Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel zu den US-Vorwahlen: Zwei Kandidaten, ein Job von Thomas Spang

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Am Tag danach richten sich alle Augen auf den
Verlierer. Wird Bernie Sanders seine Drohung wahr machen und Hillary
Clinton die Krönungsfeier auf dem Parteitag Ende Juli in Philadelphia
vermasseln? Allein die Drohung lässt die Demokraten erschaudern.
Sanders weiß um die Macht, die er in der Stunde der Niederlage in den
Händen hält. Es ist die überwältigende Unterstützung seiner jungen
und unabhängigen Anhänger, ohne die Hillary das Rennen um das Weiße
Haus im November nur schwer gewinnen kann. Deshalb pokert der linke
Rebell hoch. Barack Obama wird Sanders bei dem für diesen Donnerstag
im Weißen Haus geplanten Gespräch gewiss dazu ermahnen, das Richtige
zu tun. Zumal sich Clinton bei den Vorwahlen nach jeder Metrik
überzeugend durchgesetzt hat. Sie holte die Mehrheit der Delegierten,
führt bei den Superdelegierten, siegte in der Mehrzahl der
Bundesstaaten und hat bei den absolut abgegeben Stimmen die Nase
vorn. Dass sich Sanders der designierten Präsidentschaftskandidatin
nicht gleich vor die Füße wirft, könnte aber auch Clinton helfen.
Indem der unterlegene Herausforderer für Änderungen im Wahlprogramm
und Personalien kämpft, bewahrt er in den Augen seiner Anhänger die
Glaubwürdigkeit. Damit verbessern sich die Chancen, dass diese ihm
auch folgen, wenn Bernie am Ende Hillary unterstützt. Alles andere
wäre ein Desaster für die Demokraten, die schnell zur Einheit
zurückfinden müssen, um den Rechtspopulisten Donald Trump im November
zu schlagen. Zumal es töricht wäre, dessen Chancen ein weiteres Mal
zu unterschätzen. Trumps Unterstützung speist sich aus derselben
Quelle, aus der auch die Sanders-Revolte schöpfte. Es sind die
tatsächlichen Verlierer der Globalisierung, diejenigen, die fürchten
die nächsten zu sein und Menschen, die unter Kontrollverlust-Ängsten
leiden. Das Versprechen, Amerika wieder großartig zu machen, drückt
eine Sehnsucht aus, die weit über das Trump-Lager hinaus ernst
genommen werden muss. Der große Unterschied zwischen Trump und
Sanders besteht darin, wie sie die Sorgen der Amerikaner kanalisiert
haben. Dass Trump mit rassistischen Ausfällen gegen Mexikaner und
Muslime Stimmung macht, disqualifiziert ihn für das wichtigste Amt
der Welt. Während Trump der fleischgewordene Mittelfinger der
Wutbürger ist, verkörpert Clinton das politische Establishment. In
einem Klima des Aufbegehrens gegen die festgefahrenen Strukturen
Washingtons findet sich Hillary damit in einer schwierigen Situation
wieder. Trump wird versuchen, die Wahlen zu einer Abstimmung über
Clinton zu machen. Wäre er selber ein Sympathieträger, könnte die
Strategie aufgehen. Clintons großes Glück besteht darin, einen
Gegenkandidaten zu haben, der noch unbeliebter ist als sie.
Angesichts der demographischen Realitäten der USA kann es sich ein
Kandidat nicht leisten, ganze Wählergruppen gegen sich aufzubringen.
Bei den Latinos hat er sich mit seinem Versprechen verscherzt, eine
Mauer an der Grenze zu Mexiko zu bauen und elf Millionen illegale
Einwanderer zu deportieren. Die Frauen hat er abgeschreckt, als er
forderte, Abtreibungen strafrechtlich zu verfolgen. All das gibt
Hillary ihrerseits nun die Möglichkeit, die Wahlen im November zu
einem Referendum über den Charakter Trumps zu machen. Das wird
allerdings nur gelingen, wenn sie selber die Reihen bei den
Demokraten schließen kann. Nachdem der Pulverdampf verzogen ist,
stehen Sanders und Clinton gemeinsam in der Verantwortung, größeren
Schaden abzuwenden.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
Telefon: +49 941 / 207 6023
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