Mittelbayerische Zeitung: Nie wieder! Das Gedenken an das Kriegsende ist auch nach 70 Jahren wichtig – und die Mahnungen sind hochaktuell. Von Stefan Stark

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In ihrer allerersten Ausgabe vom 23. Oktober
1945 titelte die MZ: „Deutschlands Vernichter unter Anklage.“ 70
Millionen Tote, Europa in Trümmern, das Menschheitsverbrechen des
Holocausts – die Schrecken des Zweiten Weltkriegs waren
allgegenwärtig, als unsere Zeitung damals über die Nürnberger
Kriegsverbrecherprozesse berichtete und die Schuldigen benannte: die
Nazis, die schlimmste Mörderbande der Geschichte. Heute, 70 Jahre
später, ist das dunkle Kapitel durch zahlreiche Gedenkveranstaltungen
wieder präsent. Und bald werden wir wieder aus bekannten Ecken
Forderungen hören, endlich einen Schlussstrich unter die
Vergangenheit zu ziehen: „Wir haben genug gezahlt, wir haben genug
gebüßt, wir wollen nicht ewig die Sündenböcke der ganzen Welt sein,“
heißt es dann – dieselben Parolen, die schon vor 10, 20, 30 und 40
Jahren verbreitet wurden. Die Geschichte kennt aber keinen
Schlussstrich. So wie die deutsche Einheit, Kaiser Wilhelm II. oder
Friedrich Barbarossa Teil unserer Vergangenheit sind, so ist es auch
der Holocaust. Wer eine Auslöschung der Erinnerung daran fordert,
verlangt Geschichtsfälschung. Und er verhöhnt die Opfer der Nazis –
sowie die letzten Überlebenden der Vernichtungslager. Beim Gedenken
an das Kriegsende geht es nicht um eine deutsche „Erbschuld“, die von
Generation zu Generation weitergereicht wird. Sondern darum, die
Erinnerung an die größte Menschheitskatastrophe wachzuhalten
verbunden mit der Mahnung, dass sich so etwas niemals wiederholt.
Zumal die letzten Zeitzeugen in wenigen Jahren tot sein werden. Warum
es so wichtig ist, immer wieder an die Vergangenheit zu erinnern,
zeigt eine Auswahl von MZ-Artikeln der vergangenen Wochen und Monate:
Vor 70 Jahren wurde die Nazi-Diktatur beendet – heute brennen in
Deutschland Flüchtlingslager. Die Öffentlichkeit gedenkt der
Befreiung der Konzentrationslager – in einem Dorf bei Flossenbürg
tauchen Hakenkreuz-Schmierereien auf. 2011 flog die NSU-Terrorzelle
auf – im Münchner Prozess werden seitdem die Abgründe des
rechtsextremistischen Terrors sichtbar. Der Pegida-Gründer posiert
mit Hitler-Bärtchen – und seine Bewegung mobilisiert Tausende Bürger
zu Protesten gegen die vermeintliche Islamisierung des Abendlands.
Ausgerechnet in Dresden – der Stadt, deren Zerstörung zum Sinnbild
der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs wurde. All das zeigt, dass die
Mahnung: „Nie wieder“ keine leere Phrase ist. Sie muss ein
moralisches Gebot für jeden Demokraten sein, damit sich finsterste
Geschichte bei uns nicht wiederholt. Deutschland hat sich durchaus
einer weltweit wohl einzigartigen Vergangenheitsbewältigung gestellt
– in den Schulen genauso wie in der historischen und medialen
Auseinandersetzung mit der NS-Zeit. Aus diesem Grund sind Neonazis,
Rassisten und Antisemiten bei der Mehrheit der Bevölkerung geächtet.
Das ist ein Verdienst der Politik und eine große Leistung der
demokratischen Gesellschaft. Denn der Blick auf unsere EU-Nachbarn
zeigt, dass diese Errungenschaft alles andere als selbstverständlich
ist. In Österreich feierte die rechtspopulistische FPÖ mit
ausländerfeindlichen Parolen zahlreiche Wahlerfolge. Gleichzeitig
sehnt sich jeder Dritte in der Alpenrepublik laut einer Umfrage nach
einem starken Führer. In Frankreich hat der Gründer des Front
National nie einen Hehl aus seinem Judenhass gemacht. Inzwischen wird
seiner Tochter Marine Le Pen zugetraut, die nächsten
Präsidentenwahlen zu gewinnen, nachdem sie sich offiziell vom
Antisemitismus distanzierte. Deutschland ist vor ähnlichen
Entwicklungen nicht gefeit. Man denke an die AfD, in der es durchaus
Sympathien für Parolen von Rechtsaußen gibt und die in Parlamente
einzieht. Auch bei uns könnte etwas geschehen, das in vielen
Nachbarländern als „normal“ empfunden wird: Die extreme Rechte wird –
unter bürgerlichem Deckmantel – wieder als salonfähig empfunden. Die
Gesellschaft muss daher wachsam bleiben. Das gelingt nur, indem man
die Erinnerung an die Geschichte bewahrt.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
Telefon: +49 941 / 207 6023
nachrichten@mittelbayerische.de

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