Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar: „Dichte“ Staatsgrenzen gegen die Flüchtlinge Rückfall ins vorige Jahrhundert Lothar Schmalen

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Eine längst vergangene Welt: Der Zöllner in der
dunkelgrünen Uniform, der sich freundlich an die heruntergelassene
Fensterscheibe der Fahrertür beugt, und sagt: „Die Ausweise bitte!“
Aber auch lange Autoschlangen an den Grenzübergängen in
Urlaubszeiten, wenn sich der Verkehr an den Zollhäuschen staute.
Damals, in den 60er und 70er Jahren, gab es noch keine offenen
Grenzen, sondern Kontrollen an jedem Übergang. Waren die Grenzen
deshalb „dicht“? Jedenfalls ist die Forderung, die Grenzen wieder
„dicht“ zumachen, eine der vielen populistischen Losungen dieser
Tage. Wer wie der Autor dieser Zeilen nur wenige hundert Meter von
einer Grenze (der zu den Niederlanden) aufgewachsen ist, der weiß,
wie scheunentorweit offen die „dichten“ Grenzen von damals in
Wirklichkeit waren. Wie einfach es etwa war, Kaffee, Zigaretten oder
anderen unerlaubte Genussmittel über die angeblich kontrollierte
Grenze zu schmuggeln. Wie leicht werden es dann verzweifelte
Bürgerkriegsflüchtlinge haben? Deutschland hat mehr als 3.700
Kilometer Landgrenze, allein 815 Kilometer misst die
deutsch-österreichische. Der allergrößte Teil davon fällt unter den
Begriff „grüne Grenze“. Unbewachte (und meistenteils auch
unbewachbare) Feldwege, Wiesen, Wälder, Hügel und Berge. Wie, bitte
schön, soll diese Grenze „dicht“ gemacht werden? Es gab in
Deutschland eine undurchlässige Grenze in Wirklichkeit nur in
Richtung Ostblock, vor allem zur DDR. Und die war für viele tödlich –
wegen der Selbstschussanlagen und schießbereiter Soldaten, die ein
zynisches Grenzregime der DDR damals einsetzte. Die DDR nannte diese
Grenze damals „antifaschistischen Schutzwall“. Es sei denjenigen, die
zurzeit mit der Parole durch Land ziehen: „Macht die Grenze endlich
dicht“, nicht unterstellt, dass sie einen derartigen „Schutzwall“ nun
gegen Flüchtlinge errichten wollen. Wie aber soll eine „dichte“
Grenze denn aussehen? Etwa so, wie der von Soldaten bewachte Zaun des
ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán? Auch die Österreicher,
die jetzt vollmundig eine Obergrenze verkündet haben, wissen in
Wirklichkeit nicht, wie sie das bewerkstelligen sollen. „Dichte“
Grenzen sind und bleiben eine Illusion. Ihr kann sich nur der
hingeben, der dem weltpolitischen Problem der Flüchtlingsströme aus
Afrika und Arabien nach Europa mit einfachen Lösungen begegnen
möchte, weil ihm die komplizierten zu unbequem sind.

Pressekontakt:
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