Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel zu E-Autos: Starthilfe für Stromer von Reinhard Zweigler

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Der Elektrowagen der Coburger Firma Flocken
gilt unter Automobilhistorikern als das erste Elektroauto weltweit.
Das kutschenähnliche Gefährt wurde durch Strom aus Bleiakkumulatoren
angetrieben, die zu Füßen der Passagiere untergebracht waren. Das
Elektrofahrzeug wurde im Jahre 1888 gebaut. Nach einer kurzen
Hochzeit bis etwa 1912 wurden die Stromfahrzeuge rasch von Autos mit
Verbrennungsmotoren verdrängt. Sie waren in der Reichweite überlegen.
Benzin und Diesel wurde im Zuge der Automobilisierung rasch billiger.
Man bekam den Treibstoff nicht mehr beim Apotheker, sondern an den
ersten Tankstellen. Der Ausflug in die Historie der Automobilität
zeigt zweierlei: Erstens haben technische Entwicklungen und
bahnbrechende Erfindungen mit einer gewissen Verzögerung
wirtschaftlichen Erfolg nach sich gezogen. Und zweitens lässt sich
nicht mit Sicherheit vorhersagen, welchem Antriebskonzept die Zukunft
gehört. Von der Politik schon gar nicht. Insofern ist das
Milliarden-Förderpaket, das vom Bundeskabinett auf den Weg gebracht
wurde, auch ein Wechsel auf die Zukunft. Es ist das Signal an die
Industrie wie an die Autokunden gleichermaßen, dass die Politik
konkret etwas für Elektromobilität tut und Hightech-Mobile nicht nur
in Sonntagsreden beschwört und sich in vagen Prophezeiungen ergeht.
Diese Koalition betreibt etwas, wovor sich eher marktgläubige
Regierungen zuvor gescheut haben – nämlich Industriepolitik.
Verfechtern einer „reinen Marktwirtschaft“ muss der Staatszuschuss
wie ein Kardinalfehler vorkommen. Doch ohne diesen staatlichen Anstoß
kommen die Stromer in Deutschland nicht aus der Boxengasse. Sie
blieben auf mittlere Sicht ein teures Nischenprodukt. Übrigens sind
politische Eingriffe in die Automobilbranche durchaus nicht neu. Man
denke nur an den Katalysator, der sogar gegen erheblichen Widerstand
der Autokonzerne eingeführt wurde, oder die verfügte Gurtpflicht.
Auch hielt sich die Aufregung in Grenzen als auf dem Höhepunkt der
Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 eine fünf Milliarden Euro schwere
Abwrackprämie verfügt wurde. Allerdings ist das nun geschnürte
Förderpaket auch nicht frei von Nebenwirkungen und Widersprüchen. Die
Autohersteller, vom Volkswagen-Konzern einmal abgesehen, erzielen
derzeit Riesengewinne. Daraus könnten sie den Anschub für
Elektrofahrzeuge eigentlich auch selbst finanzieren. Zur Wahrheit
gehört allerdings auch, dass Mercedes & Co. bereits Milliarden in
Forschung und Entwicklung von alternativen Antrieben gesteckt haben.
Ein Blick in die USA, nach Korea oder Japan zeigt jedoch, die
Konkurrenz schläft nicht. Die ansonsten so erfolgverwöhnten deutschen
Autobauer befinden sich nicht auf der Poleposition der E-Mobilität,
sondern fahren in vielen Bereichen, etwa den Speichern, Batterien
oder der digitalen Vernetzung, hinterher. Auch bei diesen
Entwicklungen gibt der Staat mit Millionen an Förderung gewissermaßen
Starthilfe. Enorm wichtig ist zudem der Ausbau der Ladeinfrastruktur
durch die öffentliche Hand. Die Autobranche allein könnte diese
Aufgabe nicht stemmen. Ein wenig ungerecht ist es freilich, dass
viele Steuermillionen in umweltfreundliche Elektromobile fließen, die
sich der Normalverdiener derzeit eher noch nicht leisten kann. Der
Kauf von stromsparenden Kühlgeräten oder Waschmaschinen wird dagegen
nicht bezuschusst. Der Unterschied besteht allerdings darin, dass die
effizienten Haushaltsgeräte bereits jenen Durchbruch auf dem Markt
geschafft haben, der den klimaschonenderen E-Mobilen erst noch
bevorsteht. Hoffentlich.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
Telefon: +49 941 / 207 6023
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