Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel zu München: Der Angst nicht nachgeben von Claudia Bockholt

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Es sind genau die Bilder, vor denen wir uns
seit Monaten gefürchtet haben: schreiende, weinende Menschen auf der
Flucht, nicht irgendwo auf der Welt, sondern am Münchner Marienplatz
und im Olympia-Einkaufszentrum. Das sind Orte, die auch die meisten
Oberpfälzer schon irgendwann einmal aufgesucht haben oder sogar gut
kennen. Es scheint so, dass das Attentat in München einen
terroristischen, vielleicht islamistischen Hintergrund hat. Sicher
ist: Der Horror hat uns alle endgültig erreicht. Wir können uns
derzeit nicht mehr völlig sicher fühlen, vielleicht nie, vielleicht
nirgends. Paris, Brüssel, Nizza, Würzburg, München: Jahr für Jahr,
Monat für Monat, nun Woche für Woche ist der Schrecken näher
herangerückt. Jetzt ist er da – und wie gehen wir nun damit um? Angst
ist ein Instinkt, der uns vor Urzeiten vor wilden Tieren rettete,
indem er Adrenalin ausschüttete und uns die Beine in die Hand nehmen
ließ. Mit wilden Tieren haben wir es in diesen Tagen nur im
übertragenen Sinne zu tun. Mit Menschen, die Unschuldige töten, im
Namen irgendeiner größenwahnsinnigen Vereinigung, die sich auf ihren
irregeleiteten Glauben beruft. Und mit Psychopathen, die den kranken
Märtyrerruhm von Selbstmordattentätern tatsächlich für ein
erstrebenswertes Ziel halten. Angst ist deshalb nicht der beste
Ratgeber. Wenn man um sich blickt, scheint aber genau dieses Gefühl
derzeit die Menschen und die Politik in vielen Teilen der Welt zu
leiten. Die Türkei wandelt sich binnen weniger Tage von einer
zumindest demokratisch ummantelten Autokratie hin zu einer
lupenreinen Diktatur. Präsident Erdogan reißt die alleinige Macht an
sich, lässt willkürlich tausende vermeintliche Staatsfeinde verhaften
– und Zehntausende jubeln ihm zu. Donald Trump, der zu Beginn seiner
Präsidentschaftskandidatur allenfalls als Schießbudenfigur mit
Wallehaar verspottet wurde, ist jetzt offizieller Kandidat der
Republikaner und hat gar nicht mal so schlechte Chancen, in die
Fußstapfen von Dwight D. Eisenhower, Gerald Ford und George W. Bush
zu treten. Er stößt düstere Drohungen gegen Muslime und
Armutsflüchtlinge aus, will Mauern bauen und seine Konkurrentin
Hillary Clinton wohl am liebsten auf einem Scheiterhaufen stehen
sehen. Und Zehntausende jubeln ihm zu. Russlands Präsident Putin hat
sein Land Stück für Stück in die Isolation getrieben, in einen
fatalen Krieg verwickelt, paktiert mit Machthabern, die ihm nicht
hinsichtlich ideeller Werte und Überzeugungen nahestehen, sondern
hinsichtlich der Kaltschnäuzigkeit, mit der sie ihre Interessen
verfolgen und durchsetzen. Und auch ihm jubeln Zehntausende zu. Angst
sollte es uns machen, wenn die Welt die Balance verliert. Wenn immer
mehr Menschen über Macht verfügen, die nicht einmal so tun, als
würden sie ausschließlich zum Wohl ihres Volkes wirken wollen. Wenn
immer mehr Menschen glauben, dass man nur einen starken Mann mit
martialischen Sprüchen an die Spitze eines Staates stellen muss, und
alles wird wie von Zauberhand wieder gut. Angst darf es uns machen,
wenn wir die Welt, wie wir sie kannten, erst einmal ad acta legen
müssen. Es ist ein schrecklicher Gedanke, dass die jahrzehntelange
Periode weitgehender Stabilität und des Friedens im Land vielleicht
unterbrochen ist. Dorthin zurück zu kommen, muss jedoch unser
wichtigstes, unser einziges Ziel sein. Deutschland ist eine
hochgebildete, hochtechnisierte Zivilisation. Weglaufen ist im Jahr
2016 kein Ausweg. Sich von Angst lähmen zu lassen, ist es auch nicht.
Die Sicherheit wird in den nächsten Tagen wichtigstes Thema sein. Die
Politik muss angstfrei besonnene Antworten finden.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
Telefon: +49 941 / 207 6023
nachrichten@mittelbayerische.de

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