Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel von Reinhard Zweigler zur Bundeswehr

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Vom ersten Bundespräsidenten Theodor Heuß ist
überliefert, dass er die Soldaten der gerade gegründeten Bundeswehr
mit den Worten ins Manöver verabschiedete: Na, dann siegt mal schön.
Wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, bei dem Hitlers Wehrmacht
Tod und Verderben nach Europa trug und selbst Millionen tote Soldaten
zu beklagen hatte, war die neue Armee in der Bundesrepublik höchst
umstritten. Einstige Soldaten hatten sich nach der
Menschheitskatastrophe geschworen, nie wieder eine Waffe in die Hand
zu nehmen. Doch aus dem Radikal-Pazifismus wurde bekanntlich nichts.
Zu Konrad Adenauers klarer Integration der Bundesrepublik in die
westliche Gemeinschaft gehörten schließlich auch die Mitgliedschaft
im nordatlantischen Verteidigungsbündnis sowie der Aufbau einer neuen
Armee. Und zur Bundeswehr gehörte über fünf Jahrzehnte lang die
Wehrpflicht. Der junge demokratische Staat sollte sich verteidigen
können. Vor allem, weil im Zuge des Kalten Krieges jenseits der
deutsch-deutschen Grenze das Regime in Moskau die Sowjetarmee sowie
die Streitkräfte seiner Vasallenstaaten gewaltig aufrüstete. Zum
Glück kam es nicht zu einem heißen Krieg in Europa und auf deutschem
Boden. Der hätte vermutlich im atomaren Inferno geendet. Die
friedliche Revolution in der DDR und der Mauerfall befreiten
Deutschland auch von dieser brisanten militärischen Gefahr. Nun
redete man von einer „Friedensdividende“, wenn Rüstungsausgaben
eingespart werden könnten. Und plötzlich bekam die alte Bundeswehr
ein Problem. Sie passte scheinbar nicht mehr in die neue
Friedensordnung, war überdimensioniert, hatte zu viele Panzer und
Soldaten. Deutschland war über Nacht nur noch von Freunden
„umzingelt“. Selbst der russische Bär, in Gestalt von Boris Jelzin,
brummte freundlich. Die Bundeswehr war, so erschien es manchem, fast
ein Fremdkörper im eigenen Land geworden. Freilich wissen wir heute,
dass sich nicht alle Hoffnungen der 90er Jahre erfüllten. Die Welt
wurde auch nach dem Fall der Ost-West-Konfrontation nicht
friedlicher. Eine erste ausländische Bewährungsprobe hatte die
nunmehr vereinte ost-westdeutsche Bundeswehr auf dem Balkan zu
bestehen. Es folgten der verlustreiche Afghanistan-Krieg, der immer
noch nachwirkt, sowie Dutzende andere internationale Einsätze. Vom
Anti-Piraten-Einsatz vor dem Horn von Afrika bis in den Libanon und
in die Türkei, um islamistische Extremisten in die Schranken zu
weisen. All diese Herausforderungen hat die neue und mehrfach
reformierte Bundeswehr mit Anstand gemeistert. Es war einzig die
allgemeine Wehrpflicht, die fortbestand und immer noch an die Zeit
des Kalten Krieges erinnerte. Diesen alten Zopf wollte jedoch vor
allem die Union partout nicht abschneiden. Die Pflicht zur
Vaterlandsverteidigung schien so in Stein gemeißelt wie die soziale
Marktwirtschaft, wie die Tarifpartnerschaft oder das Wahlrecht.
Allerdings war die gesellschaftliche Entwicklung einfach über dieses
Relikt hinweg gegangen. Von einer Wehrgerechtigkeit war längst schon
keine Rede mehr. Nur noch ein Bruchteil der jungen Männer eines jeden
Jahrgangs wurde wirklich noch zum „Bund“ eingezogen. Vermutlich
würden wir heute noch unter der Wehrungerechtigkeit stöhnen, wenn
nicht der damalige Minister Karl-Theodor zu Guttenberg den alten Zopf
abgeschnitten hätte. Dies bleibt ein Verdienst des CSU-Mannes. Vier
Jahre später sind die Probleme der neuen Freiwilligen-Armee aber
nicht kleiner geworden. Sie wird von Nachwuchssorgen geplagt, wogegen
auch von der Leyens Wohlfühl-Programm mit Kitas und W-Lan in den
Kasernen nichts ausrichten konnte.

Pressekontakt:
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