Mittelbayerische Zeitung: Wie es uns gefällt / Die Vorwahlen in den Vereinigten Staaten 2016 werden anders sein. Vor allem anders für uns Deutsche. Leitartikel von Christian Kucznierz

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Vielleicht war die Begeisterung für Barack
Obama in Deutschland immer schon größer, als in den USA. Sicher aber
ist: Sie hat hierzulande länger angehalten als jenseits des
Atlantiks. Obama, der als Wahlkämpfer Hoffnungsträger der
amerikanischen Mitte, der Afroamerikaner und Hispanics war, blieb
auch dann noch Heilsfigur einer deutschen Öffentlichkeit, als er
Zuhause vor den Scherben seiner Versprechungen stand. Europa und vor
allem Deutschland wollte an einen US-Präsidenten glauben, der vor
allem eines war: nicht George W. Bush. Und so wundert es kaum, dass
in Deutschland jeder damit rechnet, dass Hillary Clinton seine
Nachfolgerin im Weißen Haus wird. Nur wählen nicht die Deutschen den
US-Präsidenten. Sondern die Amerikaner. Und die ticken anders. Wer
sich jetzt, kurz vor dem Caucus in Iowa, dem Auftakt der Vorwahlen,
die Kandidaten ansieht, weiß, dass es eben nicht nur Hillary Clinton
auf der einen und Donald Trump auf der anderen Seite gibt. Bernie
Sanders hat durchaus Chancen, in dem Agrarstaat gegen die frühere
First Lady zu gewinnen. Und Ted Cruz, extremer Hardliner der
Republikaner, die wenige als gemäßigt beschreiben würden, könnte
vielleicht dem Milliardär Trump diesen ersten Sieg abspenstig machen.
Sicher: Iowa ist nur eine von vielen Vorwahlen, und wer hier gewinnt,
hat die Präsidentschaftswahl noch lange nicht in der Tasche. Aber:
Wer hier verliert, verliert einen Vorsprung. Der Blick auf die
jeweils beiden Favoriten im Lager der Demokraten und der Republikaner
sagt viel über den Zustand der Vereinigten Staaten. Trumps Erfolg
gründet sich darauf, dass er sich einen feuchten Kehricht um
politische Korrektheit schert. Dass er, ganz Populist, einfache
Antworten auf komplexe Fragen gibt, egal, ob sie dem Problem gerecht
werden oder überhaupt realistisch sind. Er spricht die Verunsicherten
und die Frustrierten an, von denen es in den USA nicht erst seit der
Finanzkrise genügend gibt. Ted Cruz vereint eine tiefe Religiosität,
die trotz aller Aufgeklärtheit immer noch fester Bestandteil der
US-Gesellschaft ist, mit einer Ablehnung des etablierten
Politikbetriebs. Cruz ist, wie Trump, ein Anti-Obama – aber einer,
dessen christlich-fundamentale Weltsicht wesentlich bedrohlicher ist
als Trumps Selbstverliebtheit. Ein Anti-Obama ist der Demokrat
Sanders in gewisser Weise auch. Obama wurde von den Republikanern oft
beschuldigt, Sozialist zu sein. Sanders selbst spricht von sich als
„demokratischem Sozialist“, und das, was er an sozialem Umbau
verspricht, lässt selbst Obamas bitter umkämpfte Gesundheitsreform
nach einem Spaziergang aussehen. Also doch Clinton, die Obamas
Politik fortzusetzen verspricht? Schön wäre es. Durch die
US-amerikanische Gesellschaft zieht sich schon seit langem ein großer
ideologischer Graben. Der Bruch verläuft meist entlang
moralisch-ethischer Fragen: der Haltung zu Waffengesetzen, zur
Gleichstellung von Lebensformen, zum Umgang mit Drogen. Oder, es geht
um Grundsätzliches: um die Rolle des Sozialstaats oder des Staates
generell und nicht zuletzt um die Rolle der USA in der Welt. Die
beiden Seiten entlang dieses Grabens wurden lange durch die
Demokraten und die Republikaner besetzt. Ein Blick auf Trump/Cruz und
Clinton/Sanders zeigt, dass auch diese Ordnung Risse bekommt. Die
Präsidentschaftswahl 2016 mag am Ende doch auf ein Duell zwischen
Clinton und Trump hinauslaufen, das dann möglicherweise zugunsten der
früheren Außenministerin ausgeht. Allein die Existenz und das
Beharren einer Figur wie Donald Trump als ernsthafter Gegner einer
etablierten, wenn auch spröden Politikerin belegt aber, dass die
Vereinigten Staaten eben nicht so ticken, wie wir es gerne hätten.
Die Tatsache, dass Kandidaten der Mitte bei den Republikanern, wie
Jeb Bush, überhaupt keine Rolle mehr spielen, spricht Bände. Ebenso
wie die Tatsache, dass mit Cruz oder Sanders Akteure mitmischen, die
vielleicht zu extrem sind, um mehrheitsfähig zu werden. Aber beides,
die fehlende Mitte und die zunehmende Stärke der Extremen, zeigt,
wohin die Reise gehen könnte. 2016 werden Weichen gestellt für die
Vereinigten Staaten. Möglicherweise viele, die uns nicht gefallen.

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