Neue Westfälische (Bielefeld): Amoklauf Der ganz normale Wahnsinn Ralf Müller, München

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Terrorattacken mit Dutzenden von Toten in
Frankreich, ein wüster Axt-Angriff bei Würzburg – das alles hat uns
beinahe vergessen lassen, dass es noch den „ganz normalen Wahnsinn“
gibt. Obwohl es erst im vergangenen Mai auf dem S-Bahnhof Grafing bei
München eine Messerattacke eines offensichtlich Geistesgestörten mit
einem Toten und mehreren Verletzten gegeben hatte, denken wir bei um
sich schießenden oder stechenden Gewalttätern gleich an IS-Terror.
Das geht sogar so weit, dass – wenn man will – sich sogar Zeugen
auftreiben lassen, die „Allahu akbar“ (Gott ist groß) bei der Bluttat
im Münchener Einkaufszentrum gehört haben wollen, obwohl der Täter
nichts mit Islamismus, dafür umso mehr mit Amokläufern wie den
norwegischen Massenmörder Breivik am Hut hatte. Obwohl der Islamische
Staat mit der Münchener Mordtat nicht in Verbindung steht, profitiert
er doch davon. Der Vorfall hat gezeigt, wie weit die Dschihadisten
schon mit ihrem Vorhaben vorangekommen sind, Angst zu verbreiten, der
Hauptzweck von Terror. In den seligen Vor-Terror-Zeiten wäre wohl die
Polizei nicht auf die Idee gekommen, wegen einer Schießerei in einem
Stadtbezirk alle öffentlichen Verkehrsmittel lahm zu legen, den
Hauptbahnhof zu räumen, die GSG9 anzufordern, die Bundeswehr in
Alarmbereitschaft zu versetzen und die Bewohner aufzufordern, in den
Häusern zu bleiben – undenkbar. Um nicht missverstanden zu werden:
Die Polizei musste das ganz große „Besteck“ auffahren. Denn gerade
weil man terroristische Hintergründe und die Strategie der Anschläge
an mehreren Orten nicht ausschließen konnte, war höchste Vorsicht
geboten. Das ändert nichts daran, dass die Angst und der enorme
Aufwand, der heute bei solchen Anlässen entsteht, den Terroristen in
die Hände spielen. Traurig, aber wahr: Man kann Terror heute sogar
mit Durchgeknallten verbreiten, die man gar nicht „unter Vertrag“
hat. Überflüssig bis schwer erträglich sind in solchen Fällen die von
Politikern vorschnell ins Gespräch gebrachten Rezepte. Diesmal hat
sich SPD-Chef Sigmar Gabriel blamiert. Ein schärferes Waffenrecht
hilft nichts gegen den Handel mit illegalen Waffen mit unkenntlich
gemachten Seriennummern wie sie in München benutzt wurde. Wer sich
unter Rededruck setzt, überhört Erkenntnisse von Fachleuten wie des
Münchener Polizeipräsidenten Hubertus Andrä: „Solche Taten kann man
nicht mit polizeilichen Maßnahmen verhindern“.

Pressekontakt:
Neue Westfälische
News Desk
Telefon: 0521 555 271
nachrichten@neue-westfaelische.de

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