Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel von Reinhard Zweigler zu Ernährungsunterricht an Schulen

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Ene mene Muh – und raus bist Du, lautet ein
alter Abzählreim. Viele Kinder glauben tatsächlich, dass die
milchgebenden Wiederkäuer lila-weiß gescheckt sind. Der Werbung eines
großen Schweizer Süßwarenherstellers ist dieses Naturphänomen zu
verdanken. Die Entfremdung von der uns umgebenden Natur schreitet
immer weiter voran. Nicht nur für Kinder und Jugendliche. Doch bei
ihnen wird es besonders deutlich. Im Wettbewerb zwischen digitalen
Medien und „analoger“ Natur hat letztere oft das Nachsehen. Umfragen
zufolge kennen sich Kinder sehr gut in der Welt der
Pokémon-Fabelwesen, der Kampf-Schildkröten oder ihren Computerspielen
aus. Wie Amsel, Drossel, Fink oder Nachtigall zwitschern, ist dagegen
nicht so spannend. Es gibt ja den Zwitscher-Dienst Twitter. Das
Wissen und das Erleben von Umwelt, auch von Ernährung und
Landwirtschaft sind dagegen ziemlich spärlich. Die Milch kommt aus
dem Supermarkt und zum Essen gibt–s gebratenes Hackfleisch, das dann
auch noch Burger genannt werden muss. Keine Angst, dies ist kein
kulturpessimistischer Abgesang, auch kein verspätetes
Zurück-zur-Natur, sondern eher ein Plädoyer für die Vielfältigkeit,
für die Buntheit, für den Duft, für den Klang unserer Welt. Dabei
gibt es bereits eine Vielzahl von Natur- und Umweltbildungsstätten,
es gibt den Biologie-Unterricht mit engagierten Lehrer an den
Schulen, es gibt Bücher, es gibt ein unüberschaubares Angebot im
Internet, es gibt Urlaub auf dem Bauernhof, es gibt
Schulklassenexkursionen zu Landwirten – und es gibt Eltern und
Großeltern, die erzählen können. Alles gut und wichtig. Dennoch gibt
es offenkundig Lücken im Wissen von Natur, in der Wertschätzung
dessen, wovon wir leben – von Lebensmitteln. Der eher nicht zu den
Schlagzeilen-Produzenten gehörende Bundeslandwirtschafts- und
Ernährungsminister Christian Schmidt bricht seit geraumer Zeit schon
eine Lanze für, na sagen wir, Ernährungsbildung in den Schulen. Und
er hat Recht damit. Das Einmaleins gesunder Ernährung gehört in die
Lehrpläne der Schulen, genau wie Mathematik, Lesen und Schreiben oder
der Umgang mit digitalen Medien. Auch wenn sich mancher
Kultusminister die Einmischung eines fachfremden Bundesministers
verbitten mag. Im Fernsehen und im weltweiten Netz boomen zwar die
Kochshows der Lichters, Lafers und Mälzers. Man könnte den Eindruck
gewinnen, die gesamte Republik steht den ganzen Tag in der Küche und
kocht ständig neue Menüs. Dem ist allerdings nicht so. Die Schule und
das Kinderalter sind für die Ernährungsbildung auch deshalb so
wichtig, weil in der Zeit des Heranwachsens das Ernährungsverhalten
des weiteren Lebens entscheidend gepägt wird. Die sich entwickelnden
Geschmacksrezeptoren sollten viel mehr kennen lernen als süße braune
Brause, Ketchup, Mayo und Pommes. Das Wissen, das in den Schulen über
gesunde Ernährung und ganz allgemein über Landwirtschaft vermittelt
werden sollte, dürfte allerdings kein oberschlauer Ernährungsratgeber
nach dem Motto sein: Das darfst du, das nicht – sondern eher eine
Entscheidungshilfe für das spätere Leben, für die eigene Küche. Vor
allem sollten auch die Probleme, die aktuellen Entwicklungen der
modernen Landwirtschaft angesprochen werden. Der sogenannten
konventionellen wie der ökologisch wirtschaftenden. Beides hat seine
Berechtigung, die Übergänge sind ohnehin fließend. Und gewiss könnte
ein solches Gerüst an landwirtschaftlichem Wissen die jetzigen
aufgeregten Debatten um Schlagworte, wie Massentierhaltung oder Gift
auf dem Acker, versachlichen. Es täte not.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
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