Neue Westfälische (Bielefeld): 15 Jahre Parteivorsitz Merkel ist die CDU THOMAS SEIM

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Am Anfang war die Provokation: Mit einer
wahrlich nicht vorteilhaften Fotografie von Angela Merkel schaltete
die CDU in der Fachzeitschrift „w & v“ (Werben und Verkaufen) eine
Anzeige und forderte die versammelte Werbeindustrie auf: „Machen Sie
mehr aus Ihrem Typ!“ Das war im Januar 2001. Merkel war damals erst
knapp neun Monate im Amt als Nachfolgerin von Wolfgang Schäuble, der
wiederum gerade erst den ehemaligen CDU-Ehrenvorsitzenden und
Altkanzler Helmut Kohl nach dessen Parteispendenaffäre abgelöst
hatte. Eine Partei, die sich für die natürlich gegebene
Regierungspartei hielt und hält, hatte eine Frau an der Spitze.
Vielleicht kann man heute nicht mehr nachempfinden, was dieser
Vorgang für eine Wende in der politischen Kultur Deutschlands
bedeutete. Die CDU nach 15 Jahren Merkel-Vorsitz hat mit der Partei
der Bonner Republik nichts mehr gemein außer ein paar unbedeutenderen
Namen. Ihre damals herrschende Machtelite ist Geschichte. Die CDU
heute ist Merkel. Merkel ist die CDU. Ein paar Namen von sogenannten
jungen Wilden, die sich alle für potenzielle Nachfolger von Helmut
Kohl hielten, kennt man noch. Roland Koch zum Beispiel, der mit einer
Kampagne gegen Ausländer an die Macht in Hessen kam, dann aber in der
Wirtschaft floppte; oder Christian Wulff, der sich selbst aus dem
Präsidentenamt kegelte. Günter Oettinger auch, der politisch nach
Europa entsorgt wurde; Ole van Beust, der in Hamburg als
Di-Mi-Do-Bürgermeister zweifelhaften Ruhm erwarb, weil er sein
Wochenende gern auf Sylt verlängerte; Oder Peter Müller, der
Saarländer am Bundesverfassungsgericht; Friedrich Merz vielleicht
noch, der die dicken Teppiche der Bank-Chefetagen den Niederlagen
gegen Merkel vorzog. Sie alle hat Merkel als politische Konkurrenten
abgeräumt. Sie hatte damals eine sogenannte Boy Group und ein
sogenanntes Girls Camp um sich versammelt, um ins Kanzleramt
einzuziehen. Anfang 2001 glaubte sie noch an eine Kanzlerkandidatur
schon 2002. Einmal noch musste sie für Edmund Stoiber weichen. Heute
regiert sie die CDU nur noch nebenher. Das meiste Alte und Verstaubte
ist verschwunden. Die Landesverbände in der Provinz – ehedem die
starken Wurzeln der Union – verlieren an Bedeutung. Hinter Merkel
glänzen derzeit nur die Ministerpräsidentin des Saarlandes, Annegret
Kramp-Karrenbauer, und die CDU-Vizin Julia Klöckner aus
Rheinland-Pfalz. Die CDU ist weiblicher geworden. Sie hat sich
befreit von rechtskonservativem Gedankenstaub, dem politischen Mief
der Hinterzimmer. Merkel hat sich und ihre Partei in die Erneuerung
gezwungen, weg vom harten neoliberalen Wirtschaftskurs und
bedingungslosem Glauben an die Atomkraft hin zu einer Partei, die
aktuell wieder bei über 40 Prozent angelangt ist. Die Kanzlerin ist
so beliebt wie keiner ihrer Vorgänger im Amt. Alles könnte gut sein.
Und doch bleibt die CDU unruhig. Vielleicht liegt das daran, dass mit
Merkel die AfD möglich wurde. Vor allem aber liegt es daran, dass
sich die Christdemokraten vor der Zeit ohne Merkel fürchten. Sie
haben derzeit weder erkennbare Personen noch konkrete Inhalte, mit
denen sie ihre Regierungszeit verlängern könnten. Diese Zeit wird
kommen, auch wenn sie nicht in Sicht ist. Das macht das nächste Jahr
spannend: Vielleicht kann man an der Wahlen in Rheinland-Pfalz
erkennen, ob es wieder veritabel eine – junge wilde –
Ministerpräsidentin geben kann, die sich vielleicht für Berlin eignen
könnte.

Pressekontakt:
Neue Westfälische
News Desk
Telefon: 0521 555 271
nachrichten@neue-westfaelische.de

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