Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel zu Integration/Burka-Verbot: Schleier mit Symbolkraft von Dagmar Unrecht

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Wer in diesen Tagen aus dem Urlaub im Ausland
zurückkehrt, hat vielleicht auch die ein oder andere Diskussion über
die deutsche Haltung in der Flüchtlingsfrage hinter sich. In Kroatien
zum Beispiel sprach eine Händlerin in einer Kleinstadt in Dalmatien
von einem „großen Fehler von Frau Merkel“, als sie an ihrem Obststand
deutschen Touristen Nektarinen verkauft. Diese Einzelmeinung zeigt
vor allem eines: Der Umgang mit Flüchtlingen und das Thema
Integration beschäftigt Menschen über Landesgrenzen hinweg. Die
Flüchtlingskrise hat Europa verändert. Welche Schlüsse Deutschland
ziehen muss, um den inneren Frieden innerhalb seiner Gesellschaft auf
Dauer zu erhalten, das ist die Gretchenfrage. Integration ist ein
großes Wort. Der Weg dahin kann nur in kleinen Schritten erfolgen.
Wie sensibel das Thema ist, zeigt die hitzige Debatte über
Verschleierungen muslimischer Frauen. Eine Frau, die ihr Gesicht
verhüllt, wirkt in der westlichen Gesellschaft auf viele befremdlich.
Der demokratische Anspruch, liberal und pluralistisch zu sein,
bedeutet aber, dass das Tragen eines Schleiers in unserer
Gesellschaft möglich sein muss. Die Frage ist, in welchem Umfang und
an welchen Orten. Auf Ämtern, bei Polizeikontrollen oder vor Gericht,
wenn es also um die Feststellung der Identität geht, muss jede
strenggläubige Muslima schon heute ihre Verschleierung ablegen. Dafür
braucht es keine neuen Gesetze. Eine entscheidende Rolle spielt aber
die Symbolkraft. Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der deutschen
Bevölkerung die Verhüllung, besonders die Vollverschleierung, als
Zeichen für die Unterdrückung der Frau interpretiert. Frauen haben
hierzulande lange für Gleichberechtigung gekämpft und tun es immer
noch, aus gutem Grund. Das ist ein wesentlicher Teil unserer
westlichen Kultur und bildet damit zwangsläufig eine Konfliktlinie
mit der Weltanschauung vieler Menschen aus mehrheitlich muslimischen
Ländern. Je mehr vollverschleierte Frauen in unserer Gesellschaft
präsent sind, umso schwieriger wird es. Einzelfälle sind leichter
tolerierbar. Integration ist auch eine Frage der Dosis. Kulturelles
Empfinden lässt sich nicht über Gesetze verordnen. Daher ist ein
Burka-Verbot keine Lösung. Von einer verschleierten Frau geht keine
reelle Gefahr aus. Wenn eine einzelne muslimische Schülerin mit einem
Gesichtsschleier ins Abendgymnasium geht, ist das keine Bedrohung für
unsere Demokratie. Der springende Punkt ist ein anderer. Die
Verschleierung führt uns kulturelle Unterschiede vor Augen, die per
Gesetz nicht überbrückbar sind, weil sich Wertvorstellungen nicht
allein über die Verfassungsordnung regeln lassen. Rund vier Millionen
Muslime leben in Deutschland. Sie gehören unterschiedlichen
Glaubensrichtungen an und sind mal mehr, mal weniger religiös. Es
gibt eine ganze Reihe muslimischer Verbände und islamischer
Gruppierungen, ein einheitliches offizielles Sprachrohr existiert
aber nicht. Das Fehlen einer klaren Stimme aus der muslimischen Welt
Deutschlands ist problematisch, wenn es darum geht, Stellung zu
beziehen. Was in den deutschen Moscheen gepredigt wird, dringt kaum
in die deutsche Öffentlichkeit. Doch genau da gehört es hin, um einen
offenen Dialog und auch eine Auseinandersetzung zu ermöglichen. Beim
Thema Integration kommt den muslimischen Organisationen in
Deutschland daher eine Schlüsselrolle zu. Ihre Vertreter sollten
ihren Einfluss nutzen und Brücken zwischen den Kulturen schlagen.
Gelingen kann ein friedliches Zusammenleben trotz unterschiedlicher
Wertvorstellungen nur in einer starken und stabilen Gemeinschaft.
Kulturelle Differenzen werden dennoch bleiben.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
Telefon: +49 941 / 207 6023
nachrichten@mittelbayerische.de

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