Mittelbayerische Zeitung: Rette sich, wer kann / Diesel-Gate kostet Winterkorn den Job. Doch es wären noch ganz andere Konsequenzen wünschenswert. Leitartikel von Bernhard Fleischmann

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Nun also doch: Martin Winterkorn, ein Manager,
den so schnell wirklich nichts umwirft, muss abtreten. Einer, der
seinen Platz im Olymp der Autobosse sicher zu haben schien. Was
sollte einen Mann noch aus der Bahn schleudern, der eine
Alles-oder-nichts-Attacke von Ferdinand Piëch überstanden und sogar
gewonnen hat? Tatsächlich gibt es noch Schlimmeres für einen Manager,
als Piëch zum Feind zu haben: die weltweite Öffentlichkeit und die
beinharte US-Justiz. Der bullige Schwabe ist keiner, der vorschnell
aufgibt, wenn er davon überzeugt ist, auch in Zukunft der beste Mann
für Volkswagen zu sein. Doch die Dimension von Diesel-Gate ist viel
zu groß, als dass der Konzernchef dem hätte standhalten können. Er
mag weder an den Betrügereien beteiligt gewesen sein noch davon
gewusst haben – die Verantwortung liegt bei ihm. Undenkbar, dass er
und VW dem juristischen und propagandistischen Feuer vor allem aus
den USA weiter hätten standhalten können. Dem Konzern erleichtert der
Rücktritt die Verhandlungen mit den US-Behörden ein bisschen. Die
werden sich gnadenlos genug gegenüber Wolfsburg zeigen. Dass die
Amerikaner unterschiedlich hart mit Unternehmen umgehen, abhängig
davon, ob sie US-Firmen oder ausländische sind, ist nicht von der
Hand zu weisen. Unabhängig davon – es braucht schon viel kriminelle
Energie, um eine ausgeklügelte Software zu entwickeln, die die
Abgasreinigung eines Diesel-Motors lediglich im Testmodus aktiviert.
Vielleicht sahen die dafür verantwortlichen VW-Mitarbeiter aber auch
den einzigen Ausweg aus den harten Vorgaben aus Wolfsburg. Dort war
man unzufrieden mit dem schwachen US-Geschäft. Winterkorn selbst
bekam diese Kritik immer stärker zu spüren. Brutale Sparvorgaben
machen es nicht leichter, die Erfolgsspur zu finden. Eine
aufwändigere Abgasnachbehandlung hätte die Einhaltung der Grenzwerte
ermöglicht, aber die Kosten erhöht. Da ist ein Elektronik-Kniff viel
billiger. Nun ist der Schaden aber riesig. Für VW, für andere
Autohersteller, vielleicht sogar für die deutsche Wirtschaft
insgesamt. Wie weit sich das Desaster ausbreitet, ist nicht absehbar.
Wie weit sich Beteiligte und Mitakteure in dem schmutzigen Spiel
schnell absetzen, um nur ja nichts abzubekommen, ist indes
sehenswert. Der Verkehrsminister, aber beileibe nicht nur er, tut nun
so, als wäre ohne den Betrug bei VW alles bestens. Von wegen. Die
unheilige Auto-Förderallianz in Deutschland gehört längst um ihre
schmutzigen Tricks bereinigt. Es wird seit Jahren toleriert, dass auf
Prüfständen in einem Maß manipuliert wird, das dem hinterfotzigsten
Gebrauchtwagenhändler große Bewunderung abtrotzt. Dieselmotoren
verbrauchen etwas weniger Treibstoff, erzeugen aber viel höhere
Schadstoffe. Die kann man eliminieren – mit hohem Aufwand. Das macht
ihn teuer. Wenn das zu teuer ist, dann ist das halt die falsche
Technologie. Dennoch wird Diesel hierzulande durch niedrigere Steuern
an der Zapfsäule unterstützt, weil die deutschen Hersteller sehr
viele Modelle davon verkaufen. Auch hat sich die Bundesregierung
enorm stark dafür gemacht, das Umweltlabel für Autos nicht nur vom
Verbrauch und Schadstoffausstoß (nach den lässigen Prüfnormen!)
abhängig zu machen, sondern auch vom Gewicht – je schwerer, umso
günstiger. Welch ein Irrsinn. Glaubwürdigkeit sieht anders aus. Das
muss nun VW schmerzlich lernen. Dass die Wolfsburger sich bei
Umwelttechnologien stark ins Zeug legen, ist ja nicht nur
Feigenblatt. Da stecken durchaus Überzeugungen dahinter. Nur hinter
der jetzigen Dieselrußwolke sieht das momentan niemand.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
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