land
ergänzen könnten: Wenn etwa gezielt Ärzte, Pflegekräfte oder
Handwerker in den Regionen angesiedelt werden, wo diese Berufe
fehlen. Voraussetzung dafür wäre, dass schon in den
Erstaufnahmeeinrichtungen Ausbildung und Sprachkenntnisse der
Ankommenden erfasst werden, dass ländliche Kommunen ihren Bedarf
kommunizieren, dass Flüchtlinge mit Bleibeperspektive schnellen
Zugang zu Sprachkursen und zum Arbeitsmarkt bekommen. Und: dass junge
Zuwanderer so ausgebildet werden, dass aus ihnen die so dringend
benötigten Fachkräfte von morgen werden können, auch auf dem Land.
Das ist ein enormer Aufwand, bürokratisch, finanziell und emotional.
Es ist die eigentliche Aufgabe, die hinter der großen humanitären
Geste steht.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
Telefon: +49 941 / 207 6023
nachrichten@mittelbayerische.de

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