Neue Westfälische (Bielefeld): Ehemaliger SS-Wachmann steht in Detmold vor Gericht Es gibt keine Entschuldigung Dirk-ulrich brüggemann

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Die Verbrechen der Nationalsozialisten waren
schrecklich. Es ist nur schwer vorstellbar, dass Menschen so etwas
anderen Menschen angetan haben. Aber es ist geschehen. Und heute gibt
es nur noch wenige Zeitzeugen, die damals vor mehr als 70 Jahren
dabei waren und über die Gräueltaten der Nazis berichten können. Wer
einen der Vorträge von Erna de Vries, Justin Sonder oder Leon
Schwarzbaum hört, ist betroffen und bewegt. Man muss sich fragen, ob
Worte überhaupt das brutale und unmenschliche Geschehen in den
Vernichtungslagern beschreiben können. Jetzt hat einer letzten großen
NS-Prozesse in Detmold vor dem Landgericht begonnen. An zwölf
Verhandlungstagen wird jeweils für zwei Stunden der 94-jährige
Reinhold Hanning auf der Anklagebank der Schwurgerichtskammer sitzen
und den Zeugen zuhören. Am ersten Verhandlungstag zeigte er keine
Regung, als Leon Schwarzbaum seine Erlebnisse im Kontentrationslager
Auschwitz schilderte. Hanning saß blass zwischen seinen Verteidigern,
hatte die Hände gefaltet, schaute auf den Boden und reagierte auch
dann nicht, als ihn Schwarzbaum zum Ende seiner Aussage direkt
ansprach und aufforderte, endlich zu sagen, was damals wirklich
passiert ist. Die ehemaligen SS-Wachmänner, die sich heute noch vor
Gericht verantworten müssen, waren zur Tatzeit blutjunge Soldaten,
die im Sinne der Nationalsozialisten erzogen waren. Sie waren damals
Anfang 20, in untergeordneten Positionen tätig. Bei den Angeklagten
handelt es sich um Beispiele für die vielzitierten „Rädchen im
Getriebe“. Aber das entschuldigt nicht ihr damaliges Handeln. Sie
waren Teil der Vernichtungsmaschinerie, die ohne ihr Zutun nicht
funktioniert hätte. Und wenn eine Holocaustleugnerin wie die
87-jährige Ursula Haverbeck sich in die Schlange der
Prozessbeobachter einreihen will, dann ist dieses Verhalten mehr als
nur ein Schlag ins Gesicht der Opfer. Da ist es nur zu verständlich,
wenn sie aus der Schlange gedrängt wird. Unumstritten sind die
Prozesse nicht. In den kommenden Wochen beginnen noch zwei weitere
Verfahren. Es gibt Stimmen, die die Verfahren gegen hochbetagte
Beschuldigte kritisch sehen. Die Verbrechen aber auf sich beruhen zu
lassen und den Angeklagten zu ersparen, sich zu ihrer Verantwortung
zu bekennen, geht aber auch 70 Jahre nach dem Massenmord an den Juden
nicht.

Pressekontakt:
Neue Westfälische
News Desk
Telefon: 0521 555 271
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