Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel zu Tschernobyl/Atomkraft: Atomkraft, nein danke von Stefan Stark

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Angesichts der Bedeutung der Kernenergie könne
die Welt einen Unfall vom Ausmaß Tschernobyls pro Jahr ertragen. So
sprach Hans Blix, der frühere Generaldirektor der Internationalen
Atomenergiebehörde, nach der Reaktorkatastrophe vor 30 Jahren. Ein
nuklearer GAU alle zwölf Monate schadet also nicht – dieser Zynismus
ist angesichts des Leids der Tschernobyl-Opfer aus heutiger Sicht
schwer zu überbieten. Dass Blix später Berater beim schwedischen
Energiekonzern Vattenfall wurde, der die Bundesregierung wegen des
Atomausstiegs dann auf Schadensersatz verklagte, stellt da nur noch
eine böse Ironie am Rande dar. Zumindest in Deutschland würde Blix
für seinen dummen Spruch inzwischen zum Teufel gejagt. Denn
Tschernobyl bedeutete eine scharfe Zäsur in der öffentlichen
Wahrnehmung. Nach dem 26. April 1986 war es jäh vorbei mit dem
blinden Glauben daran, dass die Technik alle Risiken der Kernkraft
beherrschen könnte. Der Nuklearunfall gab einen enormen Impuls für
die Anti-Atom-Bewegung, er war eine wichtige Triebfeder für den
Widerstand gegen die WAA in Wackersdorf – und der wichtigste
Geburtshelfer der Grünen, die danach in die Parlamente einzogen. Auch
politisch blieb Tschernobyl nicht völlig folgenlos. Zwar dachte die
damalige Kohl-Regierung nicht im Traum an eine AKW-Stilllegung – aber
eines muss man konstatieren: Immerhin ließ sie kein einziges neues
Atomkraftwerk mehr bauen. Dass dies alles andere als
selbstverständlich ist, zeigt der Blick in unsere Nachbarländer. Der
Atomstaat Frankreich ist mit Kernkraftwerken regelrecht
zugepflastert. Direkt am Rhein grüßt täglich der Pannenmeiler
Fessenheim als Denkmal für das nukleare Restrisiko über die Grenze.
In Belgien stehen Uralt-AKW, die offenbar von Islamisten als
Terrorziele ausgespäht wurden. Die Schweizer haben vier
Kernkraftwerke, von denen zwei älter als 45 Jahre sind. Und direkt
vor unserer ostbayerischen Haustüre befindet sich der
Hochrisikoreaktor Temelin, dessen Sicherheitsausstattung nach
Einschätzung deutscher Experten haarsträubend ist. Ein GAU dort – und
große Teile der Oberpfalz und Niederbayerns wären Evakuierungszone.
Wer immer noch nicht genug hat von der Atomkraft, dem sei die Lektüre
von Studien über erhöhte Krebsrisiken von Kindern in der Nähe
deutscher AKWs empfohlen. Darüber hinaus stellt die ungeklärte
Endlagerung des Atommülls eine Herausforderung dar, die noch für
große Probleme und viel Streit sorgen wird. Das einzig Nachhaltige an
der Kernkraft ist der radioaktive Abfall, der zukünftigen
Generationen bleibt. Den endgültigen Beweis für das Scheitern der
Atomkraft lieferte die nukleare Katastrophe in Fukushima – genau 25
Jahre nach Tschernobyl kam es zum GAU im Hightech-Superland Japan.
Doch nur Deutschland hat darauf mit einem Atomausstieg reagiert. In
vielen anderen Industrienationen erlebt die Kernkraft dagegen eine
Renaissance. Rund um den Globus sind neue AKW in Planung oder im Bau
– von den USA über Frankreich, Großbritannien und Russland bis nach
China und Japan. Das bedeutet nicht, dass die Bundesregierung mit der
Energiewende auf dem Holzweg ist. Es ist richtig, dass sich
Deutschland von einer Technologie verabschiedet, die mit so vielen
Risiken für die Bevölkerung verbunden ist. Man stelle sich nur vor,
der nächste atomare GAU würde sich mitten in Bayern ereignen – in
Gundremmingen oder im AKW Isar 2. Diese Regionen mit ihren
florierenden Wirtschaftsstandorten sind zehnmal so dicht besiedelt
wie nördliche Ukraine. Die Regierungen anderer Länder vertreten
offenbar die Ansicht, dass Unfälle wie in Tschernobyl oder Fukushima
vertretbar sind – zumindest einer pro Vierteljahrhundert. Es ist gut,
dass sich Deutschland aus der Reihe dieser Nuklear-Zyniker
verabschiedet hat, indem auch die Bundeskanzlerin sagt: Atomkraft,
nein danke. Den Orden dafür hat aber nicht allein Angela Merkel
verdient, sondern mehrere Generationen von Atomgegnern. Ohne ihren
Widerstand – von Gorleben bis Wackersdorf – hätte es die Energiewende
nicht gegeben.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
Telefon: +49 941 / 207 6023
nachrichten@mittelbayerische.de

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