Mittelbayerische Zeitung: Rio für den Alltag / Noch immer gibt es Berührungsängste mit Behinderten. Das ist eine Riesenchance für die Paralympics. Leitartikel von Claus-Dieter Wotruba

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Gerne wird die Wertigkeit eines
Sportereignisses nach Zuschauern in Zehntausenden, Hunderttausenden,
am allerbesten in Millionen gemessen. Doch nicht alles ist – obwohl
nicht weniger interessant – in gleicher Weise massentauglich. Siehe
Frauenfußball: Da kann die Nationalmannschaft noch so viele Erfolge
vom Weltmeistertitel bis zum Olympiasieg erringen – ein bei jedem
Spiel ausverkauftes Stadion wird es in der Bundesliga trotzdem nicht
geben, auch nicht bei Spitzenteams wie dem VfL Wolfsburg, dem FC
Bayern München oder Turbine Potsdam. Behindertensport ist darüber
hinaus ein heikles Thema, obwohl „Inklusion“ ja derzeit in aller
Munde ist. Es ist ein in unseren Tagen leider zu oft und gerne auch
mal falsch angewendeter, sogar missbrauchter Modebegriff geworden.
Inklusion klingt immer gut – aber sie zu leben ist nicht leicht und
schon gar nicht auf Knopfdruck zu schaffen, nur weil der Begriff sich
so gut verkauft. Echte Inklusion hat eine ganz einfache Definition:
Sie bedeutet, Belange gehandicapter Menschen so gut zu
berücksichtigen, dass sie so gut wie irgend möglich mit ihrem
Nachteil leben können. Das klingt sehr einfach, ist es aber nicht.
Behinderte sorgen bei Nicht-Behinderten allzu oft noch für
Berührungsängste, Unsicherheit und Hemmschwellen. Diese Hindernisse
lassen sich abbauen. Im und mit Sport gelingt das besonders gut.
Heute beginnen in Rio de Janeiro die siebten Paralympischen Spiele
einer neuen Zeitrechnung: Erst seit Barcelona 1992 finden sie jeweils
drei Wochen nach den Olympischen Spielen und am selben Ort statt. Es
hat sich immens viel getan in diesen 24 Jahren. Aus dem „Ach, das
gibt–s ja auch noch“-Ereignis wird zusehends eine gleichwertig
wahrgenommene olympische Fortsetzung. Zwar hat paralympisches Gold
noch nicht den Stellenwert der Hauptspiele. Sicher werden nicht
Milliarden vor den Fernsehschirmen sitzen. Aber zur Erinnerung: Schon
bei Olympia beklagten sich golddekorierte Sportler darüber, dass
ihnen nur ein paar Tage Aufmerksamkeit geschenkt wird. Auch sie
wünschten sich, die Berichterstattung würde übers Jahr weitergehen.
Bei den Paralympics geht es für die Sportler um den Wettbewerb und
für das Publikum darum, zu erkennen, was diese Sportler leisten, ihre
Leistung zu respektieren und wertzuschätzen und ihr den angemessenen
Platz einzuräumen. Mit ein wenig Training nebenbei ist auch bei den
Paralympics schon lange kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Die
Leistungen sind sehr ansehnlich, ja erstaunlich. Was natürlich gleich
auch die Schattenseite offenbart: Doping ist auch Teil des
Behindertensports geworden. Dass aber die Russen bei den Paralympics
komplett ausgeschlossen, bei Olympia hingegen nur teilweise
rausgeworfen wurden, zeigt nur, dass es nicht einmal bei der Ächtung
von Doping völligen Einklang von Behinderten und Nicht-Behinderten
gibt. Es ist noch viel zu tun. Menschen neigen dazu, sich „schöne“
Erfolgreiche zu suchen. Die Olympiasiegerin mit Model-Potenzial wird
umlagert und bekommt Werbeverträge. Wer optisch weniger hervorsticht,
wird eher nur hingenommen. Schon an dieser Stelle kann sich der
Betrachter in Fairness üben. Im Behindertensport hat es sogar noch
mehr Nachgeschmack, wenn vornehmlich Sportler gezeigt werden, die nah
an dem sind, was wir als normal empfinden und deren Behinderung auf
den ersten Blick vielleicht gar nicht zu erkennen ist. Manche
Handicaps rufen wohl zunächst ein „unangenehmes“ Gefühl hervor.
Hemmschwellen eben. Die Darstellung des Behindertensports in seiner
ganzen Breite kann durchaus dazu beitragen, die Hindernisse abzubauen
und deutlich zu machen, was eigentlich sofort jeder sieht, wenn er es
nur sehen will: Die Menschen, die bei den Paralympics Medaillen
gewinnen oder einfach nur eine für sie starke Leistung zeigen, sind
wie alle anderen Sportler auch. Sie sind mit vollstem Herzen und
Leidenschaft dabei, trainieren und suchen den Erfolg. Das ist die
wichtigste Mission für Rio de Janeiro, Teil II: in der Wertschätzung
wieder ein paar Schritte voranzukommen. Ganz unabhängig von Millionen
Zuschauern und der Anzahl der deutschen Edelmetalle. Und noch
erfolgreicher sind die Spiele von Rio, wenn diese Fortschritte auch
im Alltag der Menschen ankommen.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
Telefon: +49 941 / 207 6023
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