Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel von Sebastian Heinrich zu Islam/Religion/Integration

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Islamischer Staat, Islamismus, Islamisierung:
Wer heute auf Google „Islam“ als Suchbegriff eingibt, dem wirft die
Vervollständigungsfunktion der Internet-Suchmaschine zuallererst
Vokabeln des Schreckens entgegen. Das ist bezeichnend für die Angst,
den ein großer Teil der Deutschen mit dem Islam verbindet. Angst vor
einer „islamischen Kultur“, in der, so die Vorstellung, Frauen nichts
wert sind und Andersgläubige erst recht nicht. Eine Angst, aus der
die rechte Alternative für Deutschland politisches Kapital schlägt –
und mit der schwach recherchierende Autoren wie Thilo Sarrazin und
Hamed Abdel-Samad satte Honorare verdienen. Eine Angst, die zeigt,
dass viel schief läuft im Verhältnis vieler Deutscher zum Islam. Eine
Angst, die viel mit der Pauschalisierung des Islam zu tun hat. Diese
Pauschalisierung verleitet zu einfachen Wahrheiten – von denen sich
die deutsche Gesellschaft verabschieden muss. Die erste davon ist
die, dass es so etwas wie einen einheitlichen Islam gibt. Wer das
behauptet, verkennt die enorme Vielfalt der zweitgrößten
Weltreligion: die unterschiedlichen Glaubensrichtungen, die
unterschiedlichen Rechtsschulen, die völlig unterschiedliche Art, wie
Muslime in Saudi-Arabien oder Mali, im Iran oder in Indonesien ihren
Glauben leben. Wer „den Islam“ zudem als eine Art einheitliche
Ideologie bezeichnet, der beleidigt die vielen tausend sunnitischen
Kurden, die in Syrien und im Nordirak an vordersten Front gegen die
Terrormiliz „Islamischer Staat“ kämpfen und die Muslime, die in
Beirut, Bagdad oder Kabul vom Bombenterror islamistischer Extremisten
getötet werden. Der Islam ist eine komplexe Religion, mindestens so
facettenreich wie das Christentum. Doch mehrheitlich muslimische
Länder haben eine besondere Geschichte. Sie ist geprägt von einer
reichen, blühenden Kultur – aber spätestens seit 1798, seit dem
Einmarsch Napoleons in Ägypten, auch vom Gefühl der Demütigung durch
den Westen. Der Islam ist weder besser noch schlechter als andere
Religionen. Doch wer sich mit ihm befasst, sollte einfachen Urteilen
misstrauen und sich mehr darum bemühen, die muslimische Welt zu
verstehen. Die zweite einfache Wahrheit über den Islam hat ebenfalls
mit Pauschalisierung zu tun. Sie hält sich hartnäckig bei manchen
Linken und besagt, dass der Islamismus, die fundamentalistische
Auslegung des Islam, kein großes Problem sei. Das ist ein
verhängnisvoller Irrglauben. Der Islam wird mehr denn je für
politische Zwecke missbraucht. Das hat aber wenig mit dem Inhalt von
Koranversen zu tun. Und viel mit politischen und wirtschaftlichen
Interessen. Regionalmächte nutzen die von ihnen präferierte Lesart
des Islam, um ihren Einfluss zu vergrößern – auch in Deutschland: die
türkische Regierung über ihren Einfluss auf den muslimischen
DITIB-Verband; das schiitische Regime im Iran über das vom
Verfassungsschutz beobachtete „Islamische Zentrum Hamburg“;
Saudi-Arabien über Schulen wie die König-Fahd-Akadamie in Bonn. Der
Westen tut direkt und indirekt sehr viel, um den Vormarsch der
Extremisten zu unterstützen: direkt etwa durch Waffenlieferungen und
politische Rückendeckung für das fundamentalistische Regime
Saudi-Arabiens, das Menschenrechte brutal missachtet. Indirekt durch
militärische Interventionen wie den Drohnenkrieg der USA im Mittleren
Osten, bei dem nach wie vor unzählige unschuldige Zivilisten sterben.
Jeder dieser Toten erzeugt Leid, das Hass gegen den Westen sät, den
Islamisten mit ihren Parolen dann hochzüchten. Den Vormarsch der
Extremisten werden Krieg und Abschottung nicht verhindern, sondern
ernster Dialog mit Muslimen im Inland und muslimisch geprägten
Staaten auf der Welt. Das ist keine Gutmenschen-Kuscheldiplomatie,
sondern die einzige vernünftige Lehre aus Jahrzehnten voller
politischer Fehler. Ernster Dialog, das bedeutet innenpolitisch mehr
Einsatz für die Ausbildung von Imamen an deutschen Universitäten,
mehr Hilfe für Programme gegen die Radikalisierung muslimischer
Jugendlicher. Und außenpolitisch klare Kante gegenüber den Staaten,
die über ihren Einfluss auf muslimische Verbände in Deutschland die
Integration hier lebender Muslime behindern. Das ist kein einfacher
Weg. Aber es ist die einzige Strategie, die Hass und Extremismus
wirklich eindämmen kann.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
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